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22.2.2012 : 20:37 : +0100

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Das TAGEBUCH EINES LANDPFARRERS

erscheint seit Mitte 2005 im Netz. Zur Zeit kann es ab 1. Januar 2011 gelesen werden. 

Es ist umgekehrt chronologisch geordnet, der aktuellste Beitrag erscheint also immer oben.

Dienstag, 14. Feber

Als ob ich vergessen hätte, wieviel Schnee in kürzester Zeit herabstürzen kann aus Himmeln - jedenfalls stapfe ich verwundert durch die weiße Masse. Soziologisch betrachtet hat der Zerfall von Kirchengemeinden zur Folge, daß die Menschen vereinsamen, über keinen Ort der Versöhnung mehr verfügen (haben sie doch ohne Hochmut um den Altar sich versammelt und haben wie Brüder getrunken aus einem Kelch)! Nunmehr haben sich alle in ihre Unterstände geflüchtet. Ihre Kinder werden wie Wölfe erzogen; sie haben jedes Interesse an Theologie, Philosophie und vor allem an Dichtung verloren. Tatsächlich erweisen die Häuser, die vor unseren Augen in diesen Tagen hochgezogen werden, als archaische Höhlen sich (jedes Detail entspricht einem Stein, der sich zur Mauer fügen wird). Häuser sind nur noch Mauern aus Materialien, die ganz neu, die deutungslos und unverstanden wuchern um uns her. Ich werde über Hölderlin sprechen. Ich werde sprechen über Gott. Ich werde ihnen das Antlitz des Herrn vor Augen halten. Ich werde zitieren aus Walter Bröckers und Heinrich Buhrs Schrift „Zur Theologie des Geistes“ („Die Korrektur der theologia crucis durch die theologia spiritus, deren Vorkämpfer Hegel und Hölderlin gewesen sind, ist keineswegs eine abwegige Ketzerei. Ihre Quelle ist das Johannes-Evangelium und ihre feierliche Sanktion der dritte Artikel des Glaubensbekenntnisses. An die Theologie des Geistes zu erinnern, scheint den Verfassern der folgenden Ansätze heute an der Zeit.“). Obwohl nunmehr ausgesprochen müde wie erschöpft, werde ich noch lange nachdenken über Gedichte aus der Feder René Chars - als „Parallelaktion“ gewissermaßen („Die Parallelaktion steht in Gestalt einer einflußreichen Dame von unbeschreiblicher geistiger Anmut bereit, Ulrich zu verschlingen.“ Musil) --- als Parallelaktion zum fallenden Schnee.

Montag, 13. Februar

Am Dienstag vor fast einer Woche habe ich im Kirchlein von Mochenwangen gelesen --- Kirchlein, welches, durch eine Allee verbunden, der Papierfabrik gegenübersteht. Ein geradezu tarkovskij'sches Arrangement: das Einander- Zugeordnetsein von sakralem Raum und Fabrik. Ach, die Verlorenheit von Poesie, dem Spiel der Harfe, dem Gesang dazu, auf einem Hügel in oberschwäbischer (von den Lastwagen der Papierfabrik auch durchweinter) Frost-Nacht. Wertvolle hohe Augenblicke inmitten eines womöglich vom Menschen sich abwendenden Universums. Wer dies nachempfinden kann!

Sonntag, 12. Februar

In den zurückliegenden Tagen (im Sinne einer regelmäßigen spirituellen Lektüre) wieder intensiv Proust gelesen. Ich bewundere die Dichte der Gedanken, den klaren Aufbau, das Sich-Verlieren im "Metapherngestöber", ich bewundere den ausufernden Strom der Sprache, und: daß man, lesend über Spargel oder Weisdornhecken, immerzu die Gewißheit empfindet, am Mysterium menschlicher Passion teilzuhaben (zu trinken vom Wasser der Nichtigkeit, die Schönheit zu verehren des Hierseins). Ich lese Proust und fühle mich gleichzeitig versetzt in die katastrophische Frostlandschaft der Schalamov'schen Kolyma. Vermeintlich randständige (beiläufig anmutende) Details spiegeln das Jahrhundert von Dresden, Stadt die an einem 13. Februar ausgelöscht wurde--- ich denke an Dresden und Buchenwald. Ein Spaziergang durch das Venedig des Marcel Proust steht immer auch für den Weg der Flüchtlingsströme

Montag, 6. Februar

(aus den PRÄLUDIEN ZU ALOGIZITÄT UND MORGENGLANZ) „Ach Schönheit du wirst mich wie Judas verraten /Nacht wird sein und August.“ (Odysseas Elytis) In den letzten Jahren haben wir zusehends deutlicher zur Kenntnis nehmen müssen, daß das Leben keine feste Form hat, daß alles im Fließen begriffen, daß der Vogelflug noch viel zu organisiert und geordnet, die Flußläufe noch allzusehr dem Bett und Ufer verbunden, als daß sie, Vogelflug wie Flußläufe, in Gestalt einer Metapher, Flut, Chaos, Schmerz und Tränen (die auch des Gelächters) auszudrücken in der Lage wären. Es gibt keine Sprache (auch nicht in der Malerei und der Musik), die Geborenwerden und Sterben schlußendlich deuten könnte. Unsere Augen sind einsam verschneite russische Wälder, an denen wir vorübergehen, unsere Augen sind Buchten, in die der Ozean kommt, sich auszuruhen, um alsbald wieder zu fliehen und Tang und Schlick und hellblau angestrichenem Fischerboot, wie dem Leuchtturm auch, einmal mehr Adieu zu sagen; unsere Augen sind fast blind --- wir sehen die Flugzeuge am Himmel und wissen doch, daß unser Hiersein kürzer als die zwei Augenblicke, die wir, Kognak trinkend, im Flugzeuginnern zubringen einiger Lebensjahre. Es erscheint mir als müßig und überflüssig, eine Form zu suchen, die dem Leben entspräche. Man sollte die Sprache wuchern lassen, dem Brennesselfieber folgen, aufzeichnen, Eisenbahnknotenpunkte festhalten, man sollte alles geschehen lassen. Jazz ist weniger eine Richtung der Musik; Jazz ist recht eigentlich Sprache, Wahn, Erwachen, Bekehrung, Tumor und Die-Augen-Schließen. Der Begriff „Jazz“ erinnert mit seinen vier Buchstaben an das Tetragramm. Wir sind gottesfürchtig genug, die Dinge nicht durcheinander zu werfen. Wir verehren den Höchsten, den Einzigen. Jazz oder die profane Musik etwa von Alfons Vel Magnànim --- mit Verlaub, gefragt: wie der Höchste wohl die End- und Uferlosigkeit der verströmenden Zeit in Sprache gefaßt hätte? Wer jemals einen württembergischen Posaunenchor bei einer Beerdigung hat spielen hören, weiß, was Jazz sei; der wird die Ohren legen an den Brustkorb des Seins und pochen hören wollen das Herz. Sinnlos, zu planen. Wir planen weniger und weniger. Wir nehmen wahr, wie die Form sich selbst entwickelt. Sie wächst hervor aus dem hauptsächlich musikalischen Material. Wir übermalen (wie Arnulf Rainer Tafeln übermalt) die Texte des Lebens und folgen so einem eher natürlichen Prozeß. Wir spüren, wie das Leben hierhin ausschreitet, die Stiefel auf Asphalt setzt, um dann doch wieder über Wasser zu gehen. Ich baue weißen Weine aus mit meinem Schreiben (das ein Atemloses hat der Gierigen, dem aber die Verhaltenheit gleichermaßen nicht fremd, dieses Herumstehen von Gastarbeitern auf Bahnhöfen der 60erjahre des XX.Jahrhunderts, dieses sehnsüchtige Warten auf Nichts). Und dann ziehen wir weiter, Schritt für Schritt. Den Begriff „Improvisation“ möchte ich von mir weisen! Mit Improvisation hat das alles nichts zu tun. Warlam Schalamow ist der Lehrmeister meiner Geschwätzigkeit (weil in seiner nüchternen Kargheit er meinem womöglich barock anmutenden Gefasel denkbar näher steht, als viele seiner Nachahmer vermuten würden). Der Verlauf eines einzigen Tages ist voller Überraschungen. Wenig Vorhergesehenes, das enträfe. Wie schwarze Hunde treten Phänomene des Nicht-Beabsichtigten hinter einem Mauervorsprung in die Zeit. Warum sollten die Ereignisse Sklaven sein meiner gestaltenden, allniederschreibenden Hand. Ich sagte mir: „Laß die Geschehnisse ihr eigenes Leben führen“

Freitag, 3. Februar 2012

Zuweilen werde ich überflutet von Träumen ganz und gar theoretischer Art. So träumte mir im Schlaf der Morgenfrühe ein Gespräch zwischen Shakespeare und Paulus. Einander gegenüber standen die paulinische Frage („Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“) und die Behauptung Shakespeares (welche ich geträumt; ich wüßte um keinerlei Bezug zum Werk), daß wir, sterblich wie auch immer, doch knöcheltief in ufernahen Wassern einer Unzerstörbarkeit (in uranfänglichen Wassern, worauf in 1. Mose 1,2 angespielt wird) waten würden. Ich meinte eine entschiedene Parteinahme für die (geträumte) Annahme Shakespeares getroffen zu haben. Wiewohl bereits des öfteren vergleichbar theoretischer Träumerei (im Sinne eines klar umrissenen Traumes) ausgeliefert, nehme ich dieser Tage erst ausdrücklich Notiz davon.

Dienstag, 31. Januar

Der erste Schnee dieses Winters. Kinderrufe so laut, daß sie die Kellertreppen herabgestiegen kommen, einzukehren in die Mikrokosmen meiner Seele. Herzlich und festlich der Empfang für eure Stimmen, arme Kinder. In welchen Kleiderschrank von Zukunft wird man euch Kinder sperren? Schaut, wie groß die Flugzeuge, die fliegen über das Dorf. Vergleichbar elegant und grau sind jene Tauben, die in der Frühe aus Kronen aufflattern der Bäume. Sehr lange gebetet an diesem Morgen.

Montag, 30. Januar

Mein Tisch, unter Fenster geschoben, welche auf eine Kirchturmuhr hin den Blick gewähren; Tisch, an dem ich schreibe und lese; Odysseas Elytis nachgesprochen: meine Barke, in der ich hinaustreibe auf der Gedanken offenes Meer. „Das philosophische Licht um mein Fenster ist jetzt meine Freude“ (Hölderlin in einem Brief an Casimir Ulrich Böhlendorf).

Mittwoch, 25. Januar

Ich war spazierengehn in Tübingen, und habe einige Zeit, eine Dreiviertelstunde lang vielleicht, unmittelbar am Neckarufer in einem Garten gestanden und dem Hingehn des Stroms mein Augenmerk geschenkt. Auch die Zugfahrt über die Schwäbische Alb vermochte mich zu begeistern, zumal ich in der Ferne den weißen Strich von Zugvögeln habe wahrnehmen dürfen. Dieser Tage bin ich ständig unterwegs. Ich sehne mich nach meinem Studierzimmer, nach dem samtroten Sessel, dem schönen Pelikan-Füller, nach der unvergleichlich intensiven Stille der Nächte im verwitterten Wohnkasten. Heute Mittag bereits wieder auf dem Friedhof, und bin müde nunmehr wie die Schlechtwetterwolke, die über Mikhail Bulgakows „Meister und Margarita“ blüht. Ein fahriger, bitterkalter Wind riß mir den Hut vom Kopf , als ich an Hotels vorüberschritt, die, dem Winterschlaf ausgeliefert, wie Sträflinge kahlgeschoren dem Winter sich dargeboten. „Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker“ (Jes. 60,2).

Donnerstag, 19. Jan. 

Rückkehr aus München. Vergangenen Dienstag sechs Stunden lang zu Fuß durch die Stadt gegangen (bis an die Ränder hinaus, wo mein Schritt die Felder und die stadtumspülenden Weltstraßen mit dem leisen Autoverkehr berührt), und dabei immer die Aktentasche mit den Hölderlinbänden mitgeschleift. Zwei Nächte im Schlaflabor (Klinik rechts der Isar): Ein kleines, stilles, geradezu abgelegenes (wie zur Südseeinsel „Tinian“ gehörendes) Hotelzimmer, und verdrahtet wie ein Versuchstier. Nachts im Johannesevangelium gelesen; dessen hervorstechende Eigenschaft: ein kalter, fremder Wind, durch die Hütten streifend der Menschen. Wir sterben nicht an Krankheiten; wir sterben an der Zeit: „Klopstok gestorben am / Jahrtausend“ (Hölderlin). 

Montag, 16. Januar 

Wir sind immer davon ausgegangen, es sei EIN Tod, dem schlußendlich die Rolle zukäme, Gegenspieler Gottes zu sein; der Tod sei ein Allgemeines, welches aller Biographien (alles Gewordenen) sich bemächtige, alles niederwürfe und verschlänge. So in der Weise: „Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen....“ Über die Jahrtausende hin haben wir geglaubt und angenommen, es sei unsterblich der Tod. Tatsächlich stirbt ein bestimmter Tod mit einem bestimmten Menschen; stirbt mit jedem Pirol sein jeweiliger Tod. Der Tod ist kein überzeitlich Allgemeines, das in verschiedenste Gestalten des Daseins sich hinein verteilte. In dieser Hinsicht denke ich entschieden antiplatonisch und sage, daß die Zahl EINS unserem Gott alleine zukommt; alles Seiende jedoch zersplittere in Jeweiligkeiten. Angekettet an besagte Jeweiligkeiten geht auch der jeweilige Tod zu Grunde. Also hat auch der Tod eine Biographie (ein Geborenwerden und Sterben, das an mich und dich, an jeweilige Personen gebunden ist). Indem ich die Biographie verfasse eines Menschen, schreibe ich, als Schatten sozusagen, die Biographie seines Todes mit. Der Tod hat keine Macht. Er stirbt mit meinen Augen. 

Donnerstag, 12. Jan.

Das Haus birgt unser Hiersein. So können wir die Winter überstehen, die Nächte mit ihren lustigen Dämonen der Schlaflosigkeit. Das Haus ist Höhle, Schutzraum. In Anlehnung an Psalm XCI bin ich geneigt, zu sagen: Wer unter den Schirm des Hauses sitzt / Und unter dem schatten des Hochgebauten bleibt. Der spricht zu dem Haus / meine Zuversicht und meine Burg / Mein Haus auff das ich hoffe --- ich möchte nicht sagen, was ich in Predigten oft sage: daß Häuser (in allen möglichen Gestalten) Zelte nur sind (flüchtig in den Staub gekritzelt die Zeichen ihres Gewordenseins wie ihres Vergehens); möchte vielmehr fragen, was unser Zugegensein, unser Wohnen hinwiederum den Häusern schenkt? Das Haus bekommt meinen Atem, meine Gedanken, meine Bücher berühren die so oft eisigkalten Mauern. Ich schenke dem Haus den Vogelflug meiner Irrtümer. Ich schenke dem Haus meinen Namen, den irren Gesang meiner verwitterten Träume. Ich schenke dem Haus weiße Weine meiner Abende, schenke dem Haus die Geburt meiner Kinder, das abrahamitische Wesen einer Wandtafel. Und die Handschrift der Angst, Handschrift des schwarzen Tees, der, knieend vor der Heraufkunft eines Tages, Röcke hebt der frühen, so sehr frühen Stunden --- „Er (Wittgenstein) ging alle großen Probleme an und tat es mit einem Verantwortungsbewußtsein, das die Heutigen nicht mehr besitzen. Wittgenstein ist ein Gipfel vorsokratischer Philosophie in einer alexandrinernden und mandarinentümelnden Welt. Die heutige Welt ist eine schreckliche Welt; und vielleicht kann sie nur noch von jenen gerettet werden, die sich den Monotheismus unter den Bedingungen der Diaspora bewahrt haben. Nur sie können der verwüstenden angelsächsischen Kultur entgegentreten und den guten Monotheismus des Geistes in der Kultur wiederherstellen.“ (Constantin Noica) Lektüren sind Sandstürme, die unsere Herkunft verwehn. Ich könnte mir Lektüren gut vorstellen als häusertragende Fundamente und Säulen. Nicht nur Kulturen, Häuser auch, sind auf Schrift gebaut, über Buchstaben errichtet. Buchstaben sind Kähne, die uns hinüberbringen in eine gottgeistüberglänzte (am Alpenrand gekenterte) Zeit.

Sonntag, 8. Januar

„Ich möchte nicht sehen müssen, wie ich schmutziger, vom Leben gebeugter und zerstörter Mensch durch die Straßen streife; möchte mich nicht selbst anschauen müssen. So viele Tragödien, die sich vor meinen Augen zugetragen, daß ich zuletzt nicht auch noch die eigene sollte mitanschauen müssen.“ Er sprach leise. Ich war ihm in einem Dorf der Provence begegnet. Wie sich herausstellte, war er in meiner Heimatstadt, zu Ludwigsburg, geworden worden, war dort aufgewachsen, um später zur Fremdenlegion zu gehen. Er hat die Höllen durchschritten. Er war in Korea, in Algerien. Er sprach voller Bewunderung über Deutschland, in das er nie mehr zurückgekehrt, dessen Literaturen er aber gelesen, dessen Musik er studiert. Er zählte sich zum GEISTIGEN DEUTSCHLAND. Er hat Menschen getötet. Er hat Jean Paul gelesen (das Werk Jean Pauls erschien ihm als Inbegriff sprachlicher Fertigkeit). „Ich habe Tiere getötet.“ Er liebte die Choräle seiner Kindheit. Er liebte die Sprache, die zu sprechen sich wenige Möglichkeiten nur boten (über Alltägliches mit Touristen sich auszutauschen, war er nicht aufgelegt). Er suchte den Zuspruch der Vergebung. Er suchte das Gespräch über Christus. Er wußte, daß man die Sünden eines Lebens nicht einfach abwaschen kann. Selten bin ich einem Menschen begegnet, der sich so sehr nach Vergebung gesehnt wie dieser ehemalige Fremdenlegionär. Einen Großteil der Gedichte René Chars kannte er auswendig. Er hatte das Aussehen eines Clochards. Er war geistiger Bettler. Er streckte die Hand nicht nach Münzen aus; wohl aber nach Geist und Vergebung. „Ich werde sterben im Süden Frankreichs. Die Ewigkeit werde ich nicht schauen.“ Habe ich jemals einen traurigeren Menschen gesehen?

 Donnerstag, 5. Januar 

Ich mag keine Autos. Autofahren ist mir ein Ärgernis; ich bin dankbar, im Ort mit dem Fahrrad unterwegs sein zu können. Gleichwohl gibt es einen Augenblick, der (es fällt mir schwer, dies auszusprechen)--- der das Auto von seiner wunderbaren Seite zeigt: Wenn man auf jemanden wartet (etwa unter einer vor sich hinsterbenden Linde), und der erwartete Mensch im Auto, bei gesetztem Blinker, langsam einbiegt in den Hof --- dieses unvermittelte Auftauchen und gemächliche Abbiegen von der Straße, das Einbiegen in den häßlich anthrazitfarben asphaltierten Hof ist elegisch, erinnert an Geborenwerden und Sterben --- die Endlichsprechung einer unzerstörbaren Trauer (als ob jemand, im Begriff, einen letzten Schluck schwarzen Kaffees zu nehmen, die Tasse an die Lippen heben und dabei flüchtig aus dem Fenster schauen und sagen würde: „Es ist Zeit, wir müssen aufbrechen“.) 

 2. Januar 2012

Karl-Heinz Bohrer - ich habe viele seiner Bücher gelesen (besonders leidenschaftlich die Werke „Ästhetische Negativität“ und „Das Tragische“); ich habe über Jahrzehnte den MERKUR (Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken) immer wieder gelesen und besonders Bohrers Beiträge geschätzt, auf die Lektüre eines Essays aus seiner Feder mich regelrecht gefreut (habe es oft nicht erwarten können, endlich die Zeit zu finden, gierig Buchstabe für Buchstabe zu inhalieren). Zentral für sein Schreiben: das gebetsmühlenhaft wiederkehrende Thema einer vermeintlich provinziellen Kultur der Bundesrepublik; darüber herzuziehen, diese zu beschimpfen, lächerlich zu machen, geriet zusehends zur singulären Meisterschaft des Literaturprofessors. So sehr mir die Klage über fehlenden Stil, die vermißte geistige Strenge, die offensichtlich abhandengekommene Kenntnis klassischen Denkens in Hinsicht auf Mythos, alte Sprachen, Philosophie gefallen - sofern mich dieser Angriff auf Kleingeistigkeit (eine vermeintlich sozialdemokratisch, deutsch-protestantische Kultur der Rechtschaffenen) auch zu begeistern wußte und meine innere Zustimmung unbedingt (mindestens während des Lesens) auch fand - stets haben Zweifel sich gemeldet; lebendig immerzu die Frage, ob Bohrer selbst womöglich an der Oberfläche lediglich herumkratze; ob sein Stil, seine Art zu schreiben, nicht geradezu besagte provinzielle Kultur-Großwetterlage widerspiegle. Bohrer hat über das Kanzleramt gewettert, die Sprache der offiziellen Politik verhöhnt, eine vollständig kitschige Wohnkultur verachtet, auf die eine Gesinnung der political correctness nur allzugut sich reime, den großen Stil vermißt in der Kunst überhaupt --- er hat nie über das Weinen auf Friedhöfen, Intensivstationen, Nervenheilanstalten geschrieben. Bohrer war Abgeordneter der offiziellen Kultur. Er hat nie im Kellerloch Dostojewskis ausgeharrt, seiner Feder war jeder Anflug von Metaphysik, von Verehrung, von hölderlin'scher Frömmigkeit so fremd; fremd ihm auch Höhlen der Angst (wie diese besonders im außerordentlichen Buch NAKED LUNCH von William S.Burroughs sich dargestellt finden). Karl-Heinz Bohrer war seit jeher Anwalt der Historie, einer der Schachzüge analysiert, dem es nie (vielleicht kein einziges Mal) gelungen wäre, Kerben des Schmerzes in sein Buchstabenbesteck hineinzuschnitzen. Er ist ein Autor des guten Geschmacks. Vielleicht wäre er gerne in Bezirke des Großen Stils eingedrungen --- bei aller Bewunderung des Bielefelder Wissenschaftlers (und heute in Paris und London Lebenden) - er verfügt nicht über jenen Blick, welcher einen Nietzsche, einen Kierkegaard, einen Louis-Ferdinand Céline unter den Heutigen auszumachen und zu erkennen begabt wäre (Bohrers Denken kreist um gehobene Schätze). Es gibt den Untergrund. Es gibt den Großen Stil. Es gibt die Hingabe an Schmerz und Tod. Es gibt Frömmigkeit. Die Genialität der Luthersprache lebt und webt und ist da. Wo nur wäre sie aufzustöbern und zu finden, wo nur, wo? 

 Freitag, 30. Dezember 

München; Egon-Schiele-Ausstellung. Am Tiefsten angesprochen haben mich die Gedichte des Malers, sowie die im Gefängnis verfertigte Zeichnung zweier Stühle (darunter das Wort: „Kunst kann nie modern sein; sie ist immer urewig“). Intensiver als in den Bildern und Zeichnungen entdecke ich im Schrifttum Schieles jene Festlichkeit, welche mehr ist als 'hoher Stil'. Es ist etwas Nordisches. Eine besondere Art der Christusverehrung, wie sie im Schwäbischen wie im Baltischen meines Erachtens gründlicher als gründlich sich ausspricht. Über mancher Flasche württembergischen Rieslings steht der Morgenstern (und man spürt, daß Weinbau tief spirituell sein kann - wie etwa auch Pēteris Vasks VIATORE (per orchestra d'archi, Hommage à Arvo Pärt aus dem Jahr 2001) als tief spirituell und einsam gedeutet zu werden vermag. Wir suchen immer etwas in der Kunst, wie wir im Wein die Hingabe suchen an die Jahreszeiten (daß diese nicht wie fremde Reiter mit der Waage in der Hand auf schwarzen Pferden an uns vorübertreiben). Warum können wir eine Zeichnung nicht einfach nur Zeichnung sein lassen (und ihr einen versonnenen einsamen Nachmittag gönnen im Museum, welches früher eine U-Bahnstation war)? Weil in unserem Betrachten (wie in unserem Hören) bereits Deutung sich verbirgt. Unser Suchen (dies unzerstörbare Heimweh) nimmt als Bodensatz unserer Sprache einen festen Platz in dem Augenblick ein, wenn wir das erste Mal MAMA sagen. München ist in meinen Augen das Hinausschauen auf einen Hinterhof und das Verspüren, wie tief nordisch (auch sommers) diese Stadt 

Donnerstag, 29. Dez.

Im Lichtkreis, den die Straßenlampe wirft, erkenne ich die Amsel, wie die friert und ihr Lied nicht singt (aber Amseln singen während der Nächte nie). So gerne hätte ich ihr eine Zigarre angeboten, sie gefragt, in welcher ihrer 142 Wohnungen sie sich am wohlsten fühlen würde. Wenn wir Christus begegnen, werden wir wie diese Amsel sein, verfroren und wie ein Häuflein Laub so winzig und werden sprachlos sein und nicht mehr pfeifen (auch kein kleines Lied). Ich denke an die Wohntürme von Shanghai, an das Heer der Verlassenen und Einsamen, die in ihren Küchen sitzen und vor sich hinstarren. So viele Räume des Buckingham Palace, die in dieser Nacht ganz dunkel daliegen. Ich betrete mein Zelt in der Kirchstraße 11 und singe ein Lied („..und mit unserm Munde /danken Dir, o Jesulein“), denke lange über das Gedicht UŽUPIS nach meines Namensvetters Tomas Venclova aus Vilnius, putze meine Winterstiefel.

 Dienstag, 27. Dez. 

Autofahrt im dichten Nebel nach Bregenz. Im Foyer des Kunsthauses die Installation HATE RADIO. Folgendes dazu aus dem Programmheft (es fiele mir schwer, die eigene Stimme zu erheben angesichts eines solchen unermeßlichen Grauens): „Hätte man ein einfaches und wirkungsvolles Ziel gesucht, um den Genozid in Ruanda zu verhindern, schrieb der US- amerikanische Journalist Philip Gourevitch, wäre der Radiosender RTLM ein guter Anfang gewesen. Mit unbeschreiblichem Zynismus hatten die Mitarbeiter des populären Senders den Völkermord seit Monaten wie eine Werbekampag- ne vorbereitet. Das Programm bestand aus Pop-Musik, packenden Sportreportagen, politischen Pamphleten und an Verachtung nicht zu überbietenden Mordaufrufen. Die Grooves der neuesten kongolesischen Bands und aggressivste Rassenkunde vereinten sich hier auf wenigen Quadratmetern zu einem düsteren Laboratorium rassistischer Ideologie. Als am 6. April 1994 das Flugzeug des ruandischen Präsidenten Habyarimana kurz vor der Landung von zwei Raketen getroffen wurde, war dies das Startsignal für den grausamsten Genozid seit dem Ende des Kalten Krieges. In den Monaten April, Mai und Juni 1994 wurden in dem zentralafrikanischen Staat schätzungsweise zwischen 800.000 und 1.000.000 Angehörige der Tutsi-Minderheit und Tausende gemäßigter Hutu ermordet....Die Hilfsmittel, mit denen Menschen jeden Alters und Geschlechts erniedrigt und zu Tode gebracht wurden, waren denkbar einfach – Macheten, Knüppel, einige wenige Gewehre. Doch das wohl wichtigste Instrument des Genozids war das „Radio Télévision Libre des Mille Collines“ (RTLM)“.

 In den Stockwerken darüber Arbeiten von Valie Export. Beim Betrachten der Zeichnungen, Skizzen, Photographien, Videos der Wahl-Wienerin fühlte ich mich zurückversetzt in die Jahre der Adoleszenz, wurde ich erinnert an damalige Fieberlektüren (Guy Debord, Antonin Artaud), an den Mai 1968, überhaupt an eine gewisse Poesie meiner früheren Jahre (Poesie, die ich in Arbeiten von Valie Export, Joseph Beuys, Robert Rauschenberg, John Cage, in den Dichtungen der Beatniks durchaus wiedererkenne). Nebenbei bemerkt, war Beuys der einzige unter den Künstlern des Westens, der die Gesten des Fluxus in den spirituellen Raum eines Christus hineinentworfen wie hineingedacht --- die anderen beharrten auf einem kleinen Atheismus der ruhigen Gewässer - und dies aus Gewohnheit (will sagen: eine denkbar oberflächliche religiöse Sozialisation genügte bereits, ihnen die religiöse Deutung des Vorhandenen zu verunmöglichen; das Äußerste, was zu bieten ihnen in dieser Hinsicht möglich war: ein wenig Spott über seelisch verhärtete Kleriker und Prediger). Jedenfalls läßt das Betrachten des in Vitrinen, auf Leinwänden und Photographien Dargestellte Trauer aufkommen. Nicht nur, daß Valie Exports Archiv gegenüber der im Foyer dargebotenen HATE-RADIO-Installation erschütternd harmlos wirkt; unvermeidlich der Eindruck auch, daß Fluxus und die Ekstase der Situationisten wie ein Nachruf erscheinen auf die kurzlebige Freude eines egomanen Kindes am Brettspiel. Sehr spät nachts (gegen 4 Uhr morgens müßte ich genauer sagen) schreite ich an einer Bäckerei vorüber. Noch ist das Klatschen des Teigs zu vernehmen, das Mahlen der Maschinen. Nicht, daß der Duft frischen Brotes bereits den Wintermorgen verklärte; jedoch steht (für Augen, welche sehen) die Feuersäule ('ammũd 'ēš) in all ihrer Zerbrechlichkeit überm Dorf --- was einmal mehr Anlaß gibt zur Trauer --- 

Montag, 26. Dez.

 HOLUNDER, HAUPTSTADT DES XXI. JAHRHUNDERTS 

     Holunderdunkel komm 

     wer bringt die tote Zeit, die ich auf Knien lang gewiegt,heute noch ins Krankenhaus 

     spiele auf, Akkordeon der Sonntagsträume, blättere im Heft der Kirchenlieder 

     Holunders Zelt, gottgeistüberglänzt, in welchem jahrelang der Tag gesund gewesen 

     welcher Elia hat das Bilderbuch der Fieberstadt einem hohen Feuer übergeben

 

 

Freitag, 23. Dez.

Stundenlang über Heideggers Übersetzung von Sophokles-Versen (Aias 131-133 & 666-677) gebrütet (Heidegger, Gesamtausgabe, Band 81, Gedachtes, Frankfurt 2007, S. 26f.). Überhaupt neige ich immer mehr zur Auffassung, Heideggers innerstes Denkanliegen lasse sich aus solchen Übersetzungssplittern trefflich herleiten und verstehen. Friedhöfe liegen, befreit vom Schritt der Geschäftigen, welche sich an den Gräbern zu schaffen machen, unterm Mond.

Mittwoch, 21. Dez.

Vorweihnachtliches Grabsteingrau. Vögel wandern an Fenstern vorüber, aus welchen so viele müde Augen schauen. Der in Neapel geborene Maler Francesco Clemente schrieb bereits gegen Ende der Neunzigerjahre, daß er, im Fleugzeug von New York anfliegend, gewahre, wie über Europa eine Wolke der Müdigkeit liege. Adonis, Dichter Syriens, wiederum deutet im Briefwechsel mit seinem Freund, dem griechischen Dichter Dimitri T. Analis, Müdigkeit als Ursprungsort der Dichtkunst: „ Die die Müdigkeit des Lebens nicht erfahren, können sie von dessen Poesie und Schönheit wissen?“ (Adonis und Dimitri T. Analis, Unter dem Licht der Zeit, Briefwechsel, übertr. von Peter Handke, Frankfurt a.M. 2001, S. 26)

Montag, 19. Dez. 

     adventliches Gestimmtsein, meine wertgeschätzten Damen und Herren, ist an und für sich an keine bestimmte Jahreszeit gebunden. Es steht, diese innere Haltung des Adventlichen, für die Unruhe des Herzens, für sehnsüchtigstes Erwarten des Wunderbaren, es steht für die religiöse Grundstimmung überhaupt. Im religiös geprägten Menschen regiert unablässig sehnsüchtig-messianisches Ausgerichtetsein 

      seit Jahrhunderten wird unser Nachdenken bedrängt wie beherrscht von großen, gewissermaßen globalen Themen. Ständig sehen wir uns gezwungen, wenn Sie so wollen, nachzudenken über ganz und gar grundsätzliche Fragen: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Kann überhaupt von der Existenz Gottes die Rede sein? Warum läßt Gott zu, daß Stalin Millionen gottergebener Menschen ermordet hat? Warum werden wir überhaupt geboren, wenn wir doch sterben müssen? Es sind stets diese ausgesprochen allgemeinen Fragen, es ist in einem fort das Fragen nach dem, was der frz. Philosoph Jean-François Lyotard „große Erzählungen“ genannt hat; Fragen, in denen wir mit unseren in aller Regel bescheidenen Antwortversuchen (und es kann nicht anders sein) ertrinken 

     der 1935 geborene estnische Komponist Arvo Pärt sagt: Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonqualität. Arvo Pärt wendet sich ab vom viel zu allgemeinen, immerzu globalen endlosen Fragen, er widmet sein Auge den kleinen (eher unascheinbar anmutenden) Dingen. Arvo Pärt, ein entschieden adventlicher Mensch, der sehnsüchtig nach messianischer Gegenwart sucht im Unterholz der Wälder, im Flug der Stare, im Betrachten der Ostsee, ein Spaziergänger und Wanderer - Arvo Pärt sucht die kleinen Erzählungen, die kleinen Themen." Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich"

     vielleicht sollten wir nicht immerzu von großen Fragen uns beunruhigen lassen (sie werden ohnehin ewig in uns wohnen). Vielleicht vermehrt einem Ast sich widmen, ihn betrachten, wie er in der Verlorenheit eines Hinterhofs herumliegt, bzw. hineingeschrieben ist in einen schneewolkendunklen Himmel, ach, sich verlieren im Anblick dieses einen und einzigen Astes

     es ist ein Unterschied ob ich eine musikalische Komposition als Ganzes höre, die Bögen nachempfinde, die übergeordneten Themen, Leitmotive, oder ob ich der Einsamkeit nachlausche auch eines Akkords, eines Hauchs, eines Bratschenstrichs, ob ich mich göttlichem Einfluß öffne 

     nicht auszuschließen, in Hinsicht auf die geistige Welt, auf die Welt der Kunst und des Denkens sei dies gesagt, daß das XXI. Jahrhundert besagten kleinen Erzählungen gewidmet sein wird. Der amerikanische Avantgarde-Komponist John Cage hat uns ein Werk hinterlassen, betitelt 4' 33'; ein Pianist sitzt schweigend am Klavier, ohne die Tasten zu berühren, unterdessen beschäftigt er sich mit seinen Notenblättern. John Cage beabsichtigte keinesfalls, Konzertbesucher zu provozieren; seine These vielmehr war, daß STILLE ein unverzichtbares Moment der Musik sei. Der sehnsüchtige Mensch bedarf der Stille. Er berauscht sich an der Schönheit der kleinen Dinge, einem rostigen Wasserhahn, sitzt staunend über den Wegen der Ameise, er vernimmt den Lärm des Schweigens 

Samstag, 17. Dez.

Sei gegrüßt, stürzende Möwe, ahasverischer Schnee. Die Tragödie der öffentlichen, etwa an Universitäten mantelweit ausgebreiteten Philosophie besteht darin, daß sie sich entweder großflächigen Themen verschrieben und sich im Ausmessen der Ebenen verliert, ohne je auch nur in die Nähe eines Grenzsteins zu gelangen; daß sie wiederum, dem Kleineren sich widmend, am Einzelnen in seiner Würde vorübertaumelt und wie Kaminfeger fleißig in Zwischenräumen herumstochert von Zähnen. Der Sternenhimmel mit seinen schönen Kleinbuchstaben ist Charisma der Dichtkunst. Über der Bucht von Langenargen türmen Schneewolken sich. Als Bruder der grauen Wellen werde ich gegen Ufermauern gespült.

Donnerstag, 15. Dez.

Stürme greifen den Bäumen ins Haar, erinnern uns daran, daß wir im Kosmos treiben, daß die Erde keine bleibende Stadt, also von Regungen und Atemzügen des Universums abhängig bleibt, daß sie Teil ist des großen Gesanges von Planeten und Sternen, daß wir die Kinder zur Schule bringen und den Kindergarten in der Frühe aufschließen und den Lichtschalter drücken, im Kreis einer allerkleinsten Alltäglichkeit eine Nische uns einrichten, das Fahrrrad aus dem Keller tragen, Romane lesen (bald werde ich eine Kritik des Romans, der über alles geliebten Gattung verfassen) --- tatsächlich aber in einer Ferne und Weite und Verlorenheit wohnen, die unermeßlich und doch wiederum auch winzig --- alles gehört einem Lächeln des Christus, einem Schulterzucken

Mittwoch, 14.Dez.

In den Schrank der Nachthimmel gestopft der Sternbilder wenige. Das elegische Licht des Mondes fällt auf die Bucht von Bregenz („Bregenz in Vorarlberg. Das ist weit“ Franz Kafka). Ich knie vor einem Thron, den Lichtern des XX.Jahrhunderts.Noch ist das XXI. Jahrhundert in Sackleinen gehüllt und verschnürt und dunkel. Wir verstehen wenig, so wir überhaupt etwas zu verstehen begabt wären. Einzigartiger Spaziergang der Nacht, den mir Jesus schenkt.

Dienstag, 13. Dez.

Die milde Nacht läßt mich an Lagerfeuer, die Trommeln afrikanischer Pfingstkirchen, an Singvögel denken; und tatsächlich vernehme ich den verlorenen Gesang einer Drossel --- dies alles Mitte Dezember. Vielleicht ist es falsch, zu denken, es sei alles durcheinandergeraten, die Jahreszeiten stünden Kopf; nicht auszuschließen, daß die Annahme, eine gewissermaßen kosmische Ordnung (wie etwa im Buch Weisheit 11, 21 behauptet) sei durcheinandergeraten, unberichtigt ist. Sind wir nicht seit jeher Kinder des Chaos. Spiegelt unser unruhiges Herz zuletzt ein kosmisches Durcheinander, welches dann, einer Ekstase gefalteter Hände entsprechend, als solches der Urtext wäre der geschaffenen Welt? Stünde dafür zuletzt auch noch der zerrissene Vorhang im Tempel - daß dieser eine allherrschende Schizophrenie spiegeln würde? „Le son d'un violoncelle, le bruit d'un orchestre tout entier, le jazz bruyant à côté de moi, sombrent dans un silence de plus en plus profond, profond, étouffé. / Der Klang eines Cellos, der Lärm eines ganzen Orchesters, der überlaute Jazz neben mir - all das geht unter in einem tiefer und tiefer werdenden, erstickten Schweigen.“ (Henri Michaux, En respirant / Beim Atmen, in: La nuit remue / die Nacht rührt sich, übertragen von Kurt Leonhard, Werke I, Frankfurt a.M. 1966, S. 298f.)

Montag, 12. Dez.

Die evang. Kirche steht in den Dezemberstürmen und hat Angst, daß kein Frühjahr käme. Sie hat ihren Glauben und ihre Hoffnung verloren. Obwohl noch so jung, ist sie müde geworden. Die Gläubigen sehnen sich nach Theologie, nach Geist. Ich erinnere einen Abend in Madrid zu Anfang der Siebzigerjahre. Ich hatte ein Zimmer gemietet über einer Stadtautobahn. Ziellos und stundenlang war ich durch das Viertel gestreift. Francos Polizei patrouillierte damals noch in den Straßen. Zweimal wurde ich angehalten und mußte mich ausweisen. Bei einer weiteren Kontrolle fragte mich der Polizist, ob ich noch zur Schule ginge. Ich gab zu verstehen, daß ich die Universität besuchte und evang. Theologie in Tübingen studierte. Er zog aus der Jackentasche der Uniform eine (wie man damals sagte) „Senfkornbibel“, ein zerlesenes Exemplar. „Die heilige Bibel“ sagte er, küßte das Büchlein. „Du mußt Christus im Herzen tragen“ --- so ähnlich seine Worte. Ich ging an der Stadtautobahn entlang. Ohrenbetäubendes Lärmen. Ich wußte damals, daß es für einen vornehmen Geist kein angemesseneres Studium gäbe, als das der Evang. Theologie. Was Nietzsche, spöttisch damals, nebenbei eher, erwähnte, deutsche Philosophie sei das Tübinger Stift - ich spürte, durch die nächtliche Hitze Madrids schreitend, mein Verwurzeltsein im Hölderlin'schen Geist, ich erfuhr mich eingetaucht, 130 Jahre nach Hölderlins Tod, in dessen fiebriges Suchen nach jenem Christus, welcher unseren Geist, unseren Atem, unseren sterblichen Leib verklären würde. Niemehr später habe ich Hölderlins Nähe vergleichbar intensiv empfunden. Der schwermütige Hölderlin - wie kein anderer ein Kirchenvater Schwabens. Im zerbrochenen Geist eines turmbewohnenden Flötenspielers erkannte ich die an Jesaja 6 erinnernde „Scheu“ des Propheten. Es wäre anmaßend, nach besagter Erfahrung, jemals wieder einen Fuß auf Madrider Erde zu setzen. Ich begnüge mich damit, zu wissen, daß Juan Carlos Onetti in Madrid ein Zimmer zum Sterben bewohnt, wo er taglang Wein getrunken und Proust gelesen und an Montevideo, an Buenos Aires, an Santa Maria gedacht --- unser Onetti, der über die karierten Hemden der Lastwagenfahrer geschrieben und der von diesen, den LKW-Fahrern gesagt, „sie schienen bereits so geboren zu sein, robust, zwanzigjährig, krakeelend und ohne Vergangenheit.“ Die Kirche hat ihren Glauben, ihre Hoffnung, den Adel verloren der Vergangenheit.

Sonntag, 11. Dez.

Ein so frühes Hereinbrechen von Dunkelheit; Monate, die in unser Leben getreten und dem Heimweh gehören; Monate, die klassisch gekleidet, oft vor dem Spiegel stehen und sich lange anschauen; Monate, die spüren, daß sie bald wieder beiseite geschoben und als belanglos erachtet werden; Monate, die keinem Stern gehören, die für das Stuttgarter Ballett arbeiten, ohne daß ihre Zeit der Arbeitslosigkeit je beendet worden wäre; Monate, die von keinem Gericht freigesprochen oder verurteilt würden, die für ein Dazwischen stehen; Monate, deren Augen immer müde werden sein. Ich empfinde es als Gnade, in diesen Zeiten des Umbruchs leben zu dürfen.

Samstag, 10. Dez.

Vereinzelt Blätter im Geäst der Bäume noch - als ob Gedanken nicht zu Ende gedacht worden wären. Wie aber sollten wir etwas zum Abschluß bringen können, wir immer nur Vorläufigen?

Dienstag, 6. Dez.

Endlich diese einsam spanisch-europäisch verregneten Tage, an denen man den Füller gar nicht aus der Hand legen, beziehungsweise die Kierkegaard-Lektüre gar nicht unterbrechen, die schönen blauen Bände mit der hohen Stirn nicht schließen mag. Manchmal die Frage, ob wir überhaupt noch auf der Erde wohnen, ob wir diese (von unserer geistigen Haltung her) nicht schon längst verlassen, ob wir seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts bereits im Raumschiff sitzen und eine andere Wohnstatt suchen im Universum? Wo es aber aufschlagen, Abrahams Zelt? Wir denken uns die Bücher des Pentateuch als weit in der Vergangenheit blühend --- und haben womöglich noch gar nicht begriffen, daß sie, Lektüre einer pascal'schen Nacht, unsere Zukunft schreiben. Die Anfänge der Hl. Schrift, Jakobs Zelt, der Garten (jetzt aber als Exil, wo wir, die wir aus dem Leben vertrieben worden sind, uns niederlassen und wie Pferde durch hohe Gräser des Abends streichen werden) - Zukünftiges. Das Wasser der zurückliegenden Nacht hat so bitter geschmeckt.

Donnerstag, 1. Dezember

Über Finger der Bäume, über der Erde Stirn ausgegossen rosafarbenes Licht. Wir ziehen Richtung Heimat. Die Zelte stehen gegen Norden.

Montag, 28. Nov.

Allein Trümmer, Splitter und Fasern einer Biographie sind als authentisch zu erachten. Wir sind uns selber so fremd. Jede ganzheitliche Aussage, ein Menschenleben ins Auge fassend, verletzt das Christusgeheimnis (Geheimnis, welches einer Person innewohnt). Gräber liegen wie Geldscheine, nach denen wir uns niemals bücken, auf der Erde. Ich bitte unseren Gott, er möge seinen Geist der Nachsicht und Vergebung Glanz sein lassen über unser aller Leben.

Donnerstag, 24. November

Ich sitze am weit ausladenden Schreibtisch in der Bibliothek, nein, sitze tatsächlich auf einer Bohrinsel inmitten von Nacht, Nordsee, antarktischer Kälte und Verlassenheit. Die letzten (vom Frost dunkelblau untermalten) Blätter stürzen hepatitisgelb, dem Steinschlag verwandt, Abhänge hinunter ins Tal, Bäume verlieren die Zähne, Bäume tasten mit ausgestreckten Händen und von anderen gegürtet, wie unvermittelt der Blindheit zugeordnete Könige (wie ein Oedipus auf Kolonos, dessen anderes Sehen einer irdischen Blindheit entspricht, wie ein Lear) an Bahndämmen, an Müllhalden einer Zivilisation, welche der Hygiene sich verschrieben, entlang; Bäume wie zusammengefaltete Zeltplanen (wie lange werdet ihr, Schwestern, Eiben und kalifornische Eichen, solche Einbrüche von Kälte tragen können?) --- winterlich die Regale der Bibliothek, „Zur Blindheit über- / redete Augen“ (in der Tat auch mir die Lear-Ödipus-Augen eigen) --- frühsommerlich mild jedoch und dem Kinderlachen verwandt, schweift ein Insekt, kreist fern und zugleich angriffslustig geil das Hubschraubersummen ums Haupt, um den Schwabenschädel, mir. Schweißausbruch, tropisch, inmitten von Zuständen des Frosts. Wahnsinn wie wetterflüchtende Schrift bauen Marktstände auf im ahnungslosen Land. Ich verliere den Schlaf und finde im heimatlosen Wachseinmüssen Zentralmetaphern für einen Januarvortrag, was ich als Geschenk wahrnehme.

Dienstag, 22. Nov.

Leicht geht allen intellektuellen, wirklich gotthungrigen Einzelnen, leise vor sich hin Denkenden, der Vorwurf über die Lippen, die Predigt der Kirche sei trivial geworden. Wer wollte dem widersprechen. Ich möchte auch vor der eigenen Haustüre kehren. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Zum einen ist der Hinweis angebracht, daß besagter Pilz der Trivialität sich in alle Fugen und Ritzen der europäischen Welt ausgebreitet hat. Ich lese täglich die Feuilletons der großen Tageszeiten. Geschwätz und Vielschreiberei überwiegen bei Weitem; kaum einmal, daß einem die Lektüre einen großen Satz schenkte und man das Herumblättern nicht als Zeitverschwendung empfunden hätte (wie in den Kirchen bekommt man mehr nicht als eine Überfülle von Information). Dann gilt es zu beachten, daß die Predigt sich keinesfalls in eine Wissenschafts- , die Gelehrtensprache flüchten kann. Die Predigt muß sich immerzu einer gewissermaßen „einfachen“ Sprache befleißigen. Novalis hat dies treffend und schön bedacht („Monolog“). Für Europa eine Lanze zu brechen, heißt, eine neue Predigtsprache zu suchen. Europa braucht (wie überhaupt das ganze XXI. Jahrhundert) die Predigt. Europa braucht keine Mysterien. Es ist an der Zeit, die Schönheit des Wortes wieder zu suchen, „das Dampferchen der Brombeere in den tiefen Fluten des Blattwerks!“ (Odysseas Elytis, Juliwort, in: Oxópetra Elegien, Frankfurt/M. 2001, p. 51)

Montag, 21. November

Vollkommen anmutende Stille, die sich vor der Welt in meiner Bibliothek verbirgt; vierte Stunde eines Tages, nein, ich möchte sagen: einer Nacht (noch gar nichts schmeckt nach Morgen; immer noch lasten alte Umbrüche, Revolutionen, Stöckelschuhschritte auf Schultern merklich windschief hastender Gedanken). Niemand weiß genau, was geschehen ist. Alle spüren, daß unterirdische Verwerfungen sich ereignet haben. Feiner Riß, der durch die Seelen sich zieht (auch durch die Seelen der Kinder). Wann ist geschehen, was wir möglicherweise 'Umsturz' zu nennen berechtigt sind? Die Kriege und Verbrechen des XX. Jahrhunderts werden sich vielleicht als Folge nur erweisen der schwerlich zu leugnenden Achsenverschiebung. Historiker und Soziologen tasten Narben ab, auf der Suche nach Möglichkeiten der Datierung - wären sie in der Lage, das Ausmaß der Erschütterung zu erfassen? Der konservative Geist beklagt eine überall um sich greifende Verflachung des Geistes, den „Verlust der Mitte“. Hermann Hesse meinte den Rückzug des Geistes aus der Literatur feststellen zu müssen; dessen Stelle würden Themen wie Trinken, Verbrechen, Sex einnehmen. Oberstufenschüler beweinen Aggressivität und Verrohung, welche in den unteren Stufen um sich griffen. Fängt der Riß bereits dort an, wo das hohe poetische Denken der Vorsokratiker vermeintlich abgestürzt sei in enger werdende Fragestellungen der sokratischen Philosophie? Darf das Gedankengebäude Kants betrachtet werden als erste Kenntnisnahme der Erschütterung? Oder müssen wir an die industrielle Revolution in diesen Zusammenhängen als Auslöser denken? Die Johannesoffenbarung begreift irdisches Geschehen als Resonanz auf „himmlische Revolutionen“ (Apk. 12: „Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel....Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan...und er wurde auf die Erde geworfen...Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn.“). Hölderlin ganz in diesem Sinne (daß Entscheidungen anderswo getroffen werden): „ wo aber / Geheim noch manches entschieden / Zu Menschen gelanget; von da / Vernahm ich ohne Vermuthen / Ein Schicksal...“ (Der Rhein, Str.1, 7-11). Ach, wenn wir nur die Zeichen der Vogelflugschrift zu deuten begabt wären! Rock & Pop und die Brandenburger Konzerte; Sophokles neben Vielschreibern und übermüdeten Lokomotivführern. Miłosz dagegen beharrt auf einer strikten Hierarchie, die im geistigen Leben zu herrschen habe, „auch wenn man uns der Arroganz bezichtigt.“ Ich bin geneigt, einer geistigen Haltung etwa der HETOIMASIA (der Bereitwilligkeit, Bereitschaft) mich zu ergeben; will heißen: staunend ins Künftige hineinzugehen mit offenen, dem Vater zugewandten Händen; die Rätselhaftigkeit der Ereignisse anzunehmen (jeder endgültigen, Vollständigkeit erheischenden Deutung abzuschwören); Laub zu rechen, die Räume sowohl der Nacht als auch eines neu heraufdämmernden Tages zigarrenrauchend zu betreten; einzunicken über Claude Simons „Archipel et Nord“, um, auftauchend aus Alpträumen, umso eifriger in das feinsinnige Netz der Sätze mich zu vertiefen. „j'imagine que comme dans toutes les chansons le sens des mots n'a pas d'importance Seulement leurs sons leur musique“ (Claude Simon, Archipel et Nord, Les Éditions de Minuit, 2009, p. 35). H charis tou kyriou Iesou meta panton / Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen.

Sonntag, 20. November

Sonntagabendspaziergang, den Spuren folgend der Möwen. Nicht auszuschließen, daß messianischer Glaube und Dichtkunst, philosophisches Denken, die Geduld, viele Stunden lang über Texten zu brüten, sich der Gabe verdanken, den Schriftzügen zu folgen, welche Vögel auf die Leinwand der Himmel schreiben.

Dienstag, 15. Nov.

Ich erinnere die Zeit, da ich, an Scharlach erkrankt, einige Wochen zu Hause bleiben, in der Wohnung des Elternhauses mich hatte aufhalten müssen - wie zäh die Zeit verstrichen, wie ich mich nach Ereignissen, nach Dabeisein, nach Mitmischen gesehnt. Ich hatte geweint, als befreundete Kinder über die Straße den Ball getrieben und schreiend auseinandergestoben waren, als ein Auto im Anrollen begriffen gewesen. Heute wünschte ich mir so oft diese Stille in der Wohnstube, dieses am Fenster-Stehen und Hinausschauen zurück, die leere Zeit einer Langeweile, Atempause vor dem Beben der Erde, großer kreativer Augenblick, Krater, der die Feuer der Tiefe herauflodern läßt, die allversengenden... „Unsere Welt treibt richtungslos dahin; wir leben unter der Herrschaft der Gewalt, der Lüge, des Wuchers und der Vulgarität, weil wir von der Vergangenheit abgeschnitten sind.“ (Octavio Paz, Der Bogen und die Leier, Frankfurt a. M. 1983, S. 99).

Montag, 14. Nov.

Die Linde verliert späte gelbe Blätter. Zeit, der Toten zu gedenken.

Sonntag, 13. Nov.

Alljährliche Konfirmandenfreizeit; einige Bände Hölderlin (schwer genug) im Rucksack mitgeschleppt. Wie, frage ich mich, wie könnte ich ohne Bücher durch die Steppen wandern der Nächte, wie eine einzige Nacht auch nur ertragen in der Fremde? „Bücher, Röntgenbilder meiner Seele, mich doch stets begleitet haben, / Hirten waren meiner Zeit auf Erden, Brombeerranken in den Gärten.“ (aus: Ulrich Fentzloff, Die Krypta)

Samstag, 12. Nov.

Kafkas Skizzen (ich denke in besonderer Weise an eine Illustration zum „Prozeß“) zeigen Menschen in merkwürdig verkrümmter Haltung. Ein Verzweifelter, sitzend am Tisch, der sich auf die Tischplatte geworfen, die Hände verschränkt vor dem Gesicht. Der so Dargestellte erinnert an ein Insekt (Moskito tot auf der Konsole etwa; so bizarr schön hingestreckt und doch so voller Tod); schwarze Tusche der Verzweiflung, welche im Insekt sich inkarniert. Scharze Tusche der Vergeblichkeit, mit welcher der Mensch sich dargestellt wie eingetragen weiß ins Buch des Lebens. Man ist immer verurteilt: vor dem Prozeß, nach dem Prozeß; jeder Atemzug ist ein Verurteiltsein. Es läßt kein Zustand sich denken menschlichen Hierseins, welcher nicht solchem Verurteiltsein zuzuordnen wäre. Daher jeder Punkt, jedes Härchen schwarzer Tusche, die Schraffur der Tage, die schwarze Höhle der Nacht von der Sehnsucht nach Erlösung zeugen. „animula vagula blandula / hospes comesque corporis / quae nunc abibis in loca / pallidula rigida nudula - / nec ut soles dabis iocos...// Kleine Seele, schweifende, zärtliche, / Gefährtin des Leibes und Gast, / die du nun entschwinden wirst dorthin, / wo alles bleich und erstarrt ist und in Nacktheit befangen, /und nie mehr wirst du scherzen wie einst ...“ (Kaiser Hadrian, P. Aelius Hadrianus Imperator).

Montag, 7. Nov.

Die Flut der Gedichte. Ich habe in den zurückliegenden achtzehn Jahren so viel geschrieben; daß man mich fragen möchte, wie mir solches, neben dem Pfarramt (den hunderttausend Aufgaben), möglich gewesen? Und dazuhin die Spaziergänge, die Träumereien, die unendlichen Lektüren der Nächte. Das Leben ist wunderbar, vielsprachig, immer erkältet und immer Kamillenteehitze inhalierend, das Leben hat nichts von der Geometrie moderner Friedhöfe, nichts von den trostlosen Linien der Neubauviertel; o großartig erhelltes Mitternachtscafé, aus dem die letzten Kunden, die den Geruch der Schnäpse von den Lippen sich wischen, weggegangen und Kellner noch, irgend einer Melodie verfallen, fürs Frühstück die Tische eindecken. Man springt als letzter Fahrgast in den Bus, der bereits im Wegfahren begriffen und läßt durch die Märkte der Nacht, an Flüssen entlang, sich treiben; immer wacher werden die Augen und müder der Leib; die Trommeln von Pfingsten machen die Straßen hell und wintereinwärts glosen, an Rändern alter Römerstraßen, die Feuerchen von Prostituierten und Philosophen der Nacht --- allenfalls stieße man auf einen Rudolf Kassner unter ihnen, auf Walter Benjamin vielleicht auch noch; der kranke Nietzsche läge mit Kopfschmerzen darnieder in einer Pension Norditaliens; den Namen 'Immanuel Kant' möchte man erst gar nicht nennen; aber Du weißt, daß der Christus an Kohlenfeuerchen immerzu sich gewärmt am Ufer vom See Tiberias. Die Genialität des Films erkenne ich darin, daß dieser, wie die Dichtkunst sonst nur noch, solches Wuchern und Glühen und Weinen des Lebens zu erfassen begabt ist, das große Wehen der schwarzen Engelsflügel, den Gesang der untergehenden wie aus Tiefen der Unwissenheit heraufsteigenden Sonne zu rezitieren vermag.

Sonntag, 6. Nov.

Der Gottesdienst in der kath. Kirche St. Martin (ich habe die Predigt gehalten); anschließend die Feier einer Taufe in der Schloßkirche Friedrichshafen. Ich bin so müde. Warum aber schlafen, wenn Licht eines einsam leuchtenden Herbsttages vor den Fenstern schäumt, warum nicht hinauswandern und wie ein Fohlen die Spur verfolgen des verborgenen Monds --- Spaziergänger schichten an den Ufern des Sees Steine übereinander, errichten Türme; überall das Baumeisterliche (das Aufrichtende), wie es ringt mit der niedersteigenden, alles ein- und niederreißenden Nacht.

Samstag, 5. November

Über den Alpen Wolkengitter und schwarz gestrichene Tapeten. Regen, der auf Italien stürzt, die Schweiz, der die Felswände Österreichs besudelt --- in der Langenargener Bucht kreuzen Boote, Menschen sitzen im Freien vor Cafés. In unserer Kirche taufe ich eine kleine Anna. Die Linde des Pfarrhofs trägt noch den Mantel gelben Laubs, welches ins Rötliche bald hinüberspielen wird. Wer spürt die Andeutung kalten Winds? In Folge des ersten Kälteeinbruchs wird die Linde kahl stehen neben dem einsamen Kirchlein. Meine Gedanken gehen in die Ukraine, nach Czernowitz. Die Bukowina (weithin die Landschaft) ist eine einsame, schmerz- und nebelverwehte Synagoge; Fenster sind herausgebrochen worden, feuchte Luft klettert Fassaden hoch. Die vielen, vielen herrenlosen Hunde! Europa, Kontinent des Abendlichen, Kontinent des Weinens, Industriebrachen, radioaktiv verseuchte Zonen; und doch so viel Aufbruch und Sehnsucht nach schönen Kleidern und gesundem Essen, nach einem normalen Leben, unberührt von der Gewalt krimineller Organisationen, Sehnsucht nach einem Hiersein ohne Aids, ohne giftigen Alkohol, Sehnsucht nach pindarschem Gesang, nach Hölderlin'scher Reinheit! Warum nicht einfach hiersein und atmen und die Hände austrecken und seine Arbeit tun dürfen? Schwarze Regen, die auf Italien stürzen ---

Freitag, 4. November

Matth. 25, 1ff. // Ökum. Gottesdienst, St.Martin 2011 // 20 Jahre Jumelage mit Bois-le-Roi// La grâce soit avec tous ceux qui aiment notre Seigneur Jésus-Christ d'un amour inaltérable! Chers amis de Bois-le-Roi, le jumelage de Bois-le Roi et Langenargen existe depuis vingt ans. Moi aussi, Ulrich Fentzloff, je suis pasteur du temple protestant à Langenargen depuis vingt ans. C'est à dire, le nom merveilleux de ce lieu près de Paris, ce nom qui nous rapelle aux forêts vastes et en même temps à la métropole, est inscrit profondément dans ma conscience. C'est une inspiration poétique, de sentir, qu'il y a un fleuve souterrain, un fleuve de l'amitié, de sentir et savoir qu'il ya entre les deux lieux Bois le Roi et Langenargen des racines semblables. Ce sont des racines éuropéennes. Que veut dire ça „EUROPE“? Vaclav Havel, dissident et ancien président de la République Tchèque a dérivé l' étymologie de la notion d'Europe du mot akkadien EREB; ça veut dire 'soleil couchant' ou 'nuit tombante, crépuscule'. Pour Vaclav Havel la notion akkadienne EREB, la nuit tombante, est une métaphore pour le moment d'un retour sur soi même, d'une tranquillité interne, le moment où l'on préfère écouter son horloge interne. L'homme qui médite sur les évenéments d'un jour, qui s'occupe de l'âme --- la jouissance du temps qui s'écoule doucement, retraite et renouvellement des forces psychiques. C'est une critique véhemente d'une modernité borgne. Une modernité borgne préfère généralement l'aurore au crépuscule, cette modernité est à tous égards renouveau brillant, progrès, progrès, progrès, développement et grandissement --- Julien Gracq a écrit: „Tant de mains pour transformer ce monde, et si peu de regards pour le contempler!“ (Oeuvres complètes II, Pléiade, p. 210). Voilà - c'est la différence; et l'Europe doit trouver cette inspiration contemplative, l' accent du crépuscule, la lenteur, les regards pour contempler ce monde. Pas seulement la fièvre d'actionisme (qui a son importance); mais aussi la mélancolie et des visions tardives. Dans l'Évangile d'aujourd'hui nous avons entendu que dix jeunes filles ont pris leurs lampes et sont sorties à la rencontre de l'époux. „Cinq d'entre elles étaient sottes et cinq étaient sensées. Les sottes, en effet, en prenant leurs lampes, n'avaient pas pris d'huile avec elles, mais les sensées avaient, avec leurs lampes, pris de l'huile dans des vases.“ (Matth. 25, 2ff.) Jésus est l'époux. Pour rencontrer Jésus dans cette nuit de notre ère (qui est marquée par une tristesse psychique, l'ennui, qui est marquée par un nihilisme par rapports aux valeurs spirituelles et par l'aveuglement des églises, qui est marquée par le déclin de la vie intellectuelle et par la barbarie des organisations criminelles) --- pour rencontrer Jésus, c'est a dire, pour trouver un enracinement cosmique (la capacité de survivre) --- s'il te plait tu dois prendre de l'huile pour ta lampe. On aurait besoin du talent de la contemplation. „Tant de mains pour transformer ce monde, et si peu de regards pour le contempler!“

Donnerstag, 3. November

Ich habe heute Nachmittag eine französische Predigt für den kommenden Sonntag geschrieben. Einmal mehr das Innewerden dessen, wie nah die französische Sprache am lateinischen Ufer wohnt des Stroms. U.a. fällt, im Gespräch über einen Zeitungsartikel, der Begriff von der „Blindheit der Kirchen“. Blind sind die Kirchen in dem Sinne, daß sie nicht begreifen wollen: soziale Revolutionen heilen den Menschen nicht. Es braucht den Ruf von draußen. Es bedarf der bewußtem Hinwendung zu Christus, der gesagt hat, sein Reich sei nicht von dieser Welt. „Es regnet gelben Staub; ich gehe eine Leiter holen“. Bettler sitzen zu Hunderten vor den evangelischen Kirchen.

Mittwoch, 2. November

„In jedem Morgen ist ein Brunnen, dorthin / die Hände gehn, Zweige aus dem wildem Wein zu brechen.“ Gleich in welcher Stimmung uns der Anbruch eines Tages vorfindet, wir sollten zuallerst, bevor die Kriegsspiele der Sorge von uns Besitz ergreifen, Kümmernis uns gefangennimmt, aus besagtem Brunnen schöpfen.; mit geöffneten, Gott entgegengehaltenen Händen über die Schwelle gehen eines Tages! Das Leben will viel mehr von uns als irgend ein Bekenntnis. Bäume und Sonnen sind Uhren. Wer zu früh kommt, ist genauso schlecht beraten wie die vielen, die zu spät erscheinen. Wenn ich Städte aus der Luft betrachte, drängt die Frage sich auf, wieviele Häuser Kerker sind? Ach, wer von uns die Gabe hat, Zweige aus dem wilden Wein zu brechen ---

Dienstag, 1. November

Fahrt in die Alpen; ein Nachmittag über Meeren des Nebels. Im goldenen Licht das rote Laub verklärt von Buchen. Ich habe keine Angst, in Tälern, unter zuweilen unendlich anmutendem Grau zu wohnen. Anders als viele Zeitgenossen, zieht kein Schönwetterblau mich in seinen Bann. Ich bin ein Kind keltischer Wetter, Wetter der Einsamen, der Dichter und theologischen Denker. Ich küsste die Nebel. Manchmal taucht in meinen Träumen ein merkwürdiges Bild auf: wie ich, unter besagten keltischen Himmeln, vor Hochhausruinen, einen Lattenzaun im Rücken, an einem Tisch sitze, auf dessen von weißem Papier bedeckter Fläche eine leere Schüssel, eine Plastikflasche, eine Thermoskanne verbeult; es ist ein grüner Plastikstuhl auf dem mein armer Körper sich niedergelassen; in einer hinteren Ecke des Hofes Spaltholz, Bauschutt, Bücherstapel (unter so vielen Büchern erkenne ich ein Bändchen von Paul Celan, dessen Ossip-Mandelstam-Übersetzungen). In der Ferne Nebel, Nebel, Wohnkasernen und Masten mit Schlangenhälsen, die Lampen tragen. Ich spüre die Kälte und sehe meinen Körper unter vielen Schichten von Kleidern begraben. Gott ist ganz nah.

Montag, 31. Oktober (Tag der Reformation)

Nach Tagen, in Weimar oder Berlin oder in Como, in Oxford oder Stuttgart verbracht, wieder zurückkehren zu müssen an den See --- kann mitunter durchaus Gedanken der Schwermut hervorrufen. Der Zug taucht ein in die Dunkelheit Oberschwabens; man möchte ihn anhalten und zur Umkehr zwingen --- dann aber, kaum daß ich den Weg vom Bahnhof zurückgelegt, und wieder auf dem Pfarrhof, unter der Linde, mich einfinde, die jetzt, Ende Oktober immer noch im Laub heiter steht, rührt mich das Empfinden eines unaussprechlichen Glücklichseins an. Es ist nicht das Dorf. Es ist nicht die Landschaft. Es ist nicht die Fremdenfeindlichkeit Oberschwabens. Es ist dieses Stück europäischer Erde ums Pfarrhaus, die an einem sozusagen umgrenzten wie einsamen Ort vor lauter Freude und geistiger Freiheit geradezu glänzt, welche mir Glück schenkt, und die Stirn dankbar mich senken, dem Boden zuwenden heißt. Es ist eine einzigartig von Spiritulität durchglühte Erde um Pfarrhaus und Kirche. Es ist die in vierundvierzig Jahren zusammengetragene, riesige Bibliothek in unserer Wohnung. 1914 wurde die Kirche ihrer öffentlichen Bestimmung übergeben. Sie strahlt wie ein Kernkraftwerk. Die Radioaktivität der Gebete (aus tausend und abertausend Mündern aufsteigendes Flehen) hat mich längst „vergiftet“. Schönheit und Poesie eines Redens der Herzen mit Gott gestalten die Skulptur des „inneren Menschen“, legen Gärten an der Seele, und Seelen treiben wie Barken aus dem Hafen aufs offene Meer.

Dienstag, 25. Okt.

In der „IWMPost“ (Magazine of the Institute für die Wissenschaften vom Menschen / Institute für Human Sciences, No. 107. April - August 2011) lese ich: „Gott ist tot, doch sein Schatten überlagert all unser Denken.“ Der Satz findet sich in einer Betrachtung über Nietzsche, Jan Patočka und Jean-Luc Nancy. In allem europäischen Denken könne das Vorhandensein theologischer Paradigmen nachgewiesen werden. Insofern wüchsen die Ranken des an und für sich toten Gottes in alles Sprechen, in alle Sprache noch hinein. Meine bescheidene Frage: ob ein Totes Schatten werfen könne? Sind Schatten nicht immerzu angewiesen auf ein Leben verströmendes Zentrum? EIN TOTER GOTT KANN KEINE SCHATTEN WERFEN.

Sonntag, 23. Oktober

Das Leben zieht sich zurück ins Innere der Häuser. Terrassen werden leergeräumt, bzw. Töpfe, die Buchskugeln tragen, zusammengestellt und mit Sackleine umwickelt. „Bestelle dein Haus“ (Jes. 38,1). Das Hinschreiten über Dachterrassen läßt in diesen Tagen sich vergleichen mit einem Eingetauchtwerden in melancholische Sphären. „Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.“ Die mehr als eindringliche Erinnerung daran, daß unser Hiersein über keine Kontinuität verfügt. Durch alles mäandert der Riß des Todes. In diesem Zusammenhang die Frage, die seit langem mich beschäftigt: Was soll es bedeuten, daß, unmittelbar nach dem Eintreten von Jesu Tod, der Tempelvorhang, die Parochet, welche, aus Hyazinth und Purpur und Karmesin und gezwirnter feiner Leinwand gemacht, im Jerusalmener Tempel das Heilige vom Allerheiligsten trennte, zerriß?„...und der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von obenan bis untenaus.“ (Mk. 15,38) Im Griechischen steht für „zerreißen“ das Verb „schizein“. Ich neige also zur Auffassung, der zerreißende Vorhang unterstreiche die grundlegende Schizophrenie alles Lebendigen; daß mitten durch den Atem hindurch der Graben des Todes sich schlängle. Schmerz sickert in alle denk- und vorstellbaren Tiefenschichten von Materie und Seele; Schmerz, zerreißt jeden Gedanken. Ich betrachte, um das Uhrwerk wissend der Würmer und Maden, die graumaurigen Alpen. Leise schaue ich hinüber über dunkelnde Wasser; hebe die Augen auf zur zementgrauen Reihung der schweizer Berge, die nunmehr im Begriff sind, verklärt wie das Antlitz einer Schwangeren, vom Tag sich abzuwenden. Wer könnte, wie ein Kranich, über Epochen der Menschheitsgeschichte segeln, Aufgänge betrachten und Untergänge! Die Moderne erschiene als Unglück, eingesperrt in einen Schuhkarton; als Tragödie; als ein ewig Schmerz inhalierender, wie Trauer ewig ausatmender Mund. Ihr Terrassen, leergeräumt, und von Fledermäusen berührt, ihr Pfade der Menschen! „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt...“ (Lk.10,41f.) Ob ich in kommenden Wintern meines Lebens dem HERRN zu Füßen sitzen und seiner Rede zuhören darf? (vgl. Lk.10,39)?

Samstag, 22. Okt.

Angesichts des größer werdenden und zusehends lauter in Wälder und Dörfer hineinrufenden Winters werden die letzten Segelboote aus dem See gehoben. Die Barke des Todes wird auch während ausgedehnt dunkler, frostzerfurchter Nächte ihre unzerstörbare Gegenwart auf Wasser und Uferwiesen streuen. Ach, wie oft dürfen Todesbarke und Möwen unsre Ufer streifen. „...ruf die Kinder, die Asche aufzulesen / und sie zu säen“ (Jorgos Seferis, Tria krypha poiemata, Drei geheime Gedichte, Sommersonnenwende XIV). Es gibt nur ein einziges Antidoton zu Burn-out und Depression: Die Melancholie. Therapeuten bekämpfen häufig die Schwermut - ohne zu ahnen, wie viel Jesusglaube und Auferstehungsschönheit und Lebenskraft (Daseinsbejahung) gerade durch Adern strömt eines melancholischen Lebensentwurfs.

Freitag, 21. Okt.

Zuweilen gehe ich ins Kino und schaue mir Filme an, die viele andere Menschen anschauen. Gestern Abend habe ich im Kino „Linse“ in Weingarten „Melancholia“ angeschaut, Lars von Triers aktuellen Film. Ich lese diesen Film in keinster Weise als Weltuntergangsdarstellung, als das Hereinbrechen der Apokalypse über uns alle. Es ist die Auseinandersetzung vielmehr mit dem persönlichen Sterben. Am Ende baut die Protagonistin Justine für Claire, ihre Schwester, und deren Sohn die „magische Höhle“ - sprich, sie sucht im Wald nach Ästen, entfernt mit dem Messer, welches ihr der Neffe zur Hochzeit geschenkt, die Rinde, stellt die Äste zusammen nach dem Muster von Zeltstangen; dies also die „magische Höhle“; inmitten derselben erwarten sie die Katastrophe (wie der Planet „Melancholia“ mit der Erde kollidiert und diese zerstört). Meditation über ein persönliches Sterben. Und die „magische Höhle“? Vielleicht entspricht den zeltbildenden Ästen das Gebet. Betend hineingehen ins Sterben. Würdig sterben. Claires verzweifeltes Antlitz, ihr Weinen (worin sich die Wolken der Humianität zusammengeballt); Justines nimmt das Sterben lächelnd hin (die böse Erde wird von niemandem vermißt werden; sie verdiene letztendlich anderes nicht als den Untergang), der Neffe erwartet das Auseinanderbrechen der Welt wie das allüberflutende Meer mit geschlossenen Augen. Schön war die Fahrt nach Hause. Die Ravensburger Altstadt zur Linken. Die schmerzlich grellen Ampellichter. Gespräche und die entzückende Erkenntnis, daß die Erde uns noch trägt - vielleicht noch in dieser Nacht. In der Höhle des Pfarrhauses trinken wir, gewissermaßen als Antwort auf den Film, ein Glas Wein. Noch kreisen Insekten summend um unsere Häupter. Wann werden uns die Stürme besuchen des Herbstes, o wann? Wir sterben, auch im Falle, daß die Erde zerbrechen sollte, stets vereinzelt. Es gibt kein kollektives Sterben. Als Einzelne schließen wir die Augen.

Donnerstag, 20. Okt.

Bestünde die Lüge des Romans etwa darin, daß dieser in Hinsicht auf das Leben Kontinuität vortäuscht, den Lauf der Geschehnisse als erzählbar hinstellt - was jedoch gelebter Wirklichkeit entschieden widerspricht. Käme nicht vielmehr der Dichtkunst, ihrem sprunghaft fragmentarischen Charakter, jene Gabe zu, den Gebrochenheiten einer Biographie gerecht zu werden? Darüber hinaus auch die Ekstasen der Natur sich einer fortlaufenden Weise der Darstellung widersetzen. Wetterumschwung, das Stürzen der Temperaturen, der Schrei eines sterbenden Baumes --- wie dies erfassen im letztendlich geordneten Ganzen eines Romans (auch fiebrig mäandernde Sätze unterwerfen sich am Ende einem Sinn; zweiundzwanzig Aufstände gegen die Logik des Seins bleiben auf Sprache angewiesen und Sprache spiegelt unablässig einen geordneten Kosmos; anders die Sagbarkeit der Dinge als Unmögliches sich erwiese). Ich vertrete die Auffassung, Jesu Kreuz stehe wie kein anderes Zeichen für das in sich gebrochene, jeden Anschein von Kontinuität verweigernde Hiersein. Das Zerreißen des Tempelvorhangs schreibt sich als unendlicher Riß ein in alles Sag- und Darstellbare. Im kommunistischen Rumänien gab es zwei Zigarettenmarken: Carpaţi und Snagov. Welche hättest Du geraucht? Natürlich die Zigarette der Armen, Carpaţi - mitnichten die Zigarette der Funktionäre, Snagov. Carpaţi war die Zigarette durchgestrichener Kontinuität. Carpaţi war die Zigarette des Kreuzes, die Zigarette der Schizophrenie.

Mittwoch, 19. Okt.

Er war sein Leben lang Buchhändler in Anstellung gewesen; hatte nach außen hin unscheinbar gewirkt: ein Herr; Anzug, Krawatte, Hut, Stockschirm. Ich wußte, daß er über Jahre hin an einem Manuskript gearbeitet --- Freunde haben größere Teile daraus gelesen; mir war es immerhin vergönnt, einige Seiten zur Kenntnis nehmen zu dürfen. Im Jahr 1997 hat man ihn zu Grabe getragen. Er hatte immer alleine gelebt; hinterm Sarg waren wenige nur hergeschritten. Niemand weiß heute, was mit dem Manuskript geschehen ist. Einzigartiges Schrifttum eines Stuttgarter Juden. Wir wissen längst, daß die bedeutendsten Manuskripte in der Verborgenheit bleiben. Nicht etwa, daß sich kein Verleger gefunden hätte. Das Höchste scheut die Öffentlichkeit. Der Name, welcher über allen Namen ist, bleibt verborgen; die tatsächlich hohen (denkbar höchsten) Manuskripte bleiben verborgen; der auferstandene HERR bleibt im Verborgenen. Aus dem Versteck heraus nehmen höchste Mächte Einfluß auf unser Leben. Das Schrifttum eines Volkes bezieht seine Kraft aus Manuskripten, die nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Aus dem Ursprung trinkende Geistigkeit verharrt im Unsichtbaren und bestimmt doch entscheidend unser Hiersein, sickert ein in Gesteinsschichten unseres Denkens. Die nicht sichtbare Welt wiegt unendlich viel mehr als Vogelzug und im Abgasdämmer niedersinkende Stadt auf die Waage zu bringen vermögen.

Dienstag, 18.Okt.

Im Brief einer befreundeten Pfarrerin stoße ich auf ein Zitat von Virginia Woolf: "Wieder saßen sie schweigend da und blickten ins Feuer.Eleanor wünschte, er würde weiterreden, der Mann, den sie Nicholas nannte. Wann, wollte sie ihn fragen, wann wird diese neue Welt kommen? Wann werden wir frei sein? Wann werden wir abenteuerlustig leben, und mit unserem ganzen Wesen, nicht wie Krüppel in einer Höhle? Es schien etwas in ihr freigesetzt zu heben; sie spürte nicht nur einen neuen Zeitraum, sondern neue Kräfte, etwas Unbekanntes in sich. Sie sah zu, wie sich seine Zigarette auf und ab bewegte. Dann ergriff Maggie das Schüreisen und schlug auf das Holzscheit und wieder flog ein Schauer rotäugiger Funken den Rauchfang hinauf. Wir werden frei sein, wir werden frei sein, dachte Eleanor."

Montag, 17.Okt.

Jemand sagt mir, er sei auf Ischia gewesen. Ich frage nach der Buchhandlung „La gaya scienza“ in Ischia-Stadt. „Keine Ahnung, wo soll die sich befinden?“ - erhalte ich als Antwort. Darin erkenne ich das Problem, daß die wenigen Buchhandlungen, die das Antlitz der Erde noch schmücken, mehr oder weniger unbekannt sind. Kaum jemand, der sich eine Stadt ohne Kirchen denken könnte. Mit den Buchhandlungen verlieren die Städte ihr inneres Gesicht, erblinden.

Sonntag, 16.Okt.

Aus einem frühen Text von Kafka: „Jetzt aber ist er unversehends weggegangen, und doch habe ich ihn mit keinem Worte kränken können. Ich habe mich zwar geweigert, den Abend in der Stadt zu verbringen, aber das war doch natürlich, das kann ihn nicht beleidigt haben, denn er ist ein vernünftiger Mensch.“ (Aus: „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande).Wir beschäftigen uns ständig mit der Frage, ob wir jemanden enttäuscht haben, bzw. betasten wir die Wunden eines persönlichen Enttäuschtwordenseins. Wie Gezeiten des Meeres fluten oder fliehen entsprechende Empfindungen. Warum sind wir alle dermaßen kompliziert? Warum täuschen wir Heiterkeit vor und unendliche Überlegenheit --- wo doch ständig ein Blitz aufzuckt, der uns den Atem stocken läßt. Warum dies ständige Verletztsein? Warum ist es unmöglich, niemanden zu verletzen. Der Nachen treibt in unruhigen Gewässern. Was Wunder, daß wir dieses Haus der Müdigkeit gar nicht mehr verlassen wollen, nicht mehr herzlich lachen können? Dennoch, die alten Bäume reden uns gut zu. Wie lange werden diese noch im Laub stehen?

Samstag, 15.Oktober

Es ist kalt geworden. Ich hoffe, daß Einsamkeit mir bleibe, und ich nicht, wie Zucker im Kaffee, aufgelöst werde im Treiben der Gesellschaft (dem ewigen Kreislauf des Nichtigen). Wie gerne würde ich, nachdem die Sommer erloschen, schwimmen im Meer der Buchstaben; und einen Konsonanten nach dem andern berühren und deuten wollen. Johann Georg Hamann und Werner Fuß, der genialische Alttestamentler Langenargens, sind sich darin einig, daß die Sprache göttliches Ereignis, aus Gott Fließendes sei. Meine Seele dürstet nach dem geheimnisvollen Gott. Ich habe einem Pfadfinderabend beigewohnt, einem großen Fest der Jugendlichen und der Kinder, das sie ihren Eltern gewidmet und geschenkt. Tief beeindruckt kehre ich zurück, spaziere durch die empfindlich kühle Nacht. Das Hollandfahrrad lehnt an der Mauer. Ich summe die Melodie einer Bach-Kantate („Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir“). Wieviel Kraft werden unsere Kinder aufbringen (bzw. als Geschenk in sich entdecken) müssen, um durch die Labyrinthe der kommenden Zeit hindurchzufinden. Der lebendige Gott lege seinen Glanz auf unsere Kinder; er möge sie bewahren, ihnen helles Denken schenken, einen erfinderischen Geist und Augen, die über alles Sichtbare hinaus zu schauen vermögen. Ich steige über die Mauer niedersinkender Nebel; das überwiegend schwarze Federkleid des Kormorans sei meines Nachdenkens Mantel.

Donnerstag, 13.Oktober

Nach den Zeitaltern der Zerstörung (der philosophischen Dekonstruktion) stehen wir an der Schwelle einer neuen Epoche: einer Epoche des Baumeisters. Alles wird am baumeisterlichen Geschehen sich ausrichten und orientieren: Dichtkunst, Architektur, Landwirtschaft, Malerei, Predigt, Erziehung...Sie werden bauen die Türme des Müßiggangs und der Kantaten - wiewohl die Uhren am Wegrand nicht aufhören werden, das Korn zu mahlen wie den Wahn. Der Antichrist wird kommen und verwandeln den Wein in weißes Gift. Wie aber das Baumeisterliche näher erfassen? Elia, enttäuscht und verzweifelt, „ging in die Wüste hinein einen Tagesweg. / Wie er so weit gekommen war, setzte er sich unter einen einsamen Ginsterbusch. / Er wünschte seiner Seele zu sterben, / er sprach: / Nun ists genung, DU, / nimm meine Seele.../ Er legte sich hin und entschlief unter dem einsamen Ginsterbusch.“ Elia leidet unter einem Ausgebranntsein und Nicht-mehr-Weiterkönnen. Der seelsiche Zustand Elias spiegelt die Angst und das Verzagtsein der Heutigen. „Da rührte ihn ein Bote an, / der sprach zu ihm: Erheb dich, iß. / Er blickte sich um, / da, zu seinen Häupten ein Glühsteinback (Luther übersetzt: geröstetes Brot) und ein Krug Wasser.“ (1. Kön. 19, in der Übersetzung Martin Bubers). Im Tun jenes Engels, jenes Boten, welcher Brot bringt, geröstetes, und einen Krug mit Wasser, erkenne ich besagtes baumeisterliches Prinzip. Der Dichter bringt den Verzagten, die unter den Ginsterbusch geflohen, Wasser und wunderbar duftendes, geröstetes Brot, er reicht die Wegzehrung; er hilft dem Einzelnen, den Weg fortzusetzen, den Weg, der auf den Gipfel des Berges Horeb, in das „verschwebende Schweigen“ der Gotteserfahrung hineinführt. Den Glühsteinback zu reichen, den Wasserkrug - daran alles läge. Der Baumeister steigt hinunter in den Gewölbekeller des Pfarrhauses, einen Krug mit Wein zu füllen. Nach mehrstündigem Regen gebärden Flüsse sich wie überkochende Milch, der Geruch nach Verbranntem setzt sich in Gewändern fest der Wanderer. Man wäre gut beraten, die Fenster aufzureißen - allein das Universum will eine fensterlose graue Suppe sein. Ich bin eine Insel aus Gras auf einer Ziegelsteinmauer (Mauer, die ein totes Fabrikgelände umfriedet).

Dienstag, 11. Oktober

Mantelblaues Düster überm Industrievorort. / Ich will nicht einwilligen ins Sterben. / Halde, Kran und Vogel, wie auch das Haus / vom Stift des alten Abends übersudelt; / Weißdorn unversehrt um Kraftwerk / und Weiden des Viehs.

Montag, 10. Oktober

Ich lese den ganzen Tag über Gedichte. Ich fühle mich so sehr wohl in meiner Haut, empfinde innere Mächtigkeit. Die Spaziergänge führen ins Weite und die Berge sind keine Gefängnismauern, Körbe vielmehr in welche eingesammelt wurde, von unsichtbar dunkler Hand, Fallobst des Geistes. Beschäftigung mit dem „Prometheus“ von Luigi Nono. Dort, in „Isola seconda“ der Vers: „Placami / (questo) dio dal rito notturno / (che mi) caccia (ai confini del mondo) / Placami / (il) folle (assillo) / di questa danza tremenda / Ma placa / questa sventura di vivere // Besänftige mir / diesen Gott des nächtlichen Ritus / der mich jagt bis an die Grenzen der Welt / Besänftige mir / die wahnsinnige Bedrängnis / dieses furchtbaren Tanzes / Aber besänftige dies Unglück zu leben.“ Welch eine Gnade, das Leben nicht als Unglück empfinden zu müssen, die Inseln des Lichtes schauen zu dürfen. Das Leben ist groß. Das Leben ist dramatisch, verführerisches Ketzertum, Eingetauchtsein in Teer und Harz - gleichwohl bleibt die Rose von unzerstörbarer Schönheit.

Mittwoch, 5.Oktober

Vergangenen Sonntag überreichte mir ein Besucher nach dem Gottesdienst (Feier der Gottgegenwart, die von der Metapher des weißen Hochsee-Dampfers begleitet wie durchwaltet war) eine kleine Abhandlung über Rm. 13, 1-7. Ich erachte dies als Wunder; daß jemand, von Haus aus weder Gottesgelehrter noch philosophisch-politisch Geschulter, sich an einen Tisch setzt und theologisches Gedankengut zu Blatt bringt, in einer Zeit, da in Kaffeehäusern selten noch gelesen, vielmehr an Mobiltelephonen herumgespielt wird. Zweifellos sie predigen (Prediger der Liebe wie des Hasses verlassen ihre Häuser, bauen ihre Stände auf an Straßenrändern), in Zungen wird geredet allerorten; man müht um Heilung sich (es gibt den theologischen Glutkessel durchaus im vermeintlich säkularisierten Land!) --- allein, daß jemand sich im Denken übt, der Schönheit sich hingibt unsrer Sprache, abwägt, formuliert, durchstreicht, es anders sagt --- ich bin entzückt. Höflichst überreichte Abhandlung kreist um die Frage, ob etwa Dietrich Bonhoeffer, nachdem dieser zur inneren Bereitschaft sich durchgerungen, den Tyrannen gewaltsam von Thron zu stoßen, Gott gegenüber ungehorsam geworden sei --- unbestreitbar gelte doch das Bibelwort, alle Obrigkeit sei von Gott angeordnet und von daher zu dulden. Nicht wird meines Erachtens vom Autor des Traktats in diesem Zusammenhang dem Umstand Rechnung getragen, daß die Tyrannis keineswegs als „Obrigkeit“ zu gelten hat; Tyrannis tritt vielmehr (vgl. Offb. 13) in doppelter Tiergestalt (als Inkarnation des Satanischen) auf: einmal aus dem Meer steigend, dann aus Abgründen der Erde, übt sie Macht aus über Menschen, „tut große Zeichen...und verführt, die auf Erden wohnen“ - Tyrannis: ein widergöttliches Phänomen (Offb.13,6). Allerdings bleibt als Haltung des Gläubigen eine bestimmte Art von Reserviertheit: „Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen!“ (v 10) --- also auch von Offb.13 her die Mahnung „Ertrage ....dein fernbestimmtes: Du mußt“ (Gottfried Benn). Ob dann, in Ausnahmefällen, doch zur Waffe gegriffen werden muß? In Offb.12, 17 ist von einem Kampf mit dem Drachen die Rede - Kampf, der durchaus als Aufstand gedeutet werden könnte. Offb. 15, 1-4 spricht vom Sieg über das Tier! Bonhoeffer hat es sich bestimmt nicht leicht gemacht, hat um diese seine innere Entscheidung gerungen. „The fear of the LORD is the beginning of knowledge: but fools despise wisdom and instruction.“ (Sprüche Salomos 1,7). Wie wiederum wäre „Furcht“ zu deuten? Wäre das hebräische „jirah“ mit „Ehrfurcht“ zu übersetzen oder, angemessener, etwa mit „Angst“? Gäbe es Gott gegenüber das Schrecknis der Angst? Vielleicht sollten wir nachsuchen bei Kierkegaard? Und Jes.6,5: „Weh mir, ich vergehe!“ Ist das nicht der Aufschrei nackter Angst? Im Roman „Mondrian“ wird ein Architekt, Thomas, der Baumeister, von einer „weißen“Angst zu Boden geworfen beim Anblick einer Birke. „In der Welt habt ihr Angst“, sagt Jesus - nicht auszuschließen, daß solches Ergriffenwerden von Angst uns aufschauen und erkennen läßt. Was bedeutet das „Auf-die Erde-Fallen“ des Paulus in Apg. 9,4? Paulus „konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.“ (Apg.9,9) Angst? Ehrfurcht läßt eher denken an ein In-die-Knie-Gehen (ein In-die-Knie-Brechen), als an ein Umgestoßenwerden und Erblinden. Es ist alles Denken wie ein Sich-Schleppen über Korridore der Heiligen Schrift. Keine philosphische Frage, welche im biblischen Schrifttum nicht entfaltet würde, dort kein Echo fände. Wir sollten viel intensiver und regelmäßiger herumstreunen auf Hochebenen hebräischer und in Birkenwäldern griechischer Buchstaben. „Fragen, Fragen! Erinnerungen in einer Sommernacht / hingeblinzelt, hingestrichen...“ (Gottfried Benn). Die vierte Stunde eines Tages bereitet ihren Auftritt vor. Theaterbretter eines Herbstes. Wann werden jene Stürme kommen, welche Blätter von den Ästen reißen? Wann die Pflugscharen der Angst? Diese vierte Stunde sucht noch nach der Pelerine von Nomaden; diese vierte Stunde will eine bleiche Fremde geben und beim Sprechen überhaupt nicht husten. Vierte Stunde eines Wahns.

Dienstag, 4. Oktober

Man ißt Früchte des Herbstes, am frühen Abend bereits stehen hell erleuchtet und heiter Hotels wie Sterne über nachtschwarzem Weinen der Ufer, werfen und schleudern reine Lebensfreude ins All; es ist so bitter, in weitläufigen Hallen Wein zu trinken - und dabei immerfort an die großen Verbrechen des XX.Jahrhunderts denken zu müssen. Was man Kindern zugefügt und jungen Frauen. „...nur die wie wir es durchgemacht verstehn und fühlen es allein“, schreibt eine Überlebende. „Im Kohlenbergwerk geschuftet wie Tiere...300g Schwarzbrot und einen Schöpfer Sauerkrautsuppe, das war die tägliche Verpflegung...“ Als ob ein Nachglühen der Sonne auf den Wassern läge, also liegt ein dünner (fast nur angedeuteter) Streifen geronnenen Bluts auf dem See. Augen gibt es, die „sehen“ und nicht vergessen können. „Die lange Nacht der Lüge hat kein Ende.“ Haben Dichter ein Recht, auf der Erde zu sein? Sie, die einzig umgraben die Erde der Sprache, deren Stimme so unscheinbar und leise. Indes es zu beachten gilt, daß auch Christus, allem Schrillen und Lärmenden abhold, über die Erde gegangen. Vielleicht, daß er angelegentlich der Dumpfheit von Menschen die Stimme zuweilen erhoben --- im Grunde blieb er doch einer vornehm gedämpften Art des Sprechens verbunden (wie auch, mit Nietzsche zu sprechen, einem „vornehmen Lento“). Kerne bereits verzehrter Früchte auf einem Blatt bleistiftbeschriebenen Papiers. Ich empfinde Nervosität, bin von großer Unruhe ergriffen. Jeder Viehwaggon, in welchem man Gefangene in Lager und einfache Soldaten an Kriegsfronten gebracht, war einsam gewesen wie ein Mond. Jeder Viehwaggon ein Konsonant, in jedem Viehwaggon unzählige Augen der Angst.

Donnerstag, 29. Sept.

Die letzten Stunden des schwedischen Bischofs Nathan Söderblom (1866-1931). Sein Abschiednehmen und Sterben läßt an eine untergegangene Welt denken und trägt, für die Ohren eines Heutigen, geradezu märchenhaft anmutende Züge. Söderblom litt starke Schmerzen, gab den engsten Angehörigen gleichwohl, bei klarstem Verstand, „sein Lebensmotto mit auf den Weg, das er selbst von seinem Vater übernommen hatte: „Nicht, daß wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude“ (2.Kor.1, 24). Dann betete er laut mit Worten aus dem Gesangbuch: „Lehr mich mein Leben enden, Dein'm Namen, Gott, zum Preis, wie's immer auch sich wende, Du bist doch gut und weis' / Lär mig min dag fullända, Ditt namn, O Gud till pris, och tro, vadhelst må hända, att Du är god och vis“, sowie Sätze aus Paul Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden“: „Ich danke Dir von Herzen, o Jesu liebster Freund, für Deines Todes Schmerzen“, und er dankte Gott, „daß ich Unwürdiger Pfarrer der schwedischen Kirche sein durfte“. Von jedem seiner Angehörigen verabschiedete er sich mit einem aufmunternden Wort und bedankte sich bei ihnen allen, besonders auch bei den Ärzten und Schwestern. Er bat die Versammelten um Vergebung für alles, was er ihnen schuldig geblieben sei, betete mit ihnen gemeinsam das Vaterunser und segnete sie. Danach traf er einige Bestimmungen über seine Bücher, nannte den Titel für die Gifford-Vorlesungen und sprach dazu die später berühmt gewordenen Worte: „Dort habe ich durch die Religionsgeschichte bewiesen, daß Gott lebt.“ Mit nachlassender Kraft sprach er schließlich über das ewige Leben. Seine letzten Worte zu seiner Frau waren, kaum noch hörbar: „Die Ewigkeit, Anna, die Ewigkeit!“ Danach verstummte er. Bis zuletzt war er bei vollem Bewußtsein gewesen. Die Familie hat dieses trotz aller Qualen klaglose und zuversichtliche Sterben ihres ihr bis zuletzt zugewandten Oberhauptes als eine einzige Abschiedspredigt verstanden. Algot Anderberg, einer von Söderbloms Schwiegersöhnen, schloß seine Gedenkrede in dem Trauergottesdienst am 15. Juli mit den Worten: „Wir haben Gott offenbart gesehen.“ (Dietz Lange, Nathan Söderblom und seine Zeit, Göttingen/ Oakville 2011, S.461f.) Wie anders sterben die Menschen heute. Wie sehr anders geworden ist das Lied der Schwalben. Und die Ostsee, wie ist sie einsilbig geworden und sprachlos im abendländischen Wind, die Schiffe sind keine Dampfer mehr und tragen nicht länger metaphysisches Gedankengut über die Wasser. Söderbloms Lieblingsblumen waren die Fuchsien, „vom Volksmund auch Kristi blodsdroppar (Christi Blutstropfen) genannt.“ (Lange, S.462)

Mittwoch, 28. September

Auf der Dachterrasse um die Kugeln des Buchses ein Gebetsschal gewunden des Lichts; und Jakobsleitern des Altweibersommers, die Fäden der Spinnennetze, klettern über Mauern kalendarischer Striktheit und Strenge. Seid gegrüßt ihr Zirkuspferde der Frühe. Dankbare Augen schauen den tempelfüllenden Rocksaum des Herrn. Ach ja , die Höhlen, die Tiermetaphern der Wände --- dazu fallen mir zwei Strophen ein aus dem Gedicht TEMPEL DES WEISSEN MONDES (das ich, wenn ich mich recht entsinne, noch im vergangenen Jahrhundert entworfen und geschrieben): „Was jedoch die Denker, / so sie im Fernsehn sprechen, von sich geben, /erhabene Fürsten dieser Welt, / ist auch nur ein Gerede, wirr und leer --- / gemessen jedenfalls am Dunkel einer Landstraße, / am verdämmernden Grau des Anisbrots; / willkürlich das Wissen dieser Herren / beiläufig wie aus dem Beet gerissener Lavendel / Was wissen die vom dunklen Leben in den Höhlen? // Ihr Herren, die ihr stolz Entwürfen folgt /des aufrecht Äonen durchschreitenden ICHs --- / schlußendlich werdet ihr, / ihr mit den Händen Fuchtelnden, / herausgezwungen werden aus den hohen Bögen eines Morgens; / werdet ihr in Altersheimen dann nach eurer Patentante rufen, / die euch vorzeiten über faulige Wasser gehalten verwitterten Steins / werdet ihr nach euren Müttern rufen / und die Toten werden nach euch rufen / Leuchte mir Laterne einer nie erlitt'nen Wildnis / Steh mir bei, wunderbare Eibe meiner Friedhöfe // Was soll es bedeuten, daß wir am Ende alle den Verstand verlieren".

Dienstag, 27. Sept.

Die Wasseroberfläche des Sees so bleich und unbeschrieben, daß jeder Schwimmzug wie ein Bleistiftstrich. Die Berge sind längst, ihren Winter suchend, weggegangen; Hüllen nur noch stehen wie Theatergerüste über Ufern der Schweiz. Weit davon entfernt, die Magie der Höhlenmenschen (im Denken des amerikanischen Dichters Clayton Eshleman „die schamanistische Trance“) vergessen zu haben, das Sich-Erinnern an ein Einssein mit der Wirklichkeit des Tiers (das Noch-Eingebundensein in die tierische Welt), bauen die Heutigen scheinbar Türme einer nüchternen (nach Rilke: „gedeuteten“) Welt; tatsächlich, muß ich oft denken, haben wir die Höhlen noch gar nie verlassen. Auch einem solchen Gedanken wäre Interesse abzugewinnen: daß wir, Höhlenbewohner seit jeher, Tiermetaphern an die Wände malen würden.

Nachtrag (Donnerstag, 22. September)

Du frierst? Wo Du doch hättest wissen müssen, daß der Herbst begonnen und die Nächte, mögen die frühen Abende noch so mild und leicht wie himbeergesüßter Magerjoghurt sein und einladen zum Herumsitzen im Freien, bereits sehr kalt sein können. Du trägst keinen Mantel? Warum nur habt ihr aufgehört zu beten? Der klare Sternenhimmel, seine Boten (die Hunde des Frosts) werden euch noch ruinieren. Der Tod, ein Untergetauchtwerden im eisigen Wasser, wird Eure zweite Taufe, Eure Wiedertaufe sein. Ihr geht nach Hause. Die Biere dieses Herbstes machen Euren Schritt so schwer. Ihr hättet nicht mehr, nie mehr trinken sollen. Immer noch nicht habt Ihr begriffen, daß Eure Bürgerburgen Zelte sind am Vorabend des Abschiednehmens. Wie frühe Nebel lauern über jedem Atemzug Milizen eines so gar nicht eleganten Todes. Sofern sie die Netze einholen, werden diese aus den Nähten platzen. In der Ferne werdet ihr die Kinder schreien hören, die den Glöckchen eines Schlittens folgen. Vergiß nie mehr den Mantel, wenn Du in die Morgenfrühe gehst. Die Steine des Gebets laß nie mehr unbewacht im Hausflur liegen.

 

Sonntag, 25. September

Baudelaire spricht bereits in den „Fleurs du Mal“ von einem dicht bevölkerten Frankreich (notre France, / Ce pays trop peuplé...); René Char bezeichnet in einer poetischen Meditation über Arthur Rimbaud aus dem Jahr 1956 den Westen als überladen, selbstgefällig, barbarisch und kraftlos, der „auch noch Selbsterhaltungsinstinkt und das Verlangen nach Schönheit eingebüßt“ habe („l'Occident bondé, content de soi, barbare puis sans force, ayant perdu jusqu'à l'instinct de conservation et le désir de beauté“). Den Vers Baudelaires wie die Sätze René Chars im Ohr, stehe ich mit meinem schwarzen Auto im Stau auf der Brücke, welche Lindau-Insel mit dem Festland verbindet. Was werden spätere Generationen über unsere Epoche sagen? Vielleicht werden sie sprechen von einer Zeit, die, der Höchstgeschwindigkeit in jeglicher Hinsicht verschworen, dem Wahn verfallen, alles immer nur noch schneller zu machen, im Grunde aber nicht von der Stelle gekommen, im Schlamm immergleicher Probleme und kleiner Schweinereien stecken geblieben war. Aus der Bettelschale trinke das ungeborene Licht.

Mittwoch, 21. September

Gieße, Vater, Wochen schweren Schlafs mir in den Wein ---

Dienstag, 20. September

Extreme Temperaturschwankungen herschen über frühe Tage im Herbst, finden ihre Entsprechung in den Wettern der Seele. Einige Verse der schwermütigen Erinnerung kommen mir in den Sinn, die ich vor Jahren in späten Septembertagen verfaßt: „Vom Wissen zu brechen vielleicht der Veilchen wäre an der Zeit, vom Wissen / jener altschwäbischen Nacht. Überbordende Fülle von Rauhreif und Sommer. // Mauern der Schlehe (storchenweiß) im Holunderdunkelblut.“

Montag, 19. September

Lebensläufe sind eine Zusammenstellung der Ereignisse, die ein Menschenleben scheinbar darstellen und ausmachen. Man sagt: Das sind die wichtigsten, die prägenden Ereignisse; und weiß doch, daß ein Leben aus einem Mosaik von Nebensächlichem besteht. Was wird von größerer Bedeutung gewesen sein in einer Biographie - die Abenteuer in Amazonaswäldern über Jahre hin, ein unvergleichbar elementarer Kampf ums Überleben --- oder die Tatsache, daß der Mensch, der solchen Abenteuern ausgesetzt gewesen, mehrmals täglich das KADDISCH gebetet? Welche Stunde wird, rückblickend auf ein zerronnenes Leben, als entscheidende sich erweisen: Stunde, da jemand vor einer Menschenmasse auf der Bühne gestanden und gefeiert worden war; oder die Stunde des Zusammenlesens von Nüssen im feuchten Gras? Es sind Leerräume zwischen Buchstaben, die unser Leben ausmachen; benennbare Ereignisse locken auf die falsche Fährte.

Mittwoch, 14. September

Ich höre deutsche Wiegenlieder. Ich höre den „Prometeo“ von Luigi Nono. Ich höre Arnold Schönbergs Vertonung von 15 Gedichten aus Stefan Georges „Buch der hängenden Gärten“ (op.15). Einmal mehr habe ich mir Epikurs „Philosophie der Freude“ vorgenommen (dazu W.F.Ottos Buch über Epikur). Ich lese Prousts Briefe. Ich lese die ca. 90 Gedichte, die ich in den zurückliegenden Jahren verfaßt. Ich stehe auf den Friedhöfen, vor den Altären, an Taufsteinen. Ich lese die Gedichte von Leopardi („La Ginestra o il fiore del deserto“) und Seferis („Der König von Asine“) --- ach, Aneinanderreihung der Dinge, Aufzählung, der Eindruck des Tabellarischen. Im Grunde ist all dieses Tun (dieses Lesen und Hören und Betrachten und Nachdenken, dieses gottesdienstliche Handeln) anderes nicht, als das Spazierengehn auf Stelzen, möchte meinen: ein stilles und einsames Gebet. „Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht: Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.“ (Satz, der den Thomas-Mann-Roman „Doktor Faustus“ beschließt). Ein einsamer Mann faltet seine Hände.

Sonntag, 11. September

Eine erfolgreiche Journalistin, Kuratorin, Inhaberin einer Galerie. Sie hat Wohnungen in mehreren europäischen Städten, ein Haus in den Bergen und am Atlantik. Im Alter von 67 Jahren zieht sie sich zurück, besessen von Ideen und Visionen, sie trägt sich mit der Absicht, Theaterstücke zu schreiben und Dokumentationen für's Fernsehen zu drehen. Tatsächlich spaziert sie den ganzen Tag an den Ufern des Atlantiks entlang, schreibt nichts, übt keinerlei Tätigkeit aus, versinkt ins Schweigen; ihr Leben besteht nur noch aus Spaziergängen, einem langsamen, versonnenen taglang währenden Vor-sich-Hingehen. So geht sie Jahr um Jahr über den Staub der Erde, im Trenchcoat, im Wintermantel, leicht gekleidet während der Sommer, geht und geht und geht. „Alles Fleisch ist Gras.“

Freitag, 9. September

Mittagslicht eines Freitags im südwestdeutschen September. Insekten streifen behutsam durch das sich selbst feiernde Licht, das wie Schnee so sanft und leise auf den Gegenständen liegt. Herzschrittmacher sind so ausgestattet heute, daß sie von Zeit zu Zeit, wie ein Mobiltelephon, musizieren, eine Melodie vernehmbar wird, die (so meine Vermutung) eine Verbindung aufbaut zu einem irgendwo gelegenen medizinischen Herzzentrum...Also liegen die Toten auf der Bahre und man vernimmt unvermittelt das Spiel der Elektrogitarren, des Schlagzeugs, der Trompete. Auch verläßt uns das Schweigen der Gräber. Dort die Toten unter der Erde - unvermittelt hebt eine Zeitlang noch das Musizieren an des Herzschrittmachers. Das Aufspielen des Apparates in der Brust --- eine phantastische und großartige, zweifellos lebensrettende Erfindung; und doch skurril, mehr als skurril (man kann nur noch - wie der große Bruno Schulz aus Drohobycz dem Vater aus den Erzählungen „Die Zimtläden“ dies ins Wesen eingeschrieben - man kann nur noch „schmerzlich lächeln“).

Donnerstag, 8. September

Domenico, der verrückte Prophet in Tarkowskijs Film „Nostalghia“, hat sich eine eigene Philosophie erdacht; im Wesentlichen geht diese davon aus, daß die Menschheit irgendwann (ich meine mich zu erinnern - bin mir dabei aber nicht ganz sicher -, daß Domenico in seiner großen prophetischen Rede in Rom von der 'Renaissance' spricht) einen falschen, Unheil bringenden Weg eingeschlagen habe. Das Abirren vom Weg - Heidegger meint dies Verlassen des authentischen Wegs nach dem Wirken der Vorsokratikern ausmachen zu können, als Sokrates eine falsche, in die Irre führende Fährte aufgenommen. Die Heilige Bibel hinwiederum setzt das Einschlagen eines falschen Wegs an den Anfang (Adam und Eva) --- am 5. September fragt mein Tagebucheintrag, wann das Elend der Menschen begonnen habe, „daß wir vor dem Tod stehen wie vor Tierkäfigen im Zoo“ --- letztlich wird menschliche Unvollkommenheit erklärt mit einem Abkommen vom Weg. Vielleicht gibt es aber keinen anderen Weg. Vielleicht gibt es keine Möglichkeit der Wahl. Vielleicht tut sich immer nur der eine Weg auf; immer nur diese eine Spur. Daß es an uns sei, diesen Weg des Irrtums zu beschreiten. „L'imperfection est la cime / Das Unvollkommene ist der Gipfel (das Eigentliche, das Höchste, das Wesentliche)“ - so der Dichter Yves Bonnefoy. Unvollkommenheit, die in alles eingeritzt, was wir auch tun. Immer wieder die Frage, welche Worte Christus in den Staub der Erde geschrieben (Joh.8, 6)? Fledermäuse stürzen wie betrunken vom Kirchturm. Menschen verlassen die Kaschemmen, ziehen, so ihr Irrglaube, nach Hause; wo sie doch immer weiter vom Vertrauten sich entfernen. Feierlich das Weintraubendunkel.

Dienstag, 6. September

Über die Fassade des Pfarrhauses ranken Reben des Weins; Reben, die in diesen Tagen denkbar süße Trauben tragen. Ich esse eine einzige Traube, schließe die Augen. In einer solchen Beere --- wieviel Sprache verbirgt sich darin; ganze Meere, vokalüberzuckert, erzählen vom epikuräischen Glück, welches der unglückliche Nietzsche dermaßen innig begehrt. Ich kann einfach nicht glauben, daß die Frucht herangewachsen wäre ohne jede Aura jesuanischen Staubs. Am Kleinbuchstabierten der Gene reiben Winde ihr Fell; Winde, die Sozialarbeiter im Mikrobereich, streetworker in der koriandersamenfeinen Stadt. Winde des Maghreb, die ihr eingekehrt ins einhundertsiebte Stockwerk einer Haut, welche, lila fast, zutiefst jedenfalls im Blau verloren, für die Warnung steht vor einem Eingesperrtsein in Kelter und Kultur. Wer am Tintendunkel einer Beere nicht mehr zweifelt, der wird niemehr an der Schönheit rütteln, mit welcher, über Wasser des Sees, hinging der HERR.

Montag, 5. September

Gewitterschwarz die Alpen --- dort die toten Götter ruhen auf steinerner Bettstatt. Wie leidenschaftlich und gründlich auch immer wir in das Werk Hölderlins uns hineindenken, wie sehr wir diese Gedichte lieben - wir ahnen doch, daß die Götter in Gräbern, ihre Gegenwart zugeschüttet, durch ihre Lungen nicht mehr die wilden Tiere des Atems streunen. Unsere Zeit hat für das Weinen der Götter kein Ohr. Walter F. Otto (gest. 1958) war vermutlich der Letzte, der angesichts gegenwärtiger Götter in die Knie gebrochen, der tatsächlich verehrt hat, dem die Rede von den Göttern mehr war als nur ein anderes Treppenhaus, durch das sich eleganter und leichter (und weniger angefochten von Kirchenbanalität) hochsteigen ließe. Das Säntismassiv steht grau verwaschen in der Abendflucht: riesige Fähre, die die Toten in das Italien Goethes brächte. Auch haben wir aufgehört, vor den Toten stille zu sein, ihrem Schreiten nachzulauschen. Außerstande, die Nähe der Toten zu spüren, haben wir die Hütten der Trauer bezogen, wohnen wir auschließlich noch in der Trauer. In vielerlei Hinsicht ließe sich behaupten, die Kunst dieser Tage sei kein Gespräch mehr mit den Toten. Wann hat dieses unser Elend begonnen, daß wir vor dem Tod stehen wie vor Tierkäfigen im Zoo, ein uns Fremdes nur noch angaffen, ein Gefährliches, Wildes, dem gegenüberzutreten, die Begegnung zu suchen, als Unmöglichkeit sich erwiese? Nietzsche über Epikur: „Ja, ich bin stolz darauf, den Charakter Epikurs anders zu empfinden als irgend jemand vielleicht und bei allem, was ich von ihm höre und lese, das Glück eines Nachmittags von Altertum zu genießen: - ich sehe sein Auge auf ein weites weißliches Meer blicken, über Uferfelsen hin, auf denen die Sonne liegt, während großes und kleines Getier in ihrem Lichte spielt, sicher und ruhig wie das Licht und jenes Auge selber. Solch ein Glück hat nur ein fortwährend Leidender erfinden können, das Glück eines Auges, vor dem das Meer des Daseins stille geworden ist, und das nun an seiner Oberfläche und an dieser bunten zarten schaudernden Meeres-Haut sich nicht mehr satt sehen kann: es gab nie zuvor eine solche Bescheidenheit der Wollust.“ (Fröhliche Wissenschaft 45)

Donnerstag, 4. August

Der Tee schmeckt bitter, die Luft so grau wie knielange Arbeitsmäntel der Schul-Hausmeister zur Zeit meiner Kindheit (die Luft eine Art Brei, der sich aus dem Blechteller löffeln ließe). Die Kirche wird für den nachmittäglichen Trauergottesdienst vorbereitet. Bald wird der Sarg gebracht. In meiner Erinnerung wohnen der Verstorbenen viele. Ein Möbelpacker, der vor zwanzig Jahren unseren Umzug von Stuttgart an den See begleitet, hatte beim Schleppen von Bücherkisten geäußert, das Leben sei ein einziges Sterbelager (die Welt zu betreten, bedeute, sich niederzulegen und müde und müder zu werden). Wie kann ich mir den Umstand erklären, daß ältere Menschen dazu neigen, irdisches Dasein aus einer einzigen Perspektive (sozusagen mit dem Blick des Abschiednehmens) zu betrachten --- umgekehrt Jüngere sich, in der Stimmung entschiedener Ausschließlichkeit, der Perspektive des Wachsens und Groß- und Hochwerdens rühmen? Ich flüchte mich gerne in das Schauen der Gabelweihe, wie diese über Geborenwerden und Sterben gleitet. Meine Augen wandern über die Bücherwände der Wohnstube: Mauern die das Leben feiern wie auch gründlich die schwarze Tinte gehortet haben. Die Folge eines solchen Wissens sowohl um die Gnade des Zur-Welt-Kommens, als auch um das Sterbenmüssen (um die Macht des Todes) verunmöglicht das Dasein des Partisanen. Nach dieser Schule des Lebens, drei Jahrzehnte des Stehens an Gräbern wie an Taufsteinen, taugt man zum Revolutionär nicht mehr. Selbst im Falle, daß man sich wiederfände hineingedrängt in ein geistiges Partisanendasein (zu welchem ich mich zeitweilig bekenne), wird man das resignativ-heitere Lächeln um den Mund her nicht verbergen können, wird gewissermaßen eher zum Sanitätsdienst, zum Dienst in der zweiten Linie nur verwendbar sein. Der Blick der Gabelweihe mischt in die Glut des Hierseins, ins Aufschreienmüssen angesichts all der Grausamkeiten und Verbrechen, jene graue Arbeitsmantelluft des Donnerstagmorgens, jenen bitteren Geschmack eines zu lange gezogenen Tees, die Wehmut des Kohelet.

Dienstag, 2. August

Ein heiliger, betrunkener, außer sich geratener Sommerregen stößt das Blatt des Spatens in die Erde tief der Augustnacht. Du fragst nach der Geburtsstunde des postsowjetischen Rußland? Dieses Rußland wurde mit der Rückkehr Alexander Issajewitsch Solschenizyns aus dem amerikanischen Exil geboren. Kein Politiker, der es geschaffen; das neualte Rußland war die Handschrift dessen, der im Gulag, anders als der viel größere Schalamov, der dem Nichts begegnet, den russischen Christus gefunden und diesen zu verkünden nicht müde wurde. Alles Scheitern, Großtun, das Korrupte wie das Mitspielenwollen an den Börsen und das Hinausschickenmüssen der Schiffe in antarktische Winkel, die Schönheit des transsibirischen Hungers nach Gott, alles, alles hat seinen Ursprung im Werk des Mathematiklehrers aus Rostow am Don. Solschenizyn hat den Ruinen des Sowjetimperiums den Mut des Christusglaubens gebracht. Das Zeugnis unerschrockenen Bekennens; in der Tasche hatte er auch den Brotlaib des Antijudaismus (von dem Europa seit jeher sich nährt); eine tiefe Abneigung gegen moderne Kunst und gegen die erregende Vielfalt deutscher wie französischer Geist-Verhältnisse. Er beabsichtigte Rußland zu heilen (wovon?); allein er hat auch das Gift des Hasses in die Wunden gestreut. Er hasste den Westen. Er kam als Prophet; er starb als solcher. Er sah den Niedergang des Westens als Fundament für ein Steigen des Ostens ins Licht. Schalamow, der eigentliche Landvermesser des Gulag, der alles in den sibirischen Lagern verloren, war milder; ihm lag vielleicht an nichts anderem als am Vergessen. Schalamow hatte keine messianische Mission. Er kam zurück und hielt sich an die niederen Dinge (cf. Rm.12). Das nachsowjetische Rußland eines Warlam Schalamov wäre vorstellbar als Theaterstück von Tadeusz Kantor: eine Schulklasse, schwarz, ausnahmslos tiefschwarz gekleidete Jugendliche an grob gezimmerten Bänken und entsprechend groben Brettern des Theaterbodens („Wielepole“). Solschenizyn sah seine Mission im Aufbau eines geistigen Rußlands. Schalamow hätte sich eine Zigarette angezündet und in das blaue Licht eines Morgens geblinzelt, der über den weißen Mauern eines Wohnblocks gedämmert.

Montag, 1. August 2011

Zu Besuch im Haus eines kühlen, nordeuropäisch anmutenden, nach syrischem Blut schmeckenden Sommers. Fremd wie ein streunender Wind, der aus Gefäßen der Sahara seinen Abend getrunken und jahreszeitenlang auf der Meseta, der zentralspanischen Hochebene, in einer Hütte sein Brot gebrochen, betrachte ich Geldscheine und Münzen und frage mich, woher es wohl rühren möge, daß Geld so sehr unser Hiersein bestimmt, die Wolle des Hierseins eingefärbt hat. Gestritten wird um Geld. Gestorben wird für Geld. Gemeuchelt wird um des lieben Geldes Willen. Ich habe in einer ehrwürdig alten, holzgetäfelten Stube gestanden und den Psalm gesprochen, das Gloria Patri und das Kyrie gesungen und einen Paul-Gerhardt-Choral, die Einsetzungsworte gesprochen zum Heiligen Abendmahl --- ein Fremder im nachtbraunen Anzug, der, den Kelch und die Patene in der Umhängtasche, an Wiesen und Maisfeldern, an Hopfengärten entlangtreibt.

Sonntag, 31. Juli

Ich fuhr mit dem Rad in ein Schweigen der Seele, ich fuhr über die Meere nach Hiroshima, ich stieg, angekommen, ab, setze mich an den Straßenrand, nahm ein Band mit Gedichten von Saint- John Perse aus der Umhängetasche und gab mich der Lektüre hin: „C'étaient de très grands vents sur toutes face de ce monde /Sehr große Winde waren dies, hin über alle Angesichte dieser Welt“. Ich fuhr durch Totenreiche, bereiste die Kontinente der Dichtkunst, das Afrika der Handschriften. Ich war einer der zwölf Söhne Jakobs. Ich war das ermüdete Europa. Ich war Buchstabe eines Briefes von Rilke. Ich habe auf den Kanzeln des Windes gestanden und zu toten Augen gesprochen. Ich fuhr mit dem Rad, über asphaltierte Wege hin, in ein Schweigen der Seele ---

Freitag, 29. Juli

In seinem Gedicht " Notizen vom Sonnenstaat" meditiert der chinesische Dichter Bei Dao über das Leben des einzelnen vor dem Hintergrund eines utopischen Staatsentwurfs:

LIEBE Eine Wildgans flog an brachem Land vorbei. Ein alter Baum fiel laut zu Boden. Saurer Regen treibt durch die Luft

FREIHEIT Papierfetzen Im Wind

KINDER Das Bild eines ganzen Ozeans gefaltet zu einem weißen Kranich

GLAUBE Das Knäuel von Schafen in grüner Senke. Das monotone Flötenspiel eines Hirten

FRIEDEN Wo der Herrscher starb wurde das alte Gewehr mit seinen Zweigen und Knospen zur Krücke eines Behinderten

Verse, die von unergründlicher Barmherzigkeit zeugen. Verse, die heiteres Behütetsein zur Sprache bringen. Verse, die in meinem Ohr klingen wie Worte des Christus. Wir gehen hin unter sauerem Regen; Lawinen des Straßenverkehrs möchten uns verschütten. Das Hiersein auf Erden in all seiner Schönheit --- und doch bedroht, eine Wanderung im Hochgebirge; aber wir gehen und atmen und singen und weinen und schreiben Briefe und graben die Gärten um, erkranken und finden zurück an das Schachbrett --- als ob alles ein süßer und zugleich bitterer Traum wäre.

Donnerstag, 28. Juli

Möglicherweise würden wir, der im Eintrag von gestern beschworenen (allenthalben zitierten) „Klangdüsternis“ uns hingebend, jene seit Jahrhunderten ersehnte göttliche Predigtsprache wiederfinden.

Mittwoch, 27. Juli

„Eine Klangdüsternis, die - und das ist das zutiefst Beunruhigende - die Sätze der klarsten Musik, Bachs oder Josquins, Schoenbergs, Nonos oder Mozarts Werke ebenso grundiert, wie die Sprach- und Klangäußerungen jeglicher Kreatur. Hier finden wir die Spur einer Klage hinter allem Reden, dem das Gesprochene gleichsam nur in seiner Inkommensurabilität Ausdruck verleiht und immer in Gefahr bleibt, das alle Schöpfung umfassende Seufzen mehr zu verdrängen, als Laut werden zu lassen....Ein Sprechen „unter“ der Sprache..“ (Jakob Ullmann, Logos agraphos, Die Entdeckung des Tones in der Musik, Berlin, 2006, S. 178f.)

Dienstag, 26. Juli

Gespräch über Albigenser und Templer. Ein feiner Herr, verwurzelt im Raum der römisch-katholischen Gemeinschaft, dem ich begegne am Rande eines synagogalen Ereignisses (ich könnte auch sagen: eines Gottesdienstes), äußert die Überzeugung, daß alle heutigen Gestalten von Kirche schwer noch trügen und sich dahinschleppten unter der Last vormals begangener Verbrechen. Es bedürfe, so seine leidenschaftlich unter der alten Kirchhoflinde vorgetragene Überzeugung, einer ganz und gar neuen Gestalt von Verehrung, von Dienst an den Armen, eine neue Gestalt von Sprache und Erinnerung; Kirche, in ihrer heutigen Gestalt (wo immer er ihr begegne, gleich welchen Bekenntnisses) erscheine ihm als sinnentleertes Geleier, von vergilbtem Papier Abgelesenes, aus keiner Erfahrung und Erleuchtung Geborenes. Er rieche in heiligen Hallen heute immer noch den Brandgestank, er drohe zu ersticken und sehne sich doch so sehr nach dem Herrn und dessen Gegenwart; er ertrage die Verdunkelung der Jesusgegenwart nicht mehr länger. Er schaut, der feine ältere Herr, während er unvergleichbar prophetisch sich äußert, in eine unbestimmte Ferne, faßt ins Auge eine Libelle, welche schwindelerregend leicht über Hänge gleitet und flieht der regenschweren Luft. Mein Atem ist wie schwarzes Blut. Ich friere und finde mich gleichzeitig wieder im Backofen einer beispielslosen Ohnmacht und Gedankenleere.

Donnerstag, 21. Juli

An irgend einer Stelle seines sehr schönen Buches DIE VERSIEGELTE ZEIT spricht Andrej Tarkowskij von den lang anhaltenden, wehmütig stimmenden Regenfällen Rußlands. In der Mitte des Sommermonats Juli das Geschenk unendlichen Regens. Es ist kalt. Man sitzt im Haus. Von so einzigartiger Stille die Nacht; und draußen dieses ewig anmutende Herabstürzen der Wasser aus den Himmeln. Was hat es mit der „Wehmut“ auf sich? Das Gefühl der „Wehmut“ verdankt sich der Einsicht, auf der Erde nicht zu Hause zu sein, im Kosmos sich verirrt zu haben, den Heimweg zu ersehnen. In diesen Wochen verbringe ich wieder einmal viel Zeit auf Friedhöfen, traue Paare, lege das Wasser der Taufe den Kindern auf die Stirn. Meine Spaziergänge sind still und leise; nahezu tastend der Schritt (als ob mein Fuß der Tragfähigkeit unsere Erde zu mißtrauen geneigt sei). Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit der Dornbusch, mitgebracht aus einer marokkanischen Wüste. Geburt des Morgensterns in meinem Herzen.

Sonntag, 17. Juli

Es ist empfindlich kühl geworden; ein Wintermorgen staunt, von einer einzigen Vogelstimme begleitet, gegen 5.00 Uhr in der Juli-Frühe herauf aus antarktischer Nacht. Wie werden wir hin- und hergeworfen zwischen Hitze und Frost, stolzieren sommerlich leicht gekleidet über den Landesteg - Tags darauf genötigt, den Mantel über die Schultern legen zu müssen. Entsprechend die Art und Weise, wie Musiken unser Leben ausleuchten: in Kammern alter Häuser lauschen wir baltischen Klängen nach (fein gesetzt, die Christusspur verfolgend im Moor, in Handschriften der Gräser, in der Kielspur eines Kahns); im Einkaufsmarkt eisigkalt und monoton seelenpeitschend die Rhythmen. „Hohe Zeit, du wächst! Netzhaut offen dem weitesten Rund; und die Seele begierig auf ihre Gefahr...Seht das Ungeheure im Westen, und seine Abgrund-Frische ist auf unserem Gesicht.“ (Saint-John Perse, CHRONIK, Dt.v. Friedhelm Kemp)

Samstag, 16. Juli

Ich schreite, eine Zigarrenlänge lang (elgantes, feines und schmal auf den Philippinen gewickeltes Teil, von dem man hofft, es werde gar nie herunterbrennen, werde nie zuende geraucht sein), hin und her auf jenem Pfad, der mir so lieb geworden, der die Dachterrasse quert (o mein schwalbenzerflüsterter und buchfinkenüberflatterter, von Amseln gemiedener, gemütlich zu bewandernder, von Krähen überschrieener Philosophenpfad!). Ich gehe diesen kleinen Jakobs-Weg der Dachterrasse, der mich weit über Santiago de Compostela hinaus, in den Norden Afrikas oft führt, und manchmal bis hinunter in den Sudan, und der doch kaum mehr als zehn Meter nur umfaßt (den ich hundertmal dann gehe hin und her) --- ihr versteht, warum ich, der die Dachterrasse kaum verlassen je, von mir zuweilen sage, ich hätte die dürren Ebenen Afrikas durchmessen. "Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est/ Nicht eingeschränkt werden vom Größten und doch umschlossen werden vom Kleinsten ist göttlich" (Ausschnitt aus dem nicht exakt zitierten Elogium sepulcrale Sancti Ignatii, der Grabinschrift des Ignatius v.Loyola, Motto von Hölderlins HYPERION, Erster Band). Die Dachterrasse des Langenargener Pfarrhauses: eine Bibliothek von alexandrinischen Ausmaßen. In den Regalen krame ich nach Manuskripten, die mir helfen, Christus ganz neu zu verstehen. Darin erkenne ich eine der vorrangigen Aufgaben des XXI. Jahrhunderts - Anliegen, welches bislang fast nur Künstler des Ostens und des hohen Nordens verstanden; südlich des Baltikums wendet man gelangweilt sich ab, sobald der Name, der über allen Namen, fällt und meint, bereits alles zu wisssen (wo man doch seit zwei Jahrtausenden noch gar nichts erfaßt und kaum noch hinausgedacht über die müd wie gebeugt einherschreitenden Arianer und Athanasianer, die ich, augenzwinkernd gesagt, gerne einladen würde, den Pfad der Dachterrasse zu beschreiten, welcher nach Übersee auch führen mag).

Donnerstag, 14. Juli

Mit seinen zehn Kammern (Sephiroth) sinkt der Abendhimmel auf Möwen und Menschen. Eine Blaskapelle, die den Takt verloren; Klänge wie Fährboote treiben auf den offenen See. Es ist kühler geworden; Kranke in den Spitälern empfinden die Abkühlung als angenehm. Das Atmen fällt leichter; ein Wind kommt auf, sie versuchen wieder zu leben, an ein Dasein nach dem Krankenhausaufenthalt zu glauben. Ich werde bis tief in die Nacht hinein über Predigten sitzen (ab morgen eine Vielzahl an Gottesdiensten; der Eindruck, später dann, rückblickend, ich sei aus dem schwarzen Gewand gar nicht mehr herausgekommen; aber die dichterischen Feiern am Taufstein, am Grab, am Traualtar werden von biblischer Kargheit wie von hoher Eleganz gewesen sein --- werde ich späterhin denken). Ein Keil von Staren trieb durch die sich eindunkelnden Himmel, verlor sich über den Gipfeln mauergrauer Alpen (die in greifbarer Nähe - wie ein Christus fast).

Mittwoch, 13. Juli

Einmal mehr diese im allerwörtlichsten Sinne erschütternde Erfahrung, wie Komapatienten, seit Monaten Schlafende, vom Weltereignis kaum Angetastete, erwachen augenblicklang, wenn die Hostie ihre Lippen berührt und plötzlich, nach den Wüsten des Schweigens, ins Land der Sprache wieder geführt werden und etwas zu sagen, ein Wort weiterzureichen vermögen - und sei es lediglich ein "Adieu". Ohne dies näher deuten und erklären zu wollen, muß ich bekennen, daß dem Hl. Abendmahl als Sakrament weltverändernde Mächtigkeit zugesprochen werden muß. Das Sakrament zerbricht die Ketten des Schweigens. Im Darniederliegenden, im einzelnen, der im Halbtod erstarrt, bricht die Narbe einer Erinnerung auf, das Sich-Besinnen womöglich auf den ersten Schluck vom Kelch während der Konfirmationsfeierlichkeiten. Das Sakrament vermag Türen nur aufzustoßen, sofern im Kranken etwas erwachen kann. Nicht auszuschließen, daß die gereichte Hostie ein Harfenklang, ein Wort, das gehört, das zur Kenntnis genommen, das als Ruf empfunden wird - und ein innerer Aufbruch geschieht. Wir gewahren einen, der ans Lager gebunden ist; tatsächlich aber bricht derjenige auf, nimmt Koffer und Rucksack, nimmt den Wanderstab, schnürt die Stiefel und tritt aus dem Haus. Womöglich ein Schneesturm ihn ängstigt. Gott kann so ausgesprochen dunkel herfallen über Wanderer, die schweigend in ein Jenseits aufbrechen. Ein beinahe kühler Wind zupft Aprikosenbäume sodann am Ohr.

Samstag, 10. Juli

Fuhrwerke des Regens ziehen Sonnen herauf aus Schächten und Höhlen der Nacht. So wird ein heller Tag uns geschenkt werden; wir werden das Fest der Gemeinde unter den alten Bäumen feiern können (willkommen heißen den "Fürsten des Fests").

Freitag, 8. Juli

Die ganze Nacht über hat es geregnet. Gäbe es Schöneres als warme Sommerregen, die wie ein Ruf sind ("Ihr sollt nach Hause gehn, nach Jerusalem hinauf"). Wie gerne sitze ich bei offenen Fenstern und offener Terrassentür am Tisch, und schreibe --- der Handschrift mich bedienend, die seit fünfzig Jahren mich begleitet (o allertreueste Gefährtin!), schreibe in jene Hefte, welche längst ganze Schränke füllen. In der regenumflackerten Stille der Stube höre ich das Uhrwerk meines Hierseins unruhig, introvertiert, in der Art eines Greises vor sich hinplappern. Gottesdienste feiern, predigen zu dürfen --- ein Wunderbares. Kein anderer Ort, an welchem vergleichbar tief über unser Dasein gesprochen würde. Kein Ort, wo die Sprache poetischer wäre und verklärter. Ich liebe den Ernst unserer Gottesdienste. Ich liebe die kleine evangelische Kirche Langenargens, wo die Philosophie geradezu im Elternhaus. Ich liebe den Gesang der Gemeinde (der als großes Fragestellen sich erweisen wird). So tief in Gott hineingewachsen die Seelen der Gläubigen. Ich liebe die langen Gespräche nachts mit Menschen, Rebellen von aristokratischem Geist (die eigentlichen Künstler dieser Epoche), die auf dieser Welt noch gar nie zu Hause waren. Ich gehe an Häusern vorüber, in denen geweint, in denen geliebt, in denen gestorben wird, in denen der Hunger haust, Hunger nach dem Christusbrot, in denen nichts geglaubt, in denen gelacht und niemals ein Gedanke zu Ende geführt wird. Wunderliches Dorf der Einsamen wie auch Geschäftigen. Dorf der Baugruben und Gräber, Dorf der Herbergen --- Dorf der Straßen, die im Dunkel sich verlieren.

Donnerstag, 7. Juli

Ich schwimme lange, zwischen den Felsvorsprüngen der Nacht, einer spirituellen Schweiz entgegen. Das Wasser ist von nächtlichem Blau; es ist warm und die Wellen haben nach den Stürmen des frühen Abends sich beruhigt. So gerne würde ich die ganze Nacht hindurch meinen Gedanken nachschwimmen, die längst im schweizer Gebirge sich verloren, die mir längst enteilt sind. Oft verlassen meine Gedanken mich. Oft gehen sie weg von mir wie ein schmutziges Hemd (das nicht bei mir bleiben darf); oft fliehen sie meine Gegenwart wie schwarze Hunde.Wie aber leben ohne Nachdenken? Dann ziehe ich neue Gedanken heran; hege und pflege sie, wässere sie, während Wüstensonnen ihre Hitze auf die Heranwachsenden werfen. Und wieder werden sie mich verlassen, meine Gedanken, werden in die Fremde ziehen, sich anderen Seelen und Köpfen anvertrauen. Das ist das Schönste des Nachdenkens: daß Gedanken niemandem gehören, daß sie weggehn, unabhängig von uns leben, in die geistige Substanz des Kosmos sich hineinverwandeln. In den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts habe ich eine wahre Flut von Briefen wie Netze ausgeworfen, daß fremde Gedanken sich darin verfingen. Heute schreiben wir keine Briefe mehr, heute haben wir keine Sprache mehr für die Liebe, keine Sprache für das Sterben, keine Hoffnung auf Ewiges Leben (auch wenn viele vorgeben, über eine solche zu verfügen). Wir sind so arm geworden. Diese Armut indes wird sich als Segen erweisen. O Erde der Armut. Was wird morgen geschehen? Erde der armen Menschen. Erde der Sterblichen. Ich gehöre diesem Leben, dieser Epoche. Ich gehöre zu einer der ärmsten Generationen, die es jemals gegeben. Alle so nackt, so unwissend, dermaßen krank (und immerzu befaßt mit Unwesentlichem, und ohne jedes Verständnis für die Nichtigkeit des öffentlichen Lebens im Jahre 2011; Theater, denen Choräle der Trauer fremd) Wann wird Christus wiederkommen? Gemächlich schwimme ich dem Ufer, wo Kohlenfeuer brennen, entgegen.

Dienstag, 5. Juli

Eine abgestreifte Schlangenhaut, liegt Hitze auf Durst und Staub der Erde. Wir irrlichtern durch kosmische Gärten des Frosts, manchmal das aufflammende Streichholzlicht eines Sternes --- wie wohltuend also die Handvoll Hitze ein paar Tage im Jahr (für uns im Grunde doch dem Nordpol gehörenden Menschen). Wie sehr überwiegt Kälte die Strahlkraft der Sonnen. Das Universum - ein Kühlschrank. Wir spüren im Glast der Hitze einen Splitter vom Christus. Nicht, daß wir pantheistisch ausgerichtet wären und die gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Lichtenberg ausgesprochene Prognose bestätigen wollten ("Wenn die Welt noch eine unzählbare Zahl von Jahren steht, so wird die Universalreligion geläuterter Spinozismus sein. Sich selbst überlassene Vernunft führt auf nichts andres hinaus, und es ist unmöglich, daß sie auf etwas andres hinausführe" Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher II, Heft H 143) - wir verkochen den Christusleib keineswegs mit all den Kadavern und Insekten der Auwälder --- die Gegenwart des Christus denken wir, die wir natürlich an der Botschaft vom fremden Christus festzuhalten gesonnen sind (nach der jahrlangen Karl-Barth-Lektüre), im Medium einer Stimme, eines Rufs. Wie die Welt aus dem Sprachakt des Schöpfers hervorgegangen, also entziffern wir jesuanische Gegenwart als alldurchdringende, alltragende, in Partikel aufgespaltene Stimme. Es ist so schön, daß Jesu Ruf die Dinge trägt. Die Hitze ist ein geheimnisvoller, uns um die Schulter gelegter Mantel. Die Hitze kostet 3 Drachmen. Die Hitze ist ein Verkehrsunfall. Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.



Montag, 4. Juli 2011

Montag, in der Mittagssonne gebackener Laib weißen Brots. Es gibt tatsächlich solche Inseln im Bewußtseins: Zeitweilig unberührt zu sein von Schwingen van-Gogh'scher Krähen (grauer Vögel auch, die man nachts nicht sieht und doch meint über die Wasser des Sees streichen zu hören - unseren Augen verborgene Vögel des Unglücks). Es gibt so ein Im-Schatten-Sitzen, Erik-Satie-Hören, das Eingetauchtsein in einen Sommermittag ("Laß, o Welt, o laß mich sein!"). Ameisen gehen unermüdlich ihre Wege um meine Filzpantoffeln. Ameisen sind Zahlen, die ein Windstoß in den Staub geritzt der Dachterrasse. "Liebe ist stark wie der Tod...Gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen und Ströme schwemmen sie nicht fort" (Hhl.8,6). Taumel des Kohlweißlings. Wie intensiv ich die Armut empfinde meiner verregneten Erinnerungen, Armut eines Hierseins unter dieser Linde heute, deren schattenspendende Äste über die Ziegel des Kirchendaches klettern. Dankbar und glücklich übe ich mich in der Wertschätzung solcher Ameisenwege.

Donnerstag, 30. Juni

Aus einem Brief, den ich an Geburtstagskinder unserer Kirchengemeinde sende: "Als schon älterer Schüler und als Student war ich oft in Paris. Es war noch nicht das moderne Paris von heute mit seinen herausgeputzten Geschäftsstraßen, seinen teuren Restaurants; es war noch das taubengraue Paris mit vielen kleinen Gemüseständen und Buchläden und Cafés; und viele Einzelgänger und Sonderlinge wohnten in Hotels --- Hotels, die ganz billig waren und wo es sich gut leben ließ, ohne daß man einer regelmäßigen Arbeit nachgehen mußte. Irgendwie war das Leben damals noch einfacher und billiger. Dann kamen die Achtzigerjahre und alles änderte sich. Das Leben wurde immer teurer. Niemand konnte es sich mehr leisten, ein Hotelzimmer im Sinne eines festen Quartiers zu bewohnen. Auch verloren die Straßen ihr graues Leuchten. Häuser wurden renoviert. Künstler, Propheten und Schachspieler verschwanden zusehends aus den Cafés. Ich zeichne keine Idylle, möchte die Vergangenheit nicht verklären; tatsächlich aber bin ich der festen Überzeugung, daß das Leben in Europa ungemütlich, überteuert, kalt und einsam geworden ist. Man muß kein verbitterter Erzkonservativer und ewig Gestriger sein, um dies zu bemerken und zu beklagen. Irgendetwas ist anders geworden, hat sich zum Nachteil verändert. Ich habe aufgehört, nach Paris zu reisen. Ich reise überhaupt nicht mehr so gerne. Das Leben in Deutschland unterscheidet sich kaum mehr vom Alltag in Sizilien oder dem von Südschweden. Am liebsten sitze ich, in ein Buch versunken, auf der Terrasse des Pfarrhauses unter alten Bäumen. So oft träume ich vom Paris der Sechziger- und Siebzigerjahre, von der taubengrauen Stadt, den Chansonniers, den Straßencafés. Aber ich vermisse nichts. Ich lebe zufrieden unter meinen alten Bäumen. Ich trinke gerne eine Schale wohlschmeckenden Tees und betrachte lange, lange den wunderbaren Vollmond, wie der oft überm See steht............ Ich möchte Sie ermutigen, nachzudenken über die zurückliegenden Zeiten Ihres Lebens. Träumen Sie von den Ereignissen, die sich zugetragen, sinnen Sie nach über das Wunderbare wie über das Traurige. Aber seien Sie bitte nicht verbittert. Freuen Sie sich an Ihrem heutigen Geburtstag darüber, daß Sie Mensch sein und in dieser Zeit leben dürfen. Neiden Sie niemandem etwas. Freuen Sie sich an den einfachen Dingen des Lebens. Denken Sie an Jesus, der gesagt hat, wir sollen keine Angst haben vor dem, was morgen kommen wird. Vielleicht denken Sie, wenn ich so von Jesus spreche, der gute Pfarrer Fentzloff lebe halt ein wenig neben der Wirklichkeit, er sei ein Träumer --- gleichwohl halte ich daran fest: An Jesus zu denken gibt dem Einzelnen ganz viel innere Kraft und Mächtigkeit. Man kann vor der Gewalt und Boshaftigkeit unserer Welt die Augen nicht verschließen; aber man kann gleichzeitig an Jesus denken. Besagtes Denken an den HERRN kann zum Reichtum werden eines Menschen, der viel erlebt, der viel gesehen hat, der manchmal müde ist und manchmal weinen möchte. Das Denken an Jesus ist wie ein helles Lachen inmitten unserer Zeit."

Mittwoch, 30. Juni

Wiedergewinnung des sakralen Raums. Irrtum jedoch, zu meinen, dieser sei ein architektonisch- gestalterisches Projekt. Der sakrale Raum wird aus dem Wort, aus der Sprache, aus der Dichtung geboren. Alle glauben, sie könnten durch Mund- und Atemschutz der Erkältung wehren. Die Erkältung weht uns indessen nicht von außen an, sie steigt herauf aus Splittern einer zerbrochenen Sprache der Seele. Alles kommt aus Kellern heraus ans Tageslicht, aus dem Dunkel der Sprache. Und Heilung hat seit jeher mit Grammatik zu tun. Dichtung - erstes und letztes Handwerk der Welt. Kleine häßlichen Müdigkeiten füllen die Spalten der Zeitungen.

Dienstag, 28. Juni

Oft beobachte ich den Baumfalken, wie er überm Auwald kreist. Er pflegt in Afrika zu überwintern. Kaum aber, daß er im eher späteren Frühjahr und im Sommer dann regelmäßig seine Kreise zieht, Kneipen abklappert (auf der Suche nach Insekten, Grashalme aushorcht, Rispen ausspioniert und Gestrüpp), daß ich mich unablässig frage, was er aus seinem Afrika uns mitgebracht. Sein Flug will mir als ein Beschriften der Himmelstafel erscheinen. Der Baumfalke schreibt sein Afrika auf den Sand der Wolken, zeichnet Steppen auf die Tafel --- es ist an uns, Bilder, welche der Falke mitgebracht, zu entziffern: Rauch, der aufsteigt aus den Städten, Rauch der Herdfeier und der Krematorien, nachtlanges Trommeln der Pfingstler, Choräle der Moravian Church, moderne chinesische Fabrikanlagen, Dichter, die einsam am Stadtrand spazierengehn, Antennenwälder Afrikas. Du schreibst Afrika in unsere Augen, kleiner Falke über unsern Auwäldern.

Montag, 27. Juni

Ich bin im Begriff, die Überfülle an Manuskripten, die ich (ein wenig fiebrig) in den letzten 20 Jahren entworfen, zu ordnen. Eine solche Überfülle handgeschriebener Einträge in Hefte und Notizbücher, auf lose Zettel Hingeworfenes; in schöner Handschrift auf feine Bögen gewissermaßen Gezeichnetes. Aus diesen Aufzeichnungen, die einmal mehr an krähenüberdunkelte van Gogh'sche Kornfelder mich erinnern, die auch in den seltensten Fällen explizit Theologisches umkreisen und aufwerfen (ich finde unter den vieltausend Blättern nahezu auschließlich Dichterisches in Vers und Prosa) --- aus diesen Fieberblättern geht mehr hervor, was die geistige Situation eines Theologen der Nachachtundsechziger-Epoche, was besagte Epoche als ganze überhaupt angeht, als eine sozialwissenschaftlich-historisch inspirierte Studie zu erfassen imstande wäre. Gleichermaßen bliebe eine autobiographische Studie 'draußen vor der Tür'. Das Orakel der Dichtkunst (in seiner oft genug unfreiwilligen Dunkelheit dem delphischen Orakel verwandt), sagt nichts, verbirgt nichts, "bedeutet" (sämainei) aber (vgl. Heraklit, Fragment Nr.93); will heißen: das Orakel der Dichtkunst erklärt nichts, erteilt keine Ratschläge, nimmt Dich aber an der Hand, führt Dich in die Mitte der Ereignisse ("geh' diesen Weg, der in die brennende Stadt führt, in die Stadt des Untergangs"), fordert Dich zum Tanze auf...Der tragische Augenblick wie das Aufscheinen des Wunderbaren herrschen über den Lauf der Dinge. Du wirst ins Dunkel gerufen, dort das Licht zu finden.

Sonntag, 26. Juni

Ein Sternenhimmel, wie ich ihn seit langem nicht mehr gesehen, ließ mich an den britischen Theosophen und Arzt Robert Fludd dann denken (dessen Einsicht, daß das makrokosmische Phänomen über eine Entsprechung verfüge im terrestrisch-mikrokosmischen Bereich) --- demnach das verwirrend klare Scheinen überm Kohlenstaub des verkommenen Dorfs, überm nachtdunklen See einer unendlich tief empfundenen Dankbarkeit entspräche. Dankbarkeit als inneres Sternengefunkel der Seele. Die Nacht so mild, ich konnte ohne Jacke gehen und das Geschenk einer  echten Havanna heiter wie gedankenbefrachtet in die Höhle meines um diese Stunde sprachmüden Mundes saugen. Dankbarkeit dafür, daß ich in dieser Zeit der "Kalaschnikow-Automaten-Leute"(Peteris Vasks) eine metaphysische Existenz seit Jahrzehnten führen darf, daß ich in Oxford mit George Pattison über Kierkegaard und Heidegger nachmittaglang sprechen, und durch die Dörfer der Provence streifen, als Grashalm auf der Rhône dem Meer entgegentreiben, das ewig anmutende Herumirren von fleißigen Ameisen auf halb zerfallenen Terrassen der Auvergne betrachten  durfte; daß ich den Eichelhäher in Stuttgarts Wäldern gesehen; daß ich seit 43 Jahren, ohne Deutsch lernen zu müssen, im Haus von Hölderlins und Trakls, Rilkes und Celans Dichtung (um diese nur zu nennen) wohnen darf; daß ich seit jeher spüre, wie die Doxa des Christus Gerüst meines Atems.      

Donnerstag, 23. Juni

Stundenlang ist Regen aufs Haus der Nacht gefallen. Landschaften wie etwa die Bretagne, die Bukowina, die Hohenlohe sind während der Regen ganz nah, liegen wie aufgeschlagene Bücher  vor mir, oder schauen mich wie Augen an der Katzen. Ich höre Hölderlin-Vertonungen von Kurtág,  von Holliger, höre Heidegger und Bruno Ganz Hölderlin lesen. Die Frage: Warum Werke zeitgenössischer Komponisten so intensiv sich um die Deutung eines (wie man viele sagen hört) "schwierigen" Werkes bemühen, warum ein Kontinent der akad. Philosophie die "Vaterländischen Gesänge" anstaunt? Und warum muß ein Pfarrer aus Norddeutschland, der in Langenargen den Gottesdienst besucht, am Ausgang zu mir sagen: "Das war so schön, daß sie Hölderlin zitiert haben. Das hört man in keinem Gottesdienst."? Was sagt es aus über den Zustand meiner Kirche, daß einer der Propheten, wie kaum jemand sonst dazuhin im Württembergischen verwurzelt, ignoriert wird ("süß ist's, dann unter hohen Schatten von Bäumen / Und Hügeln zu wohnen, sonnig, wo der Weg ist / Gepflastert zur Kirche." Griechenland, 3. Fassung)? Stundenlang ist Regen gefallen aufs Haus der Nacht.

Mittwoch, 22. Juni

Nach der Teezeremonie nachmittags - ich war, in Ansätzen von Träumen noch bewohnt, aus den Katakomben getreten des Schlafs, hatte gerade gekostet vom chinesischen Tee - , als, von einem Augenblick auf den andern, und nahezu unangekündigt, unser Herr der großen Sommerstürme, mürrisch und unbekümmert um die verängstigten Kinder, in die Kammer trat der weißen Zeit. In seiner Gefolgschaft peitschten Regenfluten nordisch um unser Lager; und Regenbögen genialisch auf das schwarze Papier des Firmaments geworfen. Mehr denn je spüren wir, wie in Hohlräumen verborgen dessen, was Gegenwart zu sein beansprucht, das katastrophische Moment schlummert. Es kann dann ganz schnell gehen, daß die kosmischen Lichter erlöschen und die Horden aus Saba hereinstürmen und wir unser "nacket bin ich von Mutters Leibe kommen, nacket werde ich wieder dahinfahren" anstimmen werden. Alle wissen es und alle leben insgeheim im Bewußtsein einer wie auch immer herrisch sich aufwerfenden Katastrophe. Wie aber mit einem solchen Wissen leben? "Jedenfalls, wir sollten uns nicht fürchten vor dem Sterben, /vor dem Bischofsstab des Tods; / sollten vielmehr Gänse hüten unter Erlen denkmalgeschützt / des Dorfs; bei alten Denkern, / ihren Spinnen und Karaffen wohnen, / kosten vom wunderbaren weißen Wein." (aus: Ulrich Fentzloff, "Traktat über die Barmherzigkeit der Alpen." )

Montag, 20. Juni

Nach Tagen des Herumwanderns in der Hohenlohe, zurückgekehrt ins Langenargener Pfarrhaus an den See. Wanderungen nunmehr wieder durch die endlos sich hinziehenden Korridore des Geistes, das erfrischende Bad der Lektüren, Hineinlauschen ins Sanskrit der Schwalben. "Auf dein Gesicht, Freundin, / haben zwei Borkenkäfer / einhundertzwei Kreise gezeichnet, die Ziffer sieben und den Buchstaben 'K'..." - in Anlehnung an das Gedicht von Daniil Charms bin ich zu betonen geneigt, daß dreiundfünfzig Sommer und der Buchstabe 'H' (in welchem alle denkbar vorhandenen Holunderdüfte sich versammeln) auf meiner ausgebreiteten Handfläche sich schlafen gelegt. Papierstapel auf dem Tisch im Amtszimmer (so viel Nicht-Aufgeräumtes, Ungeordnetes); ständig der Eindruck, das Leben mit seinen ausdrucksstarken Augen des Geborenwerdens und Sterbens sei eben bedeutend viel größer und umfassender als daß Regale es fassen könnten. Vorbereitende Gedanken zu einer Traueransprache, zu einer Erzählung auch für den Kindergartengottesdienst morgen - vom Summen begleitet einer Fliege, welche, auf dem Weg nach Hause, von der Hitze bedrängt wird eines Lampenschirms. In mancherlei Hinsicht gleicht mein Leben den Irrwegen einer Fliege: ins Leben verliebt (wie nur der russische Dichter Daniil Charms in die Schauspielerin Klavdija Vasiljevna verliebt gewesen) verbrenne ich die Flügel mir am Licht. 

Pfingstsonntag

Die Alchimie der Nacht hat meinen müdgrau bedeutungstiefen Samstag verwandelt in den pfingstlichen Tag. "Der Nebel blutet die schwarzen Pferde.....Der Nebel, getrieben vom Blut, löscht die schwarzen Pferde aus." (José Lezama Lima, Inferno.Oppiano Licario, Zürich 2004, S.293f.) Pfingsten, Höhepunkt des Christusgedankens, verklärt die Gegenstände des Handwerks, die Sprache, die vermeintlich einer Verwesung anheimfallenden Landschaften und Meere, das Wirken des Arztes, pfingstlicher Geist trägt Begeisterung in das jahrhin müde Schreiten eines Wanderers, der durch die Labyrinthe irrt der Literaturen. O die Wege des Geistes. Die schwarzen Tiere. Die Zahlen.   

Hinweis: Sonntag, 19. Juni 2011, 18.30 Uhr Deutschland-Radio Kultur bringt das Hörspiel LANDPFARRER FENTZLOFFS NACHTBÜCHER (Regie: Marianne Wendt und Christian Schiller) Empfang --- falls Internet: http://www.dradio.de/wir/ogg/

Mittwoch, 8. Juni

Das Nicht-Greifbare des Glanzes. Begriffliches Denken muß mit der Feststellung sich begnügen, er sei nicht fixierbar, nicht als solcher in Sprache faßbar, der Glanz --- Dichtkunst indes vermag Hereinbrechen wie Flucht der KABOD (des Glanzes) nachzuzeichnen, die innere Unruhe ihres Gegenwärtigseins zu dokumentieren: „In der Mitte / der Welt des Körpers des Geistes / die Ritze / der Glanz / Nein / Im Strudel des Verschwindenden / der Wirbel der Erscheinungen...“ (Octavio Paz, Das fünfarmige Delta, Frankfurt/M. 2000, S.95). Die Kunst der Predigt besteht darin, über alles feststellende Sagen hinaus, sowohl das Unterirdische des Glanzes, als auch sein überwältigendes Offenbarsein tastend auf Güterzüge der Metaphern zu laden.   

5. Juni 11

Seit längerer Zeit denke ich darüber nach, woher das Mürrische rühre, das ins Wesen so vieler (im Umkreis von Künstler-Zirkeln insonderheit sich bewegender) Intellektueller sich eingeschlichen? Warum ist eine herzliche Art so sehr verpönt dort? Warum allenthalben ein ironisches Untermaltsein höflich-anständiger Gebärden? Marc Aurel wußte sich der Höflichkeit allen Menschen gegenüber unbedingt verpflichtet - philosophischer Erwägungen wegen: ertastend kosmische Rhythmen, um die Hinfälligkeit des Einzelnen wissend, die Hinfälligkeit von Ruhm und Individualität. Den glänzenden Zug alles Blühenden in Räume des Verwesens hinein sich vergegenwärtigend unablässig, versuchte er –  hinter einer ausgesprochen aufmerksamen Art anerzogener Höflichkeit sich verbergend – die Menschen mit ihren lästigen Alltäglichkeiten, die doch gar nichts bedeuten, ihren Gerüchen, ihrem Aberglauben, ihren Hinterhältigkeiten vom Leibe sich zu halten. Höflichsein ist mir, Ulrich F., ein inneres Bedürfnis, frei von irgendwelchen Zwecken, frei von jedem „um zu“. Ungebrochen geradezu flutet es aus mir: dieses höflich aufmerkende, aufmunternde, heitere Grüßen, Lachen, Freundlichsein. Ich pflege Menschen zu grüßen, die dann oft ganz stumm und unbeeindruckt ihrer Wege gehn,  mich gar nicht weiter beachten (ich grüße oft in eine sogenannte ‚Leere’ hinein) --- das berührt mich nicht; ich betrachte den Gruß als Auftrag; Auftrag, einen im Inneren meines Daseins großwerdenden ‚Klang von anderswoher’ weiterzureichen. Allen gilt der Segen und der Wink – denen auch, die den Gruß heute und morgen nicht (bzw. widerwillig nur) erwidern. Nicht grüße ich, wie ein Automat grüßt. Mein Gruß hat mit Gewohnheit nichts zu tun. Ich verstehe den Gruß als Zuspruch von Stille. Das späte Werk Luigi Nonos widmet sich der Stille, einem Anhauch, einem feingliedrigen Sagen, einem Entlang-Tasten an Rocksäumen der messianischen Welt. Der Gruß will mir in diesem Sinne als ein Einrücken des Anderen (Entgegenkommenden) in Stille erscheinen. Das Kopfnicken, Aufheben des Armes zum Gruß, das freundliche Wort (das tägliche Brot) – als ob man aus dem Krug der Stille tränke. Abtakeln des Marktschreierischen, Grellen, Lauten. Der Gruß wendet sich an ein klar umrissenes, an ein aus der Masse herausgerufenes, unterschiedenes Ich (als ob ein Nachen still berührte Lippen der Ufer). Höflichkeit ist mir ein inneres Bedürfnis.

4. Juni 2011

Jacob Burckhardt in seiner Studie über das Zeitalter der Revolution: „Zum russischen Feldzug: Napoleon sagte kurz vorher: cette vieille Europe m’ennuie.“ (Jacob Burckhardt, Werke, Kritische Gesamtausgabe Bd.28, Geschichte des Revolutionszeitalters, München/Basel 2009, S. 1045). Genau dies, dem Alten Europa gegenüber keine Langeweile zu empfinden, unterscheidet den Landpfarrer Ulrich, der über den Verästelungen des Alten und Hergebrachten brütet, weil er das Neue Europa verstehen möchte, von Napoleon und allen anderen Machtmenschen und Machern.  

Dienstag, 30. Mai

Gestern Nacht in Weingarten einen schönen Film von Wim Wenders angeschaut – Hommage an die verstorbene Pina Bausch („pina / tanzt, tanzt sonst sind wir verloren“). Zur Deutung des Films greife ich zurück auf ein Wort des jungen Hegel: „Begreifen ist beherrschen. Die Objekte beleben, ist sie zu Göttern machen. Einen Bach betrachten, wie er nach Gesetzen der Schwere in die tieferen Gegenden falllen muß und von dem Boden und den Ufern eingeschränkt und gedrückt wird, heißt ihn begreifen – ihm eine Seele geben, als an seinesgleichen Anteil an ihm nehmen, ihn lieben, heißt ihn zum Gotte machen.“ (Hegel, Jugendschriften, Nohl 376). Tanz, wie ihn Pina Bausch gelehrt und gestaltet hat, ist kein Begreifen, kein In-Besitz-Nehmen des Raums (kein Vermessen, technisch auswertbares Erfassen, museales Erlebnis auch nicht)--- Tanz zeichnet in leere Räume, in Theater, Kohlenhalden, Wuppertaler Straßen, Fabrikhallen, eine Seele ein; es ist das liebend verehrende, ich möchte meinen: tastend beschwörende Anteilnehmen am Schicksal (das Sich-Hineinfühlen in die Lasten, die unveränderbar von der alternden Zeit uns auferlegt werden); Tanz ist Liturgie, Choral, Segensgeste, Vergöttlichung des Daseins. Tanz: das in Würde gebrochene Brot des Sterbenmüssens. Tanz ist jenes SCHMERZLICHE LÄCHELN, welches Bruno Schulz dem Familienvater in seinen Erzählungen DIE ZIMTLÄDEN aufs Antlitz legt („Versteht ihr, fragte mein Vater, den tiefen Sinn dieser Schwäche, dieser Leidenschaft für buntes Dekorationspapier, für Pappmaché, für Lackfarbe, für Werg und Sägespäne? Das ist, sprach er mit schmerzlichem Lächeln, unsere Liebe für die Materie als solche, für ihre Flaumigkeit und Durchlässigkei, für ihre einzigartige mystische Konsistenz.“ Bruno Schulz, Die Zimtläden und alle anderen Erzählungen, aus dem Polnischen von Josef Hahn, München 1966, S. 38) Ein letzter Tag im Mai. Das Geborenwerden, das Sterben, Arbeiten, Aufs-Nachlager-Fallen, das Sitzen unter der Platane (wie der alte Platon es geliebt). Ich habe manches Mal alte Menschen getroffen, die, Rückblick haltend auf ihre irdischen Tage, von Gefängnissen berichtend, dem Tod eines Kindes, von Traurigkeiten ohne Maßen – gelächelt haben, „schmerzlich“ gelächelt haben.

Samstag, 28. Mai

Ach, wie stehen die Buchse, brevierlesende Mönche, auf der Terrasse selbstbewußt, in sich versunken, in windzerschüttelter Frühe des Tags! Wir dagegen verloren und frierend (oder von Hitze verbrannt) wie Ameisen irren durch Ruinen der Burgen und babylonischen Türme. Vom Feuer umflammter Taumel stürzender Flugzeuge --- Fliehende von Nacht zu Nacht, selten erwachend zum Leben (Halb-Schlaf immerzu eines komatös erscheinenden Seins). Wie schleichen auf Zehenspitzen Boote der Fischer in Buchten, um lange zu bleiben, melancholisch erhoben überm Hinwelken der Wasser wie ein kleiner Vogelflug --- unser insektenhaftes Sitzen dagegen, bewegungsloses Ausharren in radioaktiv verseuchten Schränken der Nebel. Kälte immer nur und Hitze, lärmende Trommelschläge der Hitze --- wo aber ein Dazwischen, das Versöhnte, Umsichtige und Leise, Flüchtige wie abendlich Verdämmernde einer umgestoßenen Schachfigur, eines halb ausgetrunkenen Glases Wasser, das Erstaartsein einer Schlange, Hiergewesensein einer Ulme? „Ein Maß Weizen für einen Silbergroschen und drei Maß Gerste für einen Silbergroschen.“ (Offb.6,6) Unablässig wahrgenommener Mangel an Sein. „Es ist ein buntes Schifflein, diese meine Einkaufsstraße; / schaukelt, einen Namen suchend, fröhlich / an Kiosken lang, und an Stämmen kält'rer / Friedhofsbirken; / Schiff auf hoher See - /meine liebe, liebe kleine Einkaufsstraße, / o mein ungeboren Kind und herzlich aus dem Tod / gebrochner Ast und Blütenzweig.“

Freitag, 27. Mai

Eine alte Villa am Seeufer. Holzverkleidet die Wände. Blockartige, flüchtig mit brauner Frabe überpinselte Heizkörper. Die Türen der weitläufigen Wohnung sind alle geöffnet. Und der Blick auf einen wunderbar versunkenen, parkartigen Garten. Wir sprechen über das Gottdenken des späten Martin Heidegger. Die himmelshohe Kastanie, der Ahorn, die Ulme hören aufmerksam zu, während ein einsames Kind, ein Nordost, seinen Schulranzen durch die Kronen schleift. Es hat abgekühlt und man ist gut beraten, die Last des vergänglichen Leibes unter einem Sommermantel zu verstauen. Ich schaue wie nebenbei (tatsächlich aber konzentriert) auf meine Armbanduhr und erkläre, daß ans Aufbrechen ich denken müsse. „Trinken Sie doch bitte noch eine Tasse Kaffee; es wird nicht mehr lange dauern und wir alle werden aufgebrochen sein“ vervollständigt sie, unter schmerzlichem Lächeln, mein Ansinnen. Am Seeufer der Nordost eine ganze Schulklasse brüchiger Äste in die Ferne treibt.

Donnerstag, 19. Mai

Wir hören das Lärmen, das Steinezerbrechen und Asphaltaufreißen des Baggers. So ein Erde und Gras verletzendes Zähneknirschen der Maschine macht uns müde; wir sehnen uns nach der von Maschinen unberührten, allüberflutenden Heiterkeit und Stille archaischer Gärten. Pasolini und sein Gesang „Il Pianto della Scavatrice / Die Klage des Baggers“ - dort die Verse: „...verlassen von aller / zerstörenden Wut – hebt ein Bagger / die leblose Tatze... // Welch Mitleid befällt mich / vor dem sklavischen Werkzeug, das im Schlamm / verstreut liegt...“ (Pier Paolo Pasolini, Gramsci's Asche, Gedichte Italienisch/Deutsch, München Zürich 1980, S. 133).

Mittwoch, 18. Mai

„Die Dichtung sagt alles, und sie kann gar nicht anders, aber der Ort, von dem aus sie es sagt, ist immer ein Ort des Exils innerhalb der Realität.“ (Andrea Zanzotto, Poetik, die Welt ist eine andere, Planet Beltà Bd. IV, Holderbank & Wien & Bozen 2010, S. 199). Dichtung wohnt in einem Außerhalb, unter dem Holunder nahe einem verwahrlosten Industrieschuppen, Dichtung hat ihre Wurzeln in der Erde einer atomar verseuchten Zone, die niemand zu betreten wagt; Dichtung trägt den Kapuzenmantel eines Lotsen, welcher Frachter in mond- und geschichtsabgewandte Meere steuert --- gleichwohl gibt es nichts, was, in Hinsicht auf lebensgestaltende Kraft, dem Vergleich mit der Dichtung standhielte. Für das XXI. Jahrhundert gilt (mehr noch als für die Jahrhunderte davor), daß Dichtung sich als die entscheidende gestaltende Kraft (auch für den Kosmos des Glaubens und des Gebetes, von der gottesdienstlichen Feier ganz zu schweigen) erweisen wird.

Sonntag, 15. Mai

Starker, stundenlang schon anhaltender Regen. Das Sitzen am Tisch bei geöffneter Terrassentür erinnert an den Film „Nostalghia“ von Andrei Tarkovskij. Der Protagonist des Films, der russische Schriftsteller Andrei Gortschakow, der nach Italien gereist war, um eine Biographie über Pawel Sosnowski zu schreiben, einen russischen Komponisten des 18. Jahrhunderts, liegt bei einmal mehr geöffnetem Fenster auf dem Bett - draußen der strömende Regen --- das sind die Stunden der Prophetie: das Frühjahr, das aufgesperrte Fenster, kühles Wetter, Regenfall; das Ineinanderstehen der Zeiten (ein Nachsinnen über die Vergangenheit vermittelt die Schau des Zukünftigen); die Zeiten haben sich zu einem einzigen Bild zusammengezogen: ein Himmel, der über den die Jahrtausende durchwandernden Episoden wacht; eine Höhle, die alles Gewesene, wie alles Gegenwärtige und alles Zukünftige unterkellert. Der Prophet schaut stets nur ein die Zeiten überwölbendes Bild (wobei dieses eine keine Reduktion bedeutet, ganz im Gegenteil: besagtes Bild hat die Unendlichkeit der diversities in sich aufgesaugt). Es ist womöglich der göttliche Blick auf die Ereignisse. Die Eröffnung der Erzählung „Der Statthalter von Judäa“ von Warlam Schalamov kann als Paradigma für dieses essentielle Schauen, die prophetische Vision, das Zusammensammeln der diversities im EINEN (ohne daß die Vielfalt geopfert würde) gedeutet werden: „Am fünften Dezember des Jahres neunzehnhundertsieben- undvierzig lief das Dampfschiff „KIM“ mit menschlicher Fracht in die Bucht von Nagajewo ein. Die Fahrt war die letzte, die Schiffahrtsaison war zu Ende. Magadan empfing die Gäste mit Frösten von vierzig Grad. Übrigens brachte das Dampfschiff nicht Gäste, sondern die wahren Herren dieses Landes – Häftlinge.“ (Warlam Schalamov, Linkes Ufer, Erzählungen aus Kolyma 2, Berlin 2008, S.9) Heute Morgen der Gottesdienst, die Feier der Christusverehrung. Ich verneige mich vor dem Altar und spüre, daß ich mich verneige vor den Opfern der Geschichte. Ich verneige mich vor der sich heraufbreitenden Finsternis demütig, inständig hoffend, daß der HERR seine Kirche nicht alleine lassen wird, ich verneige mich, Christus anflehend, er möge das Kerzenlicht der Auferstehungs-Freude nicht auslöschen, vor der Traurigkeit der Welt, welche zum Tode führt (2. Kor. 7, 10); ich verneige mich vor der Strohpuppe, die, auf der Spitze übereinandergehäufter Christbäume, an eine Stange gebunden, wie auf dem Scheiterhaufen, verbrannt wird. Die Bewohner des Dorfes verabschieden den Winter. Ein althergebrachter Brauch, das Funkenfeuer anzuzünden jedes Jahr am Ufer des Sees. Ich verneige mich. Vielleicht ist das Sich-Verneigen Inbegriff der Gottesfeier im XXI. Jahrhundert.

Freitag, 13. Mai

Eine winzigkleine Spinne krabbelt ihren Kreuzweg wie ein Schatten über meine von der Morgensonne beschienene Haut, ein Käferchen im Gefolge und eine Ameise, die an einem Balken von Tannennadel sich abmüht, diesen gewissermaßen auf ihren geistigen Schultern trägt. Manchmal meine ich wahrnehmen zu können, wie der Atem der Verstorbenen durch die Insekten mich berührt. Längst weiß ich, daß Lebende und Tote im Christusleib zusammengeschweißt; längst bin ich zur Erkenntnis gelangt, daß der Tod ein Teil des Lebens und nicht umgekehrt das Leben eine Oase im schwarzen Sand. Die Erwägung, das Ausleuchten eines Sachverhalts mag im Trockenen beginnen – vielleicht in der tempelstillen Atmosphäre eines Laboratoriums; kaum aber, daß wir die Augen aufgetan, anfangen zu sehen, versinken wir im Schnee der Metapher. Das Geschenk der Metapher ist die Krypta eines die Nacht durchwachenden Gebets. Um die Jugendstilvilla her die Wolken der Mücken überall. Was auf den ersten Blick anmutet wie ein fahrig wirres Durcheinander, ein abstammungsbedingtes Zueinandergehören der Tausende, nachahmend den Ameisenstaat – erweist sich längerem, geduldigen Betrachten als kosmisches Muster, die Darstellung eines Buchstabens in spektakulären Kleinstkörperchen, das strenge Ziehen der Cellobögen, welche der Vorgabe folgen einer verborgenen Partitur.

Donnerstag, 12. Mai

Werner Kraft in einem Brief an Wilhelm Lehmann (Jerusalem, 27. Mai 1956): „ Hölderlin, als Schiller ihn preisgab und Goethe wohlwollend ihn verkannte, hatte nur noch Diotima. Als er die Ohrfeige empfing, von der Varnhagen berichtet, wurde er wieder Hauslehrer und wieder. Als er die Wahl hatte, noch tiefer zu sinken oder wahnsinnig zu werden, wählte er nicht, sondern er wuchs. Als er starb, begann er. Wir aber wissen noch immer nicht, wer er nicht war und wer er war, und bis der größere zum großen Dichter geworden ist, wird köstliche Zeit vergehen, die mit runder Form erfüllte Zeit des Gedichts, auf die wir noch immer den Wert des Wahnsinns legen.“ (Werner Kraft, Wilhelm Lehmann, Briefwechsel 1931-1968, Hrsg. v. Ricarda Dick, Bd. 2, 1954 – 1968, Göttingen 2008, S. 117)

Mittwoch, 11.Mai

Düfte steigen über hohe Leitern in meine Nase. Die Wege liegen nackt und staubig im frühen Abend, sehnen sich nach den Umarmungen eines tagelang währenden Landregens. Hat uns unterdessen die andalusische Dürre heimgesucht? Noch habe ich die Herbste, das Angewiesensein auf die warme Stube, das nordische Leuchten der Mittagsstunden, nicht vergessen, streichen meine Gedanken um Gräber, die ich gesegnet. Und wieviel Schwermut spiegelt eine novemberlich leergeräumte Terrasse! Ich habe vergangenen Montag von der Traurigkeit gesprochen, welche in unserem Kirchlein wohne. Die Traurigkeit wird getragen von unterirdischer Freude --- subversive Christusfreude ist der Grundwasserspiegel unseres Hierseins.

Montag, 8. Mai

Sieben Stunden im Zug verbracht --- versunken in die Lektüren. Nach der spätabendlichen Rückkehr Freude über die gewaltige Linde vor dem Pfarrhaus, die über meinem Dasein und über dem der Gläubigen unseres Dorfes wacht. Die Kühlaggregate der Arzneimittelfabrik zerlärmen zusehends intensiver die Nächte Langenargens (als ob eine Herz-Lungen-Maschine von gigantischen Ausmaßen stöhnte). Man muß viel ertragen --- und jeder Einwand wird gekontert mit dem Hinweis, daß Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt würden, was nicht in Frage gestellt werden kann. Adalbert Stifters nachsommerlicher Friede --- wo sollte er in Europa noch wahrnehmbar sein? Am ehesten finde ich diesen noch in den Beckett-Skizzen von Kurtág --- dort also, wo entschieden rein die Schreie, so sehr tief. Im 17 Sekunden währenden Stimmhochseilakt etwa der Miniatur „en face le pire“ entdecke ich die vielhundert Seiten des Nachsommers. Dann die Fieber des XX. Jahrhunderts wie die blinden Augen des einundzwanzigsten in den ersten Takten des Stückes „Dieppe“! Ich sollte, gerade angesichts der Dauerbelästung während der Zugfahrten, wenn die Bässe dröhnen der Stechschrittmusik unserer vielverehrten Jugend im Abteil --- ich sollte auch die Kopfhörer aufsetzen und Kurtàg hören: „Paul Celan: Tübingen, Jänner (Robert Klein in Erinnerung) --- „Käme ein Mensch zur Welt heute mit dem Lichtbart der Patriarchen: er dürfte, spräch er von dieser Zeit, er dürfte nur lallen und lallen.“ Der Anblick der Linde versöhnt. Allein, ich habe den Baum frieren sehen während des langen Winters und habe an die Frost-Aufzeichnungen Schalamovs denken müssen, an die leergeweinte Verzweiflung von politischen Gefangenen überall auf der Erde. Und nie wird in Vergessenheit geraten der zufällig mir sich offenbarende Anblick: wie eine unbekannte junge Frau vor dem Altar gekniet in unserer Kirche (letzten Sommer) und geschrien. Die Kirche steht unfaßbar würdig unter der Linde und hat so schwer zu tragen an geldstückgroßen Tränen der Kinder.

Freitag, 6.Mai

Hochgebirgsstille einer Vieruhrmorgens-Stube; Stunde honiggesüßten Kräutertees; Stunde auch, da wir, überdeutlich eher, dem Sternengewirr einer empfindlich kalten Maihimmelklarheit entsprechend, erkennen, daß es Kräfte gibt des Geistes, die nicht irdisch sind, die wir mitgebracht haben. Agnostizismus ist ganz sicher eine Geisteshaltung, die sich sowohl dem Tief-, als auch dem Vielschlaf verdankt. Der Schlaflose kann gar nicht anders - er muß das Zwiegespräch suchen mit dem Vater. Sofern er schwiege, der Schlaflose, bitter in sich hineinschwiege, schriee es aus ihm heraus geradezu, dies überbelichtete, nur in wölfischen Versalien dann faßbare: VATER! („Wer, wenn ich schriee hörte mich denn aus der Engel / Ordnungen...“).  

Donnerstag, 5. Mai

„Tene me ne fugia / Halte mich, damit ich nicht fliehe“ - die antike Inschrift deutet das Werk des Christus in den Augenblicken unseres Weggehns von der Erde. Müde geworden und zerbrochen vom Schreien und Tosen der Schmerzen, wenn wir die Krüge des Verzweifeltseins einfach nicht mehr an die Lippen heben wollen und können, wenn der Sinn uns nach Erlöschen steht, und wir von Spinnweben, von den schwermütig durch unsere Erinnerungen schreitenden Kirchenglocken nachösterlichen Klangs, von Auslandsreisen nichts mehr, überhaupt nichts mehr wissen, einzig noch eingetaucht werden wollen in ein Vergessen, welches alle Universen umfassen würde und alle Namen auch, daß sogar aus den Dimensionen göttlicher Rettung zu enteilen der Sinn uns steht, der Sog des Nicht-mehr-Seins so stark geworden --- hält der Christus uns, bewahrt er uns vor solchem Verschwinden. Die Begegnung mit Christus in den letzten Atemzügen des Sterbens gleicht einem Bewahrtwerden vor der vollständigen Auslöschung unseres Dagewesenseins. „Tene me ne fugia“. Diesen frühen Donnerstagabend des 5. Mai werde ich bald vergessen haben --- nicht lange wird es dauern und der Hautausschlag, Flecken verendenden Lichts, auf den Ziegeln eines Kirchendachs wird in Vergessenheit geraten sein.

1, Mai 2011

Zur Geographie des Namens: Denken und Atmen des Körpers senden auf mitteleuropäischer Frequenz. Während meinen Augen ein eher dem europäischen Osten zugewandtes Schauen eigen, herrscht in der Seele, möchte ich vermuten, ein Klima mediterraner Art, streichen Wüstenwünde wie Katzen durch die von Wäldern überwucherten Ruinen einer gewesenen Stadt. Schlaflosigkeiten wiederum gehören dem schwäbischen Alphabet eindeutig. Auf den Tischen der Schmuck nordschottisch inselkarg; und Fieber der Sprache, meine Freunde, nehmen, bei Morgendämmer und Nacht und graugemustertem Schal des Nebels, gewitterüberglänzte Wege von Jerusalem her. Ihr wißt, daß die Gassen von Ephesus, deren Wuchern und Übereinandergeschichtetsein parataktisch, vertrauter mir als alle Wege der Landvermesserstadt Athen; in den Kronen der Bäume die ein wenig heimatlosen Krähen, welche so etwas wie Heimat vermeintlich wild verteidigen und Möwen, bedrängt vom Mundgeruch der Häfen, tauchen in den Abend um osmanische Galeeren.Wer, der entzifferte die Melodie, o Rohrdommelruf im frühen Jahr, rotes Schweigen um den Christusschrei? Auf den Fabrikschloten Sibiriens Schneebälle blühn riesig aus weißem Rauch. Einziger Name, Straßenmusikant aus Sibiu, aufspielend vor Straßburgs Münster; verzaubert evangelische Armut und Tatenlosigkeit der Hände (euer ewiges Betrachten, --- und standen von ferne und schauten zu).

 

Samstag, 30. April

Der letzte Tag eines Monats, über welchen T.S. Eliot gesagt hat, er sei der grausamste aller Monate: „April is the cruellest month“ - so der Anfang der Dichtung „The Waste Land“. April weckt Hoffnungen in uns („breeding / Lilacs out of the dead land / er treibt Flieder aus toter Erde“) – um sie doch wieder zu enttäuschen kraft der Schneeschauern, der eisigkalten Nächte...Mehr als allen anderen Monaten gehören wir, was die Seelenlagen anbelangt, dem Monat April, seinen Anemonen, seinen Flüssen, die insgeheim Ruinen sind.

Ostermontag, 24. April

Grau und fahl, nicht ausgeschlafen, ungewaschen im Mantel der Straßenbettler des Ostens, tritt der zweite Ostermorgen in mein Leben. Verheißungsvoll dagegen (will sagen: nachempfunden einer Auferstehungsheiterkeit) in der Trinkschale die Farbe des Tees. Sie haben, die Denker des Tages, eingedenk irgend einer Peinlichkeit, die der Zeitgenosse wohl empfände, den Christusglauben vom Opfergedanken gereinigt (letztlich Immanuel Kant in Treue eher verbunden als einer Wanderung durch Verzweiflung und Nacht eines gläubigen Denkens; Kant hat, in Hinsicht auf die AKEDAH (Gn.22), die Auffassung geäußert, es könne ein Gott nicht sein, der zur Opferung aufrufe des Abrahamsohns)--- später aber haben sie, die Denkenden des Tages, sich bemüht, erkennend, daß der Opfergedanke als solcher doch sehr tief eingeschrieben in den Staub des Kosmos und alles Werden ohne die Hingabe und das Verlieren und Verenden nicht erwägbar sei, diesen, den Ofergedanken, zu rehabilitieren. Nunmehr trägt man ihn wie eine Ledertasche unterm Arm; trägt ihn freilich nicht lautstark vor sich her - führt ihn eher wie das Schoßhündchen aus, läßt ihn nicht zu Hause im düsteren Licht der Stuben alleine verdursten und verwelken. Sie haben nicht die Größe, einzugestehen den Irrtum, haben die Größe nicht, sich vor einem Gedanken, der offensichtlich größer ist als jeder Versuch, ihn rational einzuholen, sich niederzuwerfen. Also ergehen sie sich, deren Denken wie ein Lichtschalter angeknipst wird zuweilen (denen ein ununterbrochen jeden Schlaf unterspülendes Nachtdenken so fremd), in Annahmen aller Art: Ach, ihr Freunde, seid uns nicht böse, aber zuweilen kann ein Nachdenken übers Opfer, zumal wir dadurch der Weltwirklichkeit (wie diese dem bitteren Werden der Dinge nachgearbeitet sich zeigt) gerechter werden, gar nicht schaden. Sie nehmen das Opfer als Hypothese. Das Paradoxale des Christusopfers bleibt ausgesperrt, unverstanden wie eh und je. In Vorfreude auf das österliche Gottesdienst-Denken in der Tettnanger Schloßkirche sitze ich am Tisch und betrachte die Farbe des Tees. Ein feingliedriger Wind spielt draußen auf der Harfe von Rotbuchen-Blättern. Schau: Tropfen von Licht auf den aus Beton gegossenen Bodenplatten der Terrasse.

Karfreitag, 22. April

Karfreitagskühle im verschwiegenen Pfarrhaus.Draußen kündigt sich ein milder, wenn nicht ein warmer Tag an. Es hat lange nicht mehr geregnet. Pfade, Wege & Straßen liegen staubig, alt, gebeugt unter der Last menschlichen Schreitens. Gestern Nacht der Kreuzweg an der Argen entlang. Durch die Nacht tragen wir schweigend ein großes Holzkreuz. Unterbrochen das Hingehn immer wieder von Lesungen, die unmittelbar am Ufer der wenig Wasser führenden Argen gehalten werden. Lärm der Bundesstraße 31, über die hinfahrend ich zurückliegenden Mittwoch Luigi Nonos „Contrappunto dialettico alla mente“ gehört. Die Auto- und LKW-Lichter flüchten vorüber wie Augen des Wilds; und Straßenlärm läßt Bilder in mir auftauchen von brüllenden Tieren, die in die Schlachthöfe getrieben werden. Seit Tagen die Sehnsucht, wieder einmal über Hans Henny Jahnns FLUSS OHNE UFER grübelnd sitzen zu dürfen, langsam einzutauchen in das klare und kalte Wasser der parataktisch gehaltenen Karfreitagsklagen. In einer Stunde beginnen die Gottesdienste. Es ist Zeit, das schwarze Kleid sich anzulegen.Gestern, in einem Beitrag für die Lokalpresse, habe ich von der Schönheit des Karfreitags gesprochen --- und auch heute, so früh am Tag, nehme ich wahr, wie feinste Spuren österlichen Lichts einsickern in den rissig gewordenen Ton des schwarzen Krugs.

Mittwoch, 20. April

Im frühmorgendlichen Stau auf der Bundesstraße 31. Im Autoradio: Luigi Nonos „Contrappunto dialettico alla mente“ (aus dem Jahr 1968). Diese Tonbandkomposition beschäftigt mich seit Jahren und ich war überrascht, unvermittelt nach dem Einschalten des Autoradios mit ihr konfrontiert zu werden - -- Auseinandersetzung Nonos mit der Madrigalkomödie von Adriano Banchieri aus dem Jahr 1608: „Il festino nella sera di giovedi grasso avanti cena / Kleines Fest am Abend des Fasching-Donnerstags vor dem Abendessen“. Ich muß die Nono'sche Komposition immer wieder mit Tarkowskis Filmen vergleichen, den im Hintergrund kaum vernehmbaren, aus einer anderen Welt herüberklingenden Stimmen. Tarkowskis Stimmen kommen aus einer religiösen Sphäre; Nonos Stimmen gehören der Immanenz. Tarkowskis Stimmen gehören den Toten (aus einer Auferstehungsahnung herüberdämmernde Weisen); Nonos Stimmen spiegeln das Seufzen und Klagen der Sterbenden. Tarkowski: Zeuge der Transzendenz. Nono steht für die Unendlichkeit und Vielstimmigkeit des Humanen. Beide, Andrei Tarkowski wie Luigi Nono, verteidigen je auf ihre Weise jene Offenheit des Denkens, welche sich mit keinem Schlußpunkt verträgt. Der Reiter auf dem weißen Pferd, einer der vier apokalyptischen Reiten aus dem 6. Kapitel der Johannes-Offenbarung, würde beide, den russischen wie den italienischen Dichter, töten. Der Reiter auf dem weißen Pferd möchte Gott und Kultur (Kultur im weitesten Sinn verstanden) auseinandergehalten wissen.Er ist der Krieger, der im Namen Gottes tötet, der Gottes vermeintliche Reinheit verteidigt, nicht ahnend, daß Kultur die eigentliche Erde eines tiefen Glaubens; daß wiederum Glaube den Menschen zu einem poetischen Verständnis von Wirklichkeit führt.

Dienstag, 19. April

Nachdem sie den Winter über sich introvertiert und still verhalten, fangen die Krähen das nachtlange Gezeter wieder an. Da mir jedes Geschrei zuwider, verspielen die schwarzen Wächter jene Sympathie, welche ich der Art, wie sie ihr Wächteramt ausüben, wie auch ihrer verheißungsvollen Schwärze entgegengebracht. So bleiben sie die alten Störenfriede. In Lindau, wohin ich nach alter Montagsgewohnheit am See entlang gewandert, saß ich, Pfefferminztee trinkend, im schönen Café „Marmorsaal“ über meiner nachmittäglichen Nietzschelektüre. Es sind vor allem die späten Fragmente Nietzsches, von denen meine Seele so viel lernen kann. Das Gebet, das persönliche Gespräch mit Christus ist eine der Kraftquellen, die mir helfen, zu ertragen (und ein Pfarrer muß heute viel ertragen können) --- aber gerade Christus hat mir gesagt, ich solle mich in Nietzsches Sprache vertiefen. Es gäbe kaum eine schönere --- kraft seiner Schönheit spende nietzscheanischer Klang Trost über Trost.

Montag, 18. April

Man möchte vor dem Brautkleid, welches Obstbäume in diesen Tagen tragen, in die Knie brechen. Das Blütenweiß, herausgeboren aus verborgenen Traumtagebüchern der Materie, schafft um sich her die Aura des Abgetönten, nahezu Dunklen, läßt, was Weite anbelangt und Großartigkeit des Entwurfs, an Vogelzüge denken. Leider finden wenige die Zeit, stundenlang in den Anblick des schneedunklen Gewandes zu versinken. So bleiben die flüchtigen Blicke --- und der Schmerz des Wissens, daß das Brautkleid in wenigen Tagen ausgezogen und in Schränke wieder gehängt wird. 

Samstag, 16. April

Proust, der ewig Frierende!. So gibt es, neben der Internationale der Schlaflosen, die der Frierenden auch! Es war heute, ungeachtet intensivster Ekstasen des Lichts, des für Südwestdeutschland so typischen Nordosts wegen (unter dem nicht zuletzt Hölderlin gelitten), schneidend kalt. Ich war am See, den nachmittäglichen Spaziergang wie einen Hund an der Leine führend, und habe eine wunderbare dominikanische Edelzigarre geraucht. Die Himmel dieser Tage sind von unverstellter Heiterkeit. "Esta luz antigua / De tarde feliz / No puede morir. // Dies alte Licht / glücklichen Nachmittags / kann nicht sterben."(Jorge Guillén)

Freitag, 15. April

Vor einer Woche konzertierte das Ensemble ZWÖLFKLANG in unserer Kirche; gab (im Rahmen einer Passionsmusik) u.a. die Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ von Rudolf Mauersberger. Ich habe die Dichtung BOTSCHAFT DER ASCHE gelesen.

Botschaft der Asche

Ich bin der im Winter zerfrorene Baum,

die Kirche, die, heruntergebrannt und rachitisch,

am Rande eines Marktplatzes, feiert, die Bettelschale in der Hand, ein stilles Weinen,

ein Zugrundegehn.

Des Regens hoher Faltenwurf.

„Schaut mich an, ihr Bewohner der Stadt,

ich war reich und von dunkler Anmut,

die Speicher waren voll mit Wein und Korn, Wein und Korn des Geistes,

voll der Verehrung des Unbekannten Einen.

Die Schönen waren, die Schönen der Stadt, vor mir flehend gelegen;

die haben in die Höhe geschaut, ihr Blick an meinen Türmen hochgeklettert;

verbittert trug ich, moosüberflutet, das Dunkel;

alle ahnten, ungeachtet meiner Schatten abendländisch, ein unverbrauchtes Hell

        des Kalksteins,

hindurchschimmernd, durch das Gewand der Klagen scheinendes Licht.

Ich war die Schauspielkunst und die Tragödie.

Ich war das Lied des Grabs.

Ich war der Christusmantel.

Ich habe den Wechsel der Zeiten vor Augen gehabt,

den milden Spätsommer, das letzte Lächeln vergifteter Flur,

die Wandlung hin zum kosmischen Scheitel der Glut,

achtsam gezogen die Furchen von Menschenhand;

und habe die magerbrüstigen Bäume geliebt,

wie die das Pfauenrad der kahlen Äste um sich spreizen.

Ich habe gesehn, wie alles Blühende, die Fülle, die überbordende,

die Stimme der Krüge, der Farne und Halme die Stimme der Wicke und der Hyazinthe,

Stimme der himmelwärts steigenden Clematis,

Stimme von Flöte, Käuzchen, Glockenwerk,

die des Wahnsinnsvogels,

die der grauen Gassen, die Stimme der sterbenden Stadt,

und andere Stimmen der archaischen Gärten,

das goldglänzende Öl, Farben der Olive ---

ich habe begriffen wie alles Wachstum Zuflucht in der Asche sucht.

Ich halte euch, die ihr vorübergeht, die Bettelschale hin.

Erbarmet Euch, die Ihr mich im Gewand der Asche stehen seht.

Erbarmt Euch eines Kohlenkellers, der Kirche gewesen über Jahrhunderte hin.

Erbarmet euch!

Ein wenig Reis,ein wenig Atem, ein wenig Sterbendürfen.

Ach, vom Winter verheerter Ast, Bettelhut und Blindenhund wandernder Herrn.

Donnerstag, 14. April

„Die unbedingte Liebe zur Kirche ist Götzendienst“ (Simone Weil). Ein ums andere Mal wirft die Frage sich auf, ob es eine Gestalt von Kirche geben könnte, welche (ohne Einschränkungen) die umfassende Botschaft Jesu zu repräsentieren in der Lage sei --- ob Kirche indessen nie mehr darstellen könne als ein Vorläufiges. Nicht das Dogma ist die Krankheit der Kirche; Dogmen lassen sich über Nacht umschreiben. Die Gebrechlichkeit der Kirche läßt darauf sich zurückführen, daß sie eingemauert sich findet ins schwarze Mauerwerk des Egoismus, daß ihr an der eigenen Existenz nur gelegen ist. Ihr liegt nichts am „Sommer voller Heuschrecken“, an der Kindheit, am Regen. Man spricht, innerhalb der Mauern der Kirche, viel über Benachteiligte und Arme; beklagt die Zerstörungen und Verheerungen von Natur und Sitte --- es fehlt die Empathie für elemantare und emotionale Metaphern des Hierseins. Kein Bischof hat je und kein Pfarrer von Birkensamen, von Umzäumungen aus Draht, vom Schlaf der Tiere gesprochen. Das Blutleere der Kirche. Geizig dem Leben gegenüber. Nach so gründlicher Lektüre der Scholastiker, nach so viel Karl Barth und Paul Tillich – stünde die denkbar aufmerksamste Lektüre des schottischen Dichters John Burnside an. Burnside hat eine empfindsame Vision von Kirche entworfen im Gedicht „For a free Church“.

Donnerstag, 7. April

Als ich vor 20 Jahren nach Langenargen gekommen, wurde von einem Mann, der heute nicht mehr im Dorf zu Hause ist, gesagt, er sei dem Alkohol in einem Maße verfallen, daß er in allernächster Zeit werde sterben müssen. Viele, die seinen bald wohl bevorstehenden Tod damals prophezeit, sind längst gestorben. Ihn, den vermeintlichen Trinker dagegen, habe ich dieser Tage in der Kreisstadt spazieren gehen sehen (und allem Anschein nach war er auch nicht nüchtern). Mir ist an keiner Verherrlichung der Trunksucht gelegen --- allein, zu bedenken geben möchte ich doch die Tatsache: daß die Welt an anderen Dingen zu Grunde gehen wird, als wir anzunehmen geneigt sind. Mit unserer Prophetie ist es nicht weit her.

Mittwoch, 6. April

Der Basler Theologieprofessor Franz Overbeck schreibt über seinen Freund Friedrich Nietzsche: „Nietzsches Schriften sind gleichsam unterwegs geschrieben, in der Gestalt, in der sie zur Aufzeichnung kommen, noch unfertig, vorläufige Stationen, die einmal selbst überholt werden sollen“ (Franz Overbeck, Erinnerungen an Friedrich Nietzsche, Berlin 2011, S. 70). Overbeck, ein Moment rügend des vermeintlich Unabgeschlossenen, Vorläufigen am Werk seines Freundes, lebte noch im tiefen Glauben an die Möglichkeit eines höhreren, sozusagen an Gründlichkeit wie Exaktheit überlegenen, geistig reiferen, endgültigeren Erfassens von Wirklichkeit. Wie hätte er verstehen sollen, daß Nietzsche bereits „nach“ dem Erdbeben schrieb, daß das Denken des Freundes Rhetorik war der Verzweiflung. Wäre es möglich, noch einmal wie „vor“ den großen Erschütterungen zu schreiben und zu denken, vorzutäuschen eine Naivität, die, maßgeschneidert im Atelier, als tauglich sich erwiese, frech und gleichgültig über die Laufstege zu gehn? Die Nachmittage dieser Zeit lassen mich an entlaufene Siamkatzen denken. 

Dienstag, 5. April

Ich denk' an Weimar in der Nacht....Johann Gottfried Herder – sage und schreibe 27 Jahre hat er an der Stadtkirche St. Peter & Paul gewirkt; hat Sonntag für Sonntag nahezu auf der Kanzel gestanden. Welch ein Segen für die damaligen Bewohner der Stadt, Herders poetischen Ausführungen, seinen 'schönen' Predigten, nachhängen zu dürfen. Die Predigt ist in ihrem Kern (darin der wissenschaftlichen Analyse, der Liedstrophe, proust'scher Prosa, journalistischem Text, dem Gedicht von Pasolini, den Passionsberichten der Evangelien, wie allen großen prophetischen Gesängen verwandt) poetisches Essay. Bis in den Nachmittag hinein hat es heute geregnet. Ich bin, meinen im Frühjahr 1980 erstandenen Borsalino auf dem Kopf, innerlich mich wärmend an der Flamme einer kleinen Fröhlichkeit (Rm.12, 12), von Krankenlager zu Krankenlager gewandert. Ach, forsythiengelbe Mauer einer Abendstunde – Du zeigst den toten Georg Trakl, der wie scheues Wild am Waldrand wartet.

Montag, 4. April 2011

Der zweite diesjährige Konfirmationssonntag in Langenargen. Die Sonne sitzt wie ein Bettler vor der Kirche, hält den Kirchgängern die Bettelschale entgegen und sagt: „Ich bin so arm, habe nur diese Hitze, dieses einsame Licht des Abendlandes, ich habe zerbrochene Beine, dünn sind meine Arme wie Trommelstöcke. Eure Augen trinken mich aus. Ich bin eine einsame Kirchenglocke in der Wüstenei eurer Dörfer.“ Seit vielen Jahren höre ich kluge Menschen vom Niedergang sprechen der protestantischen Predigt; vom Niedergang der Theater höre ich sie reden, vom Niedergang der Malerei, des Gesangs, des politischen Denkens...Der Niedergang hat kein Ende --- Man möchte geradezu vermuten, einem solchermaßen endlos beschworenen Niedergang wohne der Zauber des Bleibenden inne. Indes die Predigt der Kirche tatsächlich auf den Hund gekommen ist --- wie sollte sie, die einsam und verlassen ist wie die bettelnde Sonne, einem allgemeinen Befund, dem des Niedergangs, sich widersetzen? Kirchliche Predigt handelt nicht mehr von Christus. Sie hat sich, anstatt vor diesem zu knien, über ihn erhoben, hat ihn insofern verlassen; mit der Willkür der Lotterie greift sie nach Gedanken, die wie der Müll in den Straßen Neapels, aller Welt vor Augen stehn. Große Predigt war immer einzelgängerisch, wild in ihrer Hingabe an den fremden Christus, fahrig, arrogant sogar, was das Nichtbeachten der Zeitumstände anbelangt; sie war, mit Kohelet zu sprechen, süß wie das Licht. In einer der Nachbarkirchen befand sich ein geradezu expressionistisch und riesig von der Wand herabschreiender Christus – man hat ihn (chirurgisch gewissermaßen) von der Mauer abgetrennt und in irgendeinem strahlensicheren Giftschrank verstaut – stattdessen ein, dem Eindruck nach, kleines Spiel aus Staniolpapier über den Altar dann hingebastelt. Der Abnahme des überdimensionierten Christus entspricht ein Exodus der Predigt aus der Kirche. Der mächtige Christus war die schlaflose Flut eines frühmorgendlichen Regens. Die Bastelarbeit, die ihn ersetzt, hat keine Entsprechung auf der Skala der Wetter; sie ist beliebig, sie könnte die Halle des Stuttgarter Hauptbahnhofs gleichermaßen zieren wie eine Bushaltestelle.

Mittwoch, 30. März

Wo immer ich hinkomme in diesen Tagen – das Unglück hat sich mit gründlicher Entschiedenheit eingraviert in die Zeit der Menschen. Es wird geklagt. Es wird zurecht geklagt. Es gibt so viel Not. Natürlich denkt man an die weißen Vögel, ihr kindliches Beharren auf reinem Flug und Unschuld – die Vogelschwingen der Katastrophe streuen ihr Weiß und ihr Gnadenlos auf die Scheitel der irgendwann Scheidenden. Herr, ich rufe Dich an aus der Tiefe meines Herzens, voller Leidenschaft: Laß einsickern in die Erde dieser Lippen täglich einen Tropfen Pfefferminztee; einen einzigen Tropfen...

Montag, 28.3.

Das kühl verregnete Ravensburg der Montagmorgenfrühe. Ich sitze in den Cafés, lese Trakl und Aischylos („Der gefesselte Prometheus“); und denke an Langenargen, mein Dorf, an die vielen Wohnungen mit herabgelassenen Rolläden bzw. geschlossenen Fensterläden. Sei es, daß es um Ferienwohnungen, im Jahr zwei, drei Mal aufgesuchte und benutzte sich handelt; sei es, daß man vor Wochen einen Leichnam hinausgetragen und die Wohnung einer Weiterverwendung harrt. Manchmal läßt mich das Dorf an die Spinne denken, die um den Taufstein gestern kroch: um welchen Taufstein müht sich die Häuseransammlung am See? Gäbe es in der Mitte des Dorfes eine (unsichtbare) Schale, in die man Wasser göße (Wasser des Glaubens, daraus uns Leben zuströmen würde)? Es ist an uns, den Verehrern des Christus, Schale zu sein. Es ist an uns, Partikel der Schönheit aufzufangen im Sieb der Gedanken. Ohne das Antlitz des leidenden Christus gäbe es keine Schönheit im Inneren der Kunst. In den Gassen von Ravensburg sammeln die Bettler sich und nehmen ihre Plätze ein. Inwiefern unterscheiden die Bettler der Straße sich von den Bettelnden der Kirchenbänke, von den Bettlern, die in den Küchen sitzen, geröstetes Brot vor sich auf dem Tisch und die Schale Tee, die ihre Sterblichkeit so intensiv empfinden? Das Städtchen Ravensburg – gleichermaßen eine Spinne, die in der Weite des Universums sich verirrt.  

Sonntag, 27.3.

Spät kehre ich heim. Nach dem Gottesdienst, dem gemächlich vor sich hindämmernden Geist-ereignis, dem auf alle Effekte verzichtenden, reinen, in der Einöde des Kaukasus gefeierten Korn, die Besuche in den Häusern. Der abnehmende Mond steht über der Kirche; das eher kühlere Wetter hat Abstand gewonnen von den Insignien des Winters. Man geht im leichten Mantel, trägt nur noch den Seidenschal. Während des Gottesdienstes, in der Frühe des Tages, gewahrte ich eine Spinne, die, wie jedes Jahr während der Konfirmationen, um den Taufstein zog. Wie weit entfernt das Spektakel der politischen Welt vom Pfad einer in sich selbst versunkenen Existenz. Man kann, beim Anblick der Spinne, gar nicht anders – man muß denken an die VIII. Duineser Elegie: „O Seligkeit der kleinen Kreatur, / die immer bleibt im Schooße, der sie austrug; / o Glück der Mücke, die nach innen hüpft, / selbst wenn sie Hochzeit hat: denn Schooß ist Alles.“

Samstag, 26. März

Morgen ist der erste diesjährige Konfirmationssonntag unseres Dorfes. Am Vorabend vergleichbar festlicher Ereignisse pflegt ein Glanz auf der Stirn des Kirchleins zu liegen. Pfützen alten, verbrauchten Lichts verkümmern wie weggeworfene Bananenschalen und Zigarettenschachteln vor den Stufen zur Eingangstür. Morgen wird auch der neue Landtag Baden-Württembergs gewählt. Die Propagandisten aller Parteien sind stolz auf den Reichtum Süddeutschlands - ihn zu verteidigen ist ihr vorrangiges Anliegen --- in Vergessenheit der Bibelworte: „Weh, weh, du große Stadt, die bekleidet war mit feinem Leinen und Purpur und Scharlach und geschmückt war mit Gold und Edelsteinen und Perlen, denn in einer Stunde ist verwüstet solcher Reichtum!“ (Offb. 18,17)

Mittwoch, 23.März

Was mich an der Mitteleuropa-Debatte der Achtzigerjahre begeistert hat, war diese Haltung der Anti-Politik (Haltung, die im Grunde extrem politisch geprägt gewesen – in dem Sinne, daß man seine geistige Kraft in Widerstandskanäle gegossen, die, wie jüngst in Ägypten, anstatt eines politischen Parteiprogramms einen anderen Lebensentwurf auf die Fahnen geschrieben --- Fahnen, die keine waren und keine sind). Über diese Haltung der Anti-Politik wird in Deutschland, zumal im alten Württemberg, gar nicht  mehr gesprochen --- Haltung, die einen politischen Gestaltungswillen spiegelt (aber sich in gänzlich anderen Sphären entfaltet), Haltung, die eine poetische Kritik institutionalisierter Parteien voraussetzt, Haltung des „brennenden Geistes“ (Rm.12,11), des Wohnens in Treppenhäusern der Geschichte; Gedankengut der Nacht.   

Montag, 21. März

Mit dem Fahrrad, am See entlang, nach Friedrichshafen. Eisiger Gegenwind; Licht indessen von unermeßlicher Klarheit. „Den Besten ziehen die Vögel“ (Hölderlin) Ich empfinde mich an diesem Nachmittag als ein von Vögeln ins Totenreich Gezogener – insofern, als ich während der Radfahrt ununterbrochen mit den Toten mich austausche. Ich unterhalte mich mit Alexis de Tocqueville. In seinem Werk „De la démocratie en Amérique“ handelt er u.a. von der einer Demokratie stets innewohnenden Gefahr: daß die Regierung in einer Ausschließlichkeit sondergleichen, die Aufgabe, alltägliches Leben zu organisieren und zu verwalten, entschieden an sich reißt. Die zusehends allmächtig handelnde Regierung kümmert sich um alles, die Bürger werden der Eigeninitiative beraubt; ganz allmählich werden sie des bewußten selbständigen Handelns entwöhnt, werden zu mehr oder weniger unmündigen Untertanen und Privatleuten erniedrigt; sie brauchen sich nur noch um ihre eigenen wirtschaftlichen Probleme (um Fragen des Überlebenskampfes) zu kümmern. Die Menschen einer solchermaßen demokratisch geprägten Gesellschaftsform verfügen angesichts der souveränen, in zahlreiche Dimensionen alltäglichen Tuns sich einmischenden Regierung über keine gestalterische Kraft mehr, was das sie umgebende Leben der Gemeinschaft (auch in kleineren städtischen wie dörflichen Einheiten) anbelangt. Stahlblau der sonnenüberglänzte Kraushaarschädel des Sees. Ich fahre gemächlich vor mich hin. Woher nahm Tocqueville die prophetische Kraft? Dostojewskij, Nietzsche, Jakob Burckhardt --- ihnen allen war verliehen der prophetische Blick. Wo sind heute die prophetischen Köpfe? Es wird vieles behauptet. Expertise reiht sich an Expertise. Allein, es kommt alles stets ganz anders. Man muß die Stillen suchen im Lande, auf sie hören. Wer sind die Stillen im Lande? Wo halten die sich auf? 

Freitag, 18.März

Manchmal habe ich Angst, der See, an dessen Ufern ich lebe, würde vergiftet, radioaktiv verseucht werden. Manchmal habe ich Angst, die Augen, mit denen ich die Welt betrachte, würden erblinden. Manchmal habe ich Angst, die Hände, mit denen ich das Brot breche, würden erstarren, ich würde sie nicht mehr bewegen können. Manchmal habe ich Angst, die Brücke, die über die große Straße führt, würde in dem Augenblick zusammenbrechen, da ich auf ihr stehe, und ich würde auf die Fahrbahn stürzen und von einem LKW erfaßt werden. Manchmal habe ich Angst, ein Flugzeug würde auf das alte Pfarrhaus stürzen, die Linde in Brand setzen, meine Bibliothek verzehren, verwandeln mein Leben in Asche. Manchmal bleiben Bäume kahl, haben ihren Sommer, ihre Hoffnung mithin, verloren. Manchmal empfinde ich, vor dem Altar stehend, die Einsamkeit kosmischer Finsternis. Manchmal höre ich, wie jemand einen Stuhl stellt in die Kammer meiner Ängste. Manchmal spüre ich, daß jemand anwesend, daß ER im Zimmer zugegen, seine Fülle sich in meine Ängsten mischt, in meine innere Leere. Durch die verregnete Frühe, so gegen 4 Uhr, höre ich einen Güterzug hinziehn. R

Mittwoch, 16. März

Mauern des Nebels vermitteln dem See die Illusion der Weite --- sie scheinen, die Mauern, den ewigen Feuerbachianern Recht zu geben - dergestalt, daß Glaube anderes nicht sei, als ein Nicht-Sehen des anderen Ufers (drüben eben nicht das göttlich unsichtbare Reich; wenn die Nebel denn weichen, erkenne man: daß schlicht und ergreifend das schweizer Ufer vor Augen einem steht). Indes die Unendlichkiet des Sees mitnichten darin sich erschöpft, daß tatsächliche Ufer, begrenzende und ernüchternde, Stunden später auftauchen werden, sofern die Nebel nur sich lichten. Die Unendlichkeit des Sees ist die Unendlichkeit des Namens „Wasser“. Der vermeintlich aufklärerische Blick der Kinder Feuerbachs fragt am Geheimnis vorbei. „Gott“ ist keine falsche Vorstellung. „Gott“ ist ein Name, ein unendlich tiefer, ein unauslotbarer. Glaube zielt nicht auf eine wie auch immer geartete Doppelbödigkeit der Dinge (evoziert auch keine Hinterwelt); Glaube ist Fremdklang im Vertrauten. Das Ahnen der Anwesenheit eines unvermittelt aufgetauchten (herbeigewanderten) Fremden (einer nicht deutbaren höheren Präsenz). Rilke sagt, allein die Augen der Liebenden, die Augen der Kinder, die der Sterbenden würden besagte Präsenz zu schauen begabt sein (vgl. Eph.1,18). Irgend jemand hat die regenschwarze Schirmmütze über den Schädel gezogen des späten Nachmittags.  

 

Dienstag, 15.März

In unserer Stuttgarter Wohnung am Feuersee haben wir nachts oft das Zittern der Erde vernommen, wenn U-Bahnzüge unterirdisch durch die Röhren donnerten. Wir sollten keinen Augenblick vergessen, daß die Erde unser Schreiten nicht selbstverständlich trägt. Jederzeit können Abgründe sich auftun. Als ich vor einer Stunde über den Landesteg spazierte, hinüberschaute zu den orangefarbenen Lampen der Schweiz, und, seitwärts blickend, den Turm eingerüstet sah des Montfort-Schlosses, dabei so ein klein wenig vor mich hinhustete, und wußte, daß ich noch ein Glas weißen Weins später trinken und Jean Paul („Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele“) lesen würde, wurde ich in den Würgegriff genommen des Gedankens, daß Sterben ein unendliches Fallen sei, ein Wegbrechen der Gerüste, das Sich-Abwenden all dessen, was mir in den paar Stunden meines irdischen Daseins von Bedeutung gewesen. So gewiß die Bilder von Willi Baumeister nicht herabsteigen von den Wänden und an das Sterbelager treten werden – mit entsprechender Gewißheit wird zurückbleiben die Sommerlandschaft eines Gedächtnisses, welches Gedichte gesammelt, Gedanken übers Sterben, Erinnerungen an Winternächte. Wir sterben ohne Philosophie und ohne die Hefte der Dichtkunst. Nicht einmal die hohen Gedanken der Liebe werden uns begleiten. Wir werden neues Leben entdecken (mitnichten 'erfinden', wie ein boshafter Geist suggerieren würde); dies aber jenseits der Städte, der Bibliotheken, der Kirchen, der Heilgen Räume, der Meere. Der Irrtum besteht darin, zu meinen, es gäbe irgend etwas, was mitzunehmen uns erlaubt sei (so wie man auf die Flucht einen Mantel mitnimmt und ein Buch, ein Gebet, sowie die Erinnerung an den ersten Schluck aus dem Abendmahlskelch anläßlich der Konfirmation). Zunächst ist der Tod ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier. Die Begegnung mit Christus bedeutet, daß Sprache einsickert in die Erde des Todes (daß erste Buchstaben auf die Wandtafel gemalt werden), daß das Schweigen gebrochen wird. Wir werden einer Sprache begegnen. Besagte Sprache wird ein Baum sein (hochgewachsen wie die Linde vor dem Pfarrhaus). Es sind die Kunstschaffenden und die Dichter, die die Bäume sprechen hören, die den Dialekt verstehn; wie Misteln und Grauweiher wohnen sie in den Kronen und schauen herab auf das alltägliche Leben --- und sehen, daß die Brunnen, daraus Ewiges geschöpft wird und Heiliges, in der Mitte stehn zitierter Alltäglichkeit.

 

Sonntag, 13. März

Ich stehe auf Friedhöfen der Philosophie und blinzle ins graue Licht. Wir werden eingerückt in die apokalyptische Dimension und die Frage stellt sich, inwiefern herkömmliches Denken und Schreiben und Beten einer solchen, bislang noch nie dagewesenen Situation gerecht zu werden vermag? Bedarf es einer neuen, anderen Sprache? Es war der Versuch Martin Heideggers, diesen Weg zu beschreiten, den Begriff „Anfang“ neu zu deuten --- Nunmehr erleben wir, wie rafinierteste, denkbar differenzierte Technik an der stur sich selbst lebenden Natur zerbricht. Die Natur ruht ganz in sich; bleibt nur Natur, hat jedem Anflug einer barmherzigen Geste abgeschworen. Noch schöpfen wir das Gold der Energie aus ihren Truhen. Noch läßt sie uns gewähren. Allein, sofern sie sich hin- und herwirft auf ihrem Lager (unruhig ihr Schlaf), legt sie Feuer an die Türme, die wir errichtet, auf die wir dermaßen stolz. Ich male mit meinem Bleistift das Christus-Monogramm auf Papier, die beiden Buchstaben, ersten Buchstaben des Titels 'Christus' , das Chi und das Rho ineinandergeschrieben, und nehme wahr, daß ich die Figur eines Tänzers ins versonnen schweigende Altersgrau des Schreibblocks gegraben. In den Untergängen kannst Du den tanzenden Christus erkennen (sein Weinen, die Glut seiner Schritte). Zu Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts habe ich regelmäßig Aufführungen des Stuttgarter Balletts (dessen Choreograph damals John Cranko gewesen) besucht; und habe seitdem niemehr die Tänze gesehn; und habe begriffen, daß es kaum eine vergleichbare Weise des Trauerns gibt. Nirgendwo sonst ließe Weinen als offenkundiges sich entdecken: in den Tanz des Christus hat der Schmerz des Menschen (des Adam) sich eingeschrieben.

Samstag, 12. März

Die Begegnung zweier Menschen auf einer geschäftigen Straße der Innenstadt. „Was führt Sie in die Stadt?“ „Ich gehe beten.“ „Wo gehen Sie beten?“ „Zuerst in der Synagoge, dann in der Moschee, endlich in einer Kirche.“ „Aber wie können Sie sich an Orte hintereinander begeben, die sich scheinbar widersprechen?“ „Alle werden eines Tages zu Staub.“

Donnerstag, 10. März

„Es gibt so viele Menschen, die sich nach Schönheit verzehren, die aus der verzifferten Welt keine Kraft mehr schöpfen können, deren Seelen unablässig 'Schönheit, Schönheit' rufen.“ (aus einem Vortrag vom 9. Juli 2000) ---

9. März

Tage in Berlin. Wie immer der starke Eindruck, Straßen und Boulevards seien Waldwege. Städte erscheinen als Wälder und Steppen. Ich lausche so gerne dem alltäglichen Gesang der Motoren und der Menschen. Auch in Berlin so ein märzkaltes Wehen des Winds. Ich habe während der Wanderungen durch Museen und Kirchen und Tonstudios, während der Begegnungen unablässig nachgedacht über die Schönheit des Wortes – Wort, wie es gerade kraft alltäglichen Gebrauchs geheiligt wird. Im Vor- sich-Hinreden der Menschen verbirgt sich so viel an Poesie. Wir vergessen immer wieder, „daß das verächtliche Schwatzen die unendlich ernsthafte Seite der Sprache ist“ (Novalis, Monolog). Wie Rauch aufsteigt aus Kaminen, so wächst der hohe Ton aus einfach-beliebigem Gerede. Alltagssprache ist jene Erde, ohne welche poetisches Sagen niemals drängt ans Licht (ohne welche das Hohe Wort nicht kann gedeihn). Hingehend in Hauptverkehrsadern der Stadt (den Halsschlagadern des Verkehrs), vermisse ich die Gegenwart der Kraniche. Aber nein – die großen Vögel sind doch da; es ist nur so, daß wir, der Gewohnheit Folge leistend, den Blick gen Boden richten, und es versäumen, aufzuschaun, die Augen aufzuheben und zu sehn. Ich habe überm Häusermeer der Stadt die Kraniche gesehn, Boten des Todes; ich habe geweint und weißen Wein getrunken und begriffen, daß die Augenblicke weißer Gegenwart mehr nicht sind als eine Schwalbe aus Papier. An all den Orten meines Lebens, zu allen Zeiten, habe ich gespürt, daß jemand in der Stube ist, den wahrzunehmen ich ganz außerstande; ständig ist doch jemand da. In Berlin habe ich ganz intensiv und leidenschaftlich die Gegenwart erahnt des Herrn. Bettler haben, wie Kinder, die Augen aufgerissen und hineingeblinzelt in die Ekstasen des Lichts.

1. März 2011

Vor einiger Zeit habe ich einen zu Lebzeiten außerordentlich feinen, von einer inneren Frömmigkeit ergriffenen, mit einem einfühlsamen Herzen ausgestatteten Mann beerdigt. Er hatte die späten Jahre seines Lebens darunter gelitten, daß er 'einfach' nur zur Arbeit gegangen, sein Hiersein redlich zugebracht, jedoch keiner großen, übergreifenden, glühenden Idee sich hat hingeben können. So gerne wäre er, von den Visionen und der Entdeckerkraft her, ein Einstein gewesen, ein Dostojewski, ein Ingmar Bergmann. „Es ist schade, nur 'einfach so' hiergewesen zu sein“, hat er sagen können. Oft muß ich über diese seine Worte nachdenken und erkennen, daß das Wesen unserer Zeit womöglich gerade darin besteht, in Winkeln und Höfen und Nischen zurückgezogen, in Hingabe an das Unbedeutende und Kleine, seine Tage zuzubringen und während der Nächte dies sehr intensiv zu empfinden, daß man zuweilen den Schlaf darüber verliert. Theaterleute, Filmschaffende, Romanciers, die Dichter, die Maler, die Tonsetzer --- sie alle strecken sich aus nach der großen dantesken Schau – und bleiben doch gefangen in der Vorgartenarchitektur. Es ist mehr als bezeichnend, daß unsere Häuser über keine prächtigen Treppenaufgänge mehr verfügen, daß man über schmale Stiegen höhergelegene Stockwerke erklimmt. Wir leben vom Wechselgeld, den kleinen, handbaren Münzen. Ich kann kein Versagen konstatieren; wir sind ins Enge hineingestoßen; den Stuben und Zimmern fehlt die Höhe. Es ist Bestimmung. Vielleicht ist es gerade unserem Zeitalter aufgegeben, klein zu werden, niedrig zu sein – um überhaupt wieder ein Gefühl für Größe und Pathos (nicht für falsche, fehlgeleitete Größe, schon gar nicht denke ich an das Pathos der Nationalstaaten) entwickeln zu können, ein klares Empfinden für die vor der Tür stehende Christuserschütterung. Unserer Zeit eingeschrieben ist das uns zusehends eindrücklicher ins Gedächtnis gebrannte Ziel aller Materie. Es sind die wiederkehrenden Zeitalter der Angst, die als Ende stets nur das Sterben in Blick zu nehmen begabt sind. Wir gehen durch die Städte und sitzen herum in wunderschönen Caféstuben und streichen an Ufern entlang der großen Seen und Meere – und denken doch immer wieder nur daran, daß wir davon gehen müssen und daß nichts bleibe. Die Komposition LAMENTATE von Arvo Pärt; Musik für Solo-Klavier und Orchester. Zu vernehmen ist (wie das Schreiten von Knobelbechern) ein sturer, langsamer Rhythmus, Pulsschlag des Todes in allen Dingen. Pärt hat im Oktober 2002 in der Turbinenhalle der Tate Modern in London der Ausstellungseröffnung von Anish Kapoors „Marsyas“ beigewohnt. Kapoors gigantische Skulptur sprengt alle Maße, zerbricht die Formen, in denen Zeit und Raum uns gereicht werden. Der Leib des geschundenen Marsyas füllt sozusagen den Kosmos als ganzen aus. Das Spiel auf der Doppelflöte der Athene hat dem Satyr zum Verderben gereicht. Im musikalischen Wettbewerb unterlag er Apollon, worauf Letzterer den Satyr an einer Fichte aufhängte und die Haut ihm abzog. En détail mag Hiersein sich als irgend feines Flötenspiel erweisen, letztlich treiben wir, Gefangene der Galeeren unserer armseligen Zeit, einem Tod entgegen, welcher dem des Marsyas, einem Geschundenwerden ohnegleichen, entsprechen wird. Die Apfelbaumblüten des Frühjahrs erweisen sich als Trauerzug. Arvo Pärt zeichnet diese Demonstration des Todes in den Staub der Zeit; darum die schleppend langsamen Rhythmen. Pärt schildert kein Einzelschicksal. Dem epochalen Bewußtsein vom Sterben aller Dinge spürt er nach. Kein Aufschrei – eine allüberall zu vernehmende Kosmische Trauer vielmehr. Unsere dermaßen todgesättigte Zeit - alles weist darauf hin, daß ein bislang unbekanntes Hellerwerden des Auferstehungsbegriffes uns geschenkt werden wird. Man sollte, Arvo Pärt als Vorbild sich nehmend, durch menschenleere Winterlandschaften, an Bachläufen und ihren Auenwäldern entlang, die Arme auf dem Rücken verschränkt, hinspazieren; und die Elster (Pica pica) betrachten (aus der Ferne womöglich das Rauschen des Straßenverkehrs herüberweht): in der germanischen Mythologie ist die schwarzweiß gefiederte Elster sowohl Götterbote als auch der Vogel der Todesgöttin Hel. Wie doch unsere Gedanken, einer Flamme verwandt, schwanken im märzkalten Wind.

Samstag, 26. Februar

Den ganzen Vormittag über gefroren. Nachmittags eine Taufe; dann über der Predigt für morgen, Sonntag Sexagesimae: „Das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat.“ (Mk.4, 26-29). Dieses Gleichnis steht wie eine Sonne über meinen Jahren. Es gibt Verwesung in der Welt (das Gesetz der babylonischen und bald in sich selbst wieder zusammensinkenden Türme); allein die Reich-Gottes-Kräfte erweisen sich als stärker.Geborenwerden drückt die Waagschale tiefer als Sterben. Geborenwerden ist von größerem Gewicht. Geborenwerden hat den weitaus längeren Atem. Mein Sterben wird eine kurze Episode sein (bedeutungslos unter den Sternen). Das Sterben füllt ein Bücherregal; Geborenwerden eine Bibliothek. 

Freitag, 25. Febr.

Seit Jahrzehnten lese ich im Werk Arno Schmidts. Ich bitte die Leidenschaftlichsten unter seinen Lesern mir nachzusehen, daß ich auf Metaphernjagd bin, mich die inhaltlichen Ströme seiner Schriften weniger elektrisieren. Unendlich einsam und groß begegnen mir einzelne Sätze: „Die gesunkene Sonne hinterließ noch lange das Rot von Löschpapier, in das von obenher Tinten drer Nacht einsickerten“ (Die Umsiedler, Das erz. Werk in 8 Bden, Zürich 1985, S.31) --- „ ihr Rebellengesicht flackerte wieder weiß aus der Mantelkohle“ (ebd. S.50) --- „Im Waschblauen die roten Wolkenhaken; vor uns der Mond mit grünem seekrankem Gesicht.“ (Seelandschaft mit Pocahontas, ebd. S.106) --- „In ei'm molkichtn Himmel die todtblasse FurienMaske der Sonne. Ein breiter SüdSektor LindnBlütnDuft. (Jenseits des Baches noch der TotenfingerNagel eines Mondes). Im Dorf runrdum die normale MorgnUnruhe.“ (Zettel's Traum, Studienausgabe, Bargfeld 2010, Vierter Band, viii.Buch, Im Reiche der Neith, S.1492).Arno Schmidt steht neben Celan. Dichter, Schneidermeister für Metaphern. Die Augen seiner Dichtung zeigen vielmehr Farbiges von Pupillen als das verschwiegene Weiß der Augen in antiken Texten. Arno Schmidt gelingt es, Staub und Köperlichkeit des Hiersein aufs Blatt zu schreiben. Es sind die Gebrechlichkeiten des Leibes genauso präsent wie die Echoräume einer vergeblich vor der Gegenwart sich verbergenden Seele. Protokoll einer Existenz. Es glühen die Drähte, die Regentropfen des Pulses. Ich wohne in dieser Prosa wie in einem fremden, jedoch unendlich menschlichen Körper. Es ist alles so wahr. Es sind geist- und sonnenüberglühte Tage und zergrübelt schlaflose Stunden der Nacht. Es findet sich der Alltag in seiner skurilen Banalität wie in seinem humorvoll nachsichtigen Nicken. „...surrten Nebligkeiten vorbei, dunkelgraues Schattenzeug; nur die `Bahnhöfe wußten schon Licht.“ (Seelandschaft...,S.71)

23. Februar

Seit Stunden schneit es gleichmäßig. Flocken werden wie Fallschirme einer winterlichen Armee vom Nordost über die Terrasse des Pfarrhauses getrieben. Das neue Buch meines Freundes George Pattison, der in Oxford lehrt, ist mit der Post gekommen: „God & Being. An Enquiry." Oxford 2011. Es ist schön, Bücher von Menschen lesen zu dürfen, mit denen man geistig und freundschaftlich tief verbunden ist; die Lektüre eines solchen Buches ersetzt handgeschriebene Briefe, die einen selten nur noch erreichen. Mit der Handschrift verschwindet indes das Singuläre aus der Welt; Zeichen dafür, daß wir im Begriff sind, die Räume einer neuerlich anonymen Zivilisation zu betreten. Vielleicht wird die Annahme als Irrtum sich erweisen, wir würden zusehends individueller und freier in Gottgegenwart hineinwachsen. Daß eine neue Fron auf uns alle warten würde! „Sterben, / in der Manteltasche verborgen / einer Morgenröte, trage ich mit mir herum. / Wie Möwen sitzen, / in flüchtig gepflügten Furchen der Äcker, / die Menschen, harren aus und springen, / blind vor Gier, in einen Tag, / um wieder heimzukehren / ins Nie-Gewesen-sein von Stacheldraht und Asche, / niederzusinken wie ein Schlaf, / den sie schlußendlich nie verlassen haben werden.“

22. Febr.

Im Schneetreiben auf der Landezunge der Argenmündung. Weit und breit keine Menschenseele. Ich stehe am äußersten Rand, Wasser umspült die Gummisohlen meiner Stiefel. Vergleichbar einsam stehe ich an so vielen Tagen des Jahres vor dem Altar. In einiger Entfernung streunt ein herrenloser Hund hilf- und wehrlos am Ufer entlang. Wie abgrundtief unterscheidet das heimatlose Tier sich von anderen, an Leinen ausgeführten Hunden, die gestrickte Bauchbinden tragen und mit ihren Eigentümern sprechen müssen. Menschen, die Hunde ausführen wie eigene Kinder, tragen selbst diese funktionale, allen Wettern widerstehende Kleidung. Wie tief trauere ich einem Robert Walser nach, der im Anzug mit Weste, stockschirmbewehrt, über die Höhen der Schweizer Berge gegangen! In der Erzählung „Plop, plopp, plopp, ploppp“ von Antonio Tabucchi sagt eine sterbende Frau zu ihrem Neffen: „Ferruccio, …..., erinnerst du dich, wie schön Italien war?“

21. Febr.

Wieder der wilde Schnee - unangemeldet, nach milden, frühlingshaften Tagen als Bote ewig herrschenden Frostes hereinbrechend in den kleinen Tag der Menschen, die sich redlich mühen, ein anständiges Leben zu führen und doch erschüttert sind von Ängsten. Schlangen vor der Bäckerei. Noch nehmen sie das Warten auf sich,weil ihnen an der besonderen Qualität des Brotes liegt. Ich möchte uns wünschen, daß wir nicht irgendwann wieder – vom Hunger getrieben – anstehen müssen.

16. Febr.

Die oben eingestandene größere Nähe zu den Sehnsüchtigen des Ostens --- inwiefern ich den Dichtern des Ostens näherstehe, mir diese leidenschaftlicher erscheinen und ich den Eindruck auch habe, sie hätten ein tieferes Verständnis von Religion und Kunst? Ich möchte den Beatniks den früh, 1970 bereits im Alter von 31 Jahren verstorbenen Dichter Leonid Aronzon gegenüberstellen. Keines seiner Gedichte ist zu Lebzeiten des Dichters veröffentlicht worden. Ein stilles, wie Malvenstauden in weltabgewandten Gärten gewachsenes Werk der Angst (den Augenblicken der Auferstehung gewidmetes Werk; Werk, das in den geheimen Sterbezimmern der sowjetischen Zivilisation groß geworden); Aronzons Gedichte sind Kerzen, auf Hügel getragenes Licht („Letztlich ist Gott mein Leben. Ich lebe nur durch Ihn, für Ihn. Ein „Außerhalb Gottes“ gibt es für mich nicht.“) Keine messianische, keine an die Öffentlichkeit drängende Dichtung; ein Suchen und Erdesieben vielmehr in Gärten, ein Müdewerden und Nicht-Schlafen-können („Den ganzen Tag Schlaflosigkeit. Schlaflosigkeit seit dem Morgen. / Bis zum Abend Schlaflosigkeit. Ich gehe / durch den Kreis der Zimmer, die alle sind wie Schlafzimmer, / überall Schlaflosigkeit, doch für mich ist es an der Zeit, zu schlafen.“). Gärten zeigen sich dem Dichter als Landschaften der Seele. Das Heilige webt in der Welt. „Nichts, was hinter allem stünde. / Alles zeigt sich, unverhüllt“). Keine Rebellion und kein Aufstand. Widerspruch – ja; gleichwohl ein stilles „Ertrage dein fernbestimmtes 'Du mußt' “ (G.Benn). Die Dichtung des Ostens kommt von weiter her; in ihr wohnt eine andere Musik als die der Wohnmaschinen (wo dies dunkle Kochen und Pochen des Pulses).

15. Febr.

Im Kino (Linse, Weingarten). Gezeigt wurde der Film HOWL --- ein Arrangement aus Gerichtsprotokollen und Interviews, kreisend um das gleichnamige Poem von Allen Ginsberg aus dem Jahr 1956. Ich bin Allen Ginsberg und Peter Orlovsky in den Siebzigerjahren in einer Studentenwohnung in Tübingen begegnet. Ich habe große Teil der Beatnik-Literatur gelesen. Gregory Corso war ein, zwei Wochen (ich erinnere den zeitlichen Umfang seines Tübinger Aufenthaltes nicht mehr genau) in der Tübinger Wohnung einer Freundin untergekommen; ich habe einige Male längere Gespräche mit ihm geführt. Heute also der Film, der die damalige Aura meiner Studentenjahre wieder heraufbeschwörte. Die amerikanischen Dichter hatten sich damals von der westlichen Zivilisation geistig abgewandt, hatten versucht, einem buddhistischen Lebensentwurf Authentizität abzugewinnen. Ginsberg hatte über William Blake gesprochen; ansonsten waren die Namen, die gefallen waren, von asiatischem Klang. Ganz anders die Exilanten aus der UdSSR. Sie waren voller Sehnsucht nach europäischer Kultur durch Tübingen geschweift (jeder Art von Pop-Kultur vollkommen abgeneigt; es hatte diesen Ernst, diese winterlichen Landschaften in ihrem Leben gegeben, dieser unbedingte Wille, nach Wurzeln europäischer Geistigkeit zu graben). Adam Zagajewski schreibt im neuen Heft von SINN UND FORM: „Zu dem weinigen Guten, das sich über den sowjetischen Kommunismus sagen läßt, gehört, daß er durch seine Mittelmäßigkeit und Brutalität große Sehnsucht nach den Schätzen der europäischen Kultur weckte (Heft I / 2011 / S. 6). Ginsberg und Corso wiederum, diese beiden stellvertretend zu nennen, Mittelmäßigkeit und Brutalität gerade in der westlichen Zivilisation ausmachten. Ich jedenfalls habe jederzeit eine viel größere Nähe zu den Sehnsüchtigen des Ostens verspürt. Und was ist aus allen geworden? Viele sind bereits gestorben, viele sind tot. Während der nächtlichen Rückfahrt vom Kino erfaßte mich eine kaum zu ertragende Verzweiflung. Ich war damals nach dem Studium in die unendlichen Vororte der späten Moderne emigriert. Anstelle einer intellektuellen Existenzform (einer vollständigen Hingabe an die Literatur) habe ich den Rückzug in die von Geschmacklosigkeit verheerten Lebensformen der Heutigen gewählt (um in der Stille nachzudenken). In einem gewissen Sinne könnte man sagen, daß ich mich für die Poesie entschieden (für die kleine, vom technischen Aufwand unabhängige Geste der Handschrift). Sie sind alle gestorben. Alle werden sterben. Schüchtern und mittäglich lag gestern auf dem See des hohen Februars Christus-Glanz.

13. Februar

Ein Schwarm von Krähen bricht, wild deklamierend vor der nächtlich sich eindunkelnden Tapete des Himmels, aus kahlen Kronen des Auwaldes. Du schreitest über einen der Pfade, die dir so sehr vertraut. Eines Tages wirst du über diesen Pfad ein letztes Mal gegangen sein. Mose steigt mit den Schafen seines Schwiegervaters Jitro in die Berge. Jitro ist Priester Midians. Jitro ist Herr der Tempel, der Rituale, der hl. Räume, Jitro ist Herr über die gottverehrenden Skulpturen, Herr der Fresken, Jitro ist Herr der Glöckchen, Herr der Fingerringe, des Schmucks, Herr über eine uralte religiöse Zivilisation. Mose indes gräbt nach Gott in den kargen Bergen, weit entfernt von Jitros Gewändern und kultischen Gegenständen, abseits der städtischen Zivilisation – Mose wird Gott in einem hochgelegenen Tal finden. Ein brennender Dornbusch (Botaniker sagen, es habe sich um wildes Brombeergestrüpp gehandelt), der in Flammen steht, von den Flammen aber nicht verzehrt wird. Mose endeckt den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs Das Wunder besteht nicht darin, daß das Brombeergestrüpp vom Feuer nicht verzehrt wird. Das eigentlich Wunderbare ist die mystische Sehnsucht des Mose.Wunderbar ist der Weg Moses hinauf in die Berge, sein mähliches Sich-Entfernen von Getriebe und Lärm der Tempel, das Sich-Abwenden von den vielstimmigen Gesängen, das Eintauchen in Stille. Wunderbar seine Neugier, sein Wille, eine neue religiöse Zivilisation zu gründen. Ein Schwarm von Krähen bricht aus kahlen Kronen des Auwaldes.

11. Februar

„Seid brennend im Geiste“ (Rm.12, 11). 

10. Februar

Nebel, ausgeschüttet über das Dorf. Warum fliehen so viele Anwohner des Sees die Nebel, die den Weg verhüllen des Menschen? Als ich gestern frühabends über den Landesteg ging des kleinen Hafens, durch die Mauer des mich umschließenden Nebels schimmerten die Lichter eines Hotels hinter mir her, hatte ich den Eindruck, in Venedig auf der Suche nach einer Gasse zu sein. Nebel, als Illusion gedeutet, ist eines der größten Mißverständnisse. Nebel ist vollkommene Klarheit, weil er, unabhängig davon, in welcher Epoche des Geistes wir leben, unmißverständlich die Erkenntnisfähigkeit des Menschen beschreibt: Erkenntnis kann immer nur das Wahrnehmen von Umrissen sein.

7. Februar

Nach sechsstündiger Zugfahrt spätabends die Rückkehr ins Dorf. Im Verlauf auch nur einer Tagesreise begegnet man so vielen Gesichtern. Dann möchte man, in die Fremde heimgekehrt, das Atmen spüren des schwarz beflaggten Sees und den Mond sehen, wie der, eine Trinkschale, steht über Langenargens Bucht. Ich liebe den langweiligen, nichtssagenden Wind einer Nacht von Montag auf Dienstag. Augenblicke gibt es, da der Gedanke an den eigenen Tod nicht wehtut.

2. Februar

Zu Besuch in einer Wohnung voller Kunst; wertvolle Orginale an den Wänden aller Zimmer. Jemand liegt leidend auf der Bettstatt. Man möchte die Bilder anrufen und sagen: „Steigt doch herab von euren Wänden und helft.“

1. Februar 2011

Philosophen sagen, sie hätten ihre Schwierigkeit mit dem Begriff der Ewigkeit. Ein dreihundertjähriges Brüten über dem physikalischen wie spirituellen (also poetischen) Begriff der Zeit hätte äußerste Bedenken an den Tag gebracht, der Rede vom Ewigen Leben sich zu bedienen --- dabei vergessen sie, die Philosophen, daß „Ewiges Leben“ keiner Vorstellung von Zeit sich unterwirft, vielmehr Eigenname sei; Name für ein Feld blühenden Mohns, für ein Nachhausegehen nachts unter der Stirn hoher Nebel--- die Kaste deren, die in den Begriff verliebt, vergißt allzugern nur, daß es neben der exakten Umrahmung (Eingrenzung) des Sachverhalts den nomadisierenden Namen auch gibt, die Wüste der Konsonanten, die nach dem Wasser schreit der Vokale --- wenn Glenn Gould sagt, er glaube an das Ewige Leben, spricht er aus der Mitte der GOLDBERG-VARIATIONEN heraus. Die Propheten des Ewigen Lebens sprechen vom Wunderbaren und nicht von der Zahl.

Montag, 31. Januar

Massenvernichtungswaffen gehören ins Zeitalter der Massen (wie vielleicht überhaupt modernste Technologie auf besagten Äon sich reimt --- interessant in diesem Zusammenhang Martin Heideggers Erwägungen zur Riesenhaftigkeit: „Das Riesenhafte“; cf. M. Heidegger, Beiträge zur Philosophie, Vom Ereignis, Gesamtausgabe Bd. 65, Frankfurt/M. 1989, S. 135-138). Ich erachte es als Gunst der Stunde, an den Rändern leben, einsame Landschaften des Winters durchschreiten zu dürfen. Ins Bild fügt sich auch unser kleines, schmucklos armes Kirchlein (als solches steht es für den hohen Begriff des Minoritären und erinnert mich immerfort an die Kapelle des Philemon und der Baucis: „Laßt uns zur Kapelle treten! / Letzten Sonnenblick zu schaun. / Laßt uns läuten, knieen, beten! / Und dem alten Gott vertraun.“ 5.Akt, Offene Gegend, v. 11139ff.). In einer Ulme des Rieds entdecke ich ein Nest der Graureiher. Neun Vögel sitzen still im winterlichen Baum.

Donnerstag, 27. Januar

Über schlammige Wege des Forstes; ich kann nicht anders als jeden einzelnen Baum in seiner Gewordenheit (seiner bewußten Gestaltung) zu betrachten und bin weit davon entfernt, blindes Wachstum zu erwägen. Das Entelechiale der Gestalt entspricht der apollinischen Tendenz, welche der jüngere Nietzsche mit dem Begriff das Maßes zusammengedacht. In eine solche Welt des Maßes sah Nietzsche zu Zeiten der griech. Antike den ekstatischen Ton der Dionysosfeier einbrechen, „ in dem das ganze Übermass der Natur in Lust und Leid und Erkenntnis zugleich sich offenbarte.“ (Nietzsche, Werke 1, S.593) Ich denke mir an diesem Nachmittag des späten Januar den Einbruch des Dionysischen in den Tettnagner Forst als Geschrei des Schneeregens, des Sterbens, als Ringen um Überleben in unserem äußersten Winkel des Universums; Einbruch des dionysisch Maßlosen (des Übermäßigen) in Gestalt einer Motorsäge, einer überkochenden Mittelmeermetropole, die ihre Toten und Armen, ihre Pest-Kranken in die Wälder des Nordens verbannt. Ich schreite über die schlammigen Wege und muß an das einsame Grab Jean Genets in Larache (Marokko) denken --- ein Freund hatte es, einen lang fallenden schwarzen Kapuzenmantel tragend, 1996 besucht und hatte lange davor gestanden und übers Stehen am Grab einen Brief geschrieben, übers angrenzende Mittelmeer, über die Ginsterbüsche, welche die karge Erde des einsam gelegenen Friedhofs, die Erde um das weißgekalkte Steingrab her, schmückten. Paul Valéry hat über sein Gedicht LE CIMETIÈRE MARIN Pindars Verse aus der III. Pythie gesetzt: „Liebe Seele, wünsch' dir kein ewiges Sein; doch die Arbeit, die erfüllbar, schöpfe aus.“ Ich, Wanderer durch den Forst, ersehne Ewiges Leben.

Montag, 24. Januar

Rückkehr aus Stuttgart. Zerregnetes Grau wob in den Straßen und Gärten des Dorfs. Betrunkene Kinder spielten Fußball mit einer Bierdose auf der verschneiten Bahnhofstraße. Nicht, daß Johlen aus ihren Mündern gebrochen wäre. Zwar taumelten sie durcheinander, stürzten zu Boden, sprangen wieder auf – indes auf ihrer Trunkenheit schmerzliches Schweigen lag.

Donnerstag, 20. Januar

Albrecht Dürers Wasserfarbenmalerei aus dem Jahr 1503, „Das große Rasenstück mit Schafgarbe, Wegerich, Löwenzahn und Gräsern.“ Es verbirgt in dieser Wasserfarbenmalerei die extrem anthropozentrische Option sich, daß ohne das Auge des betrachtenden Menschen nichts ist, daß allem, was in den Kammern der Welt sich zuträgt, allem Geschehen, Gültigkeit nur zukomme, sofern es, im Sinne einer Rekonstruktion, Gestalt (Farbe, Duft und Atem, Leiblichkeit) annehme im Menschengehirn --- nicht spricht das Bild als solches - Resonanz- und Echoräume des wahrnehmenden Subjekts erwecken es zum Leben. Das Stück Wiese erwacht, vom betrachtenden Geist gerufen, als Kindheit, als Spaziergang an Rändern der Stadt – entsprechend wäre unser Leben eine tote Skizze, belanglos wie leer, würde es vor dem Auge Gottes sich nicht zutragen dürfen. Ohne übergeordneten Betrachter verlöre alles an Würde und Bedeutung. Alles liegt daran, daß dem theatrum mundi ein übergeordneter, in Betrachtung versunkener Gott zugeordnet sei. Es bedarf des Zeugen. Ich habe noch nie nach dem handelnden Gott gefragt (warum er nicht eingriffe), habe nach dem Schneidermeister nie gerufen, der in seiner Werkstatt alles anders zuschnitte und neu gestalte. Mein Sehnen gilt dem Gott der Betrachtung; daß einer, der zuschaue, da sei, der Zeuge aus Psalm 139 (wie er in den Versen 1-5 & 16f.besungen wird). Insofern, aus meinem bescheiden nichtigen Blickwinkel, das Gericht Pointe ist noch jeder Theologie.

Mittwoch, 19. Jan.

Nie zuvor in meinem Leben habe ich Brot in Flammen aufgehen sehn. Das erste Mal in all den Jahren auf dieser Erde, daß die Scheibe, die ich habe rösten wollen, wie ein Blatt Papier gebrannt. Ich werde zehn Briefe (und noch mehr) schreiben und darin mitteilen, das innere Feuer dessen, was wir, beiläufig, ja flüchtig hingesprochen, Leben nennen, vor Augen gehabt zu haben. Das Leben hat in Gestalt der Scheibe Brot, wie ein Dachstuhl, in Flammen gestanden. Nachdem ich das Feuer gelöscht, blieb die verkohlte Scheibe Brot, auf dem Küchentisch verwaist, einsam in sich und verwahrlost, der Nacht im Pfarrhaus ausgeliefert. Tag für Tag verglühen wir auf dem Rost der Zeit. Mit unserm Kleinerwerden und Verwehn wächst die Wolkenmauer über den Wassern des Sees. Der Einzelne geht unter in den Meeren, aufsteigen ins Licht die Kinder Leviathans. „Und machte allesampt / die kleinen und grossen / die Reichen und Armen / die Freien und Knechte / das es inen ein Malzeichen gab an ire rechte hand / oder an ire stirn / das niemand keuffen kan / er habe denn das Malzeichen oder den namen des Thiers / oder die zal seines namens.“

Dienstag, 18. Jan.

„Jedes Jahr, wenn wir in die Stadt kommen, hat sich die Verkehrsführung geändert. Man kennt sich nicht mehr aus. Straßen, Verkehrsführung, Häuser – alles ist einem unaufhörlichen Prozeß der Veränderung unterworfen. Die Städte verändern sich schneller als die Menschen, die dem jeweiligen Anderssein der Dinge hinterherhinken und frieren und fremd, ausgesetzt sich fühlen, sich nicht mehr zurechtfinden.“ So die Klage eines Caféhausgastes. Im Dorf ist alles anders. Im Dorf wird zwar gesägt, gegraben, Häuser werden abgerissen. Im Dorf findet man sich dennoch, wie in jeder Wüstenei, zurecht. Es sind die immer gleichen Wege, die es zurückzulegen gilt. Die meisten Gesichter sind einem vertraut. In einem schwer definierbaren Sinn ist alles mittelalterlich geblieben (so viel neueste Technik auch Einzug gehalten und sogar weiterentwickelt wird in den kleinen Betrieben). Schwermut, Mühsal des Daseins und das letztlich unveränderbare Wesen des Menschen (der das Leben als großen Schlaf zubringt) springen einen in diesen Gäßchen, auf diesen Uferwegen an. „Our dried voices, when / We whisper together / Are quiet and meaningless / As wind in dry grass...// Unsre dürren Stimmen, / Leis und sinnlos / Wispern sie miteinander / Wie Wind im trockenen Gras...“ (T.S. Eliot, aus: The hollow Men). Und mich wundert, warum ich so heiter bin.

Montag, 17. Januar

Der Pfad zur Argenmündung im Nebel verborgen. Langsam mein Hingehn, mein Nachsinnen und Grübeln. In solchen Augenblicken einer annähernd vollkommenen Stille (und die Rufe der Wasservögel vertiefen die Stille eher, als daß sie ablenken und stören würden) erwacht in mir der Traum einer philosophischen Kirche, die es nie gegeben, die es nie geben, die immer nur erträumt wird. Vor meinem geistigen Auge das Gemälde von Maria Thymann „Indgangsbøn I Eliaskirken“ (Eröffnungsgebet in der Eliaskirche). Auf den Stufen zum Altar sitzt eine illustre Gesellschaft, ins Gebet versunken: zwei alte bärtige Männer, eine alte Frau (die auf einem Stuhl zu sitzen scheint), drei jüngere Frauen und ein Kind (eine der Frauen und das Kind schauen einen aus dem Bild heraus nachdenklich und versonnen an), auf der Kniebank um den Altar hat ein mittelalterlicher Mann, dunkel gekleidet, sich niedergelassen, neben ihm, vor dem Altar steht der Beter, die linke Schulter tiefer fallend; unmittelbar am Altar kniet, zugewandt dem Tisch des Herrn, ein Geistlicher im Ornat. Wann immer ich dieses Bild betrachte (die mir vorliegende Reproduktion), meine ich den Vorbeter über Hegel und Kierkegaard sprechen zu hören, über die Not des Einzelnen, über den absoluten Geist, dessen militärisch-herrschaftliches Abschreiten der Reihen, Entlanggehen an allen Gestalten des Seins, das Mustern der Erscheinungen, der alles durchdringende Blick...Solches Versunkensein ins Gebet entspricht der philosophischen Kontemplation --- und die gedachte wie erahnte Stille der Eliaskirche entspräche der Stille an der Argenmündung, der allertiefsten Stille eines Vogelschreis. Irgendwann kommt das Erwachen und ich spüre, wie viel an Poesie und Geist verlorengegangen (nicht nur in der Kirche, in den Museen und Bibliotheken, in den Universitäten auch, in allen Bereichen des überirdisch in die Brust sich Werfenden und Glänzenden); allein das kommt dem unterirdischen Gedeihen und Reifen neuer Ideen und religiöser Gedanken zugute. Der Pfad zur Argenmündung im Nebel verborgen.

Sonntag, 16. Januar

Ein Sonntagmorgen, ganz versunken im Nebel. Zwei, drei Spaziergänger, als Schemen nur wahrnehmbar, treiben verloren am Ufer entlang. Mose kann Gott nicht von Angesicht zu Angesicht sehen. Gott sagt: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ (Ex. 33, 20). Mose indes darf Gott, nachdem dessen Herrlichkeit an ihm vorübergegangen, hinterherschauen. „So wie ein Schiff durch die Wasser des Weltmeeres dahinfährt und sein Kielwasser hinter sich läßt, so kann Gott nur aus den göttlichen Fußstapfen in der menschlichen Geschichte und an seinen Furchen in den Seelen der Menschen erkannt werden.“ (Hertz, Pentateuch und Haftaroth, Bd.II, S. 389) Ich höre Gott durchs Treppenhaus steigen meiner Atemlosigkeit.

Freitag, 14. Januar

Andrej Tarkowskij zeigt uns in seinen Filmen Menschen, die in einem 'poetischen Zustand' sich befinden (der Stalker im gleichnamigen Film, Gortschakow in „Nostalghia“, Alexander in „Le sacrifice“); es ist ein Zustand äußerster Konzentration, ein Bezogensein des Geistes auf eine andere, verborgene Welt. „Ich sehe es als meine Pflicht an, Nachdenken zu erregen über das spezifisch Menschliche und Ewige, das in jedem von uns lebt. Doch dieses Ewige und Wesentliche wird von dem Menschen immer wieder ignoriert...“ (Tarkowskij, Die versiegelte Zeit, Frankfurt/M. 1985, S.225). Der Gottesdienst gehört zu den Orten, wo der Einzelne „das spezifisch Menschliche und Ewige“ zu finden vermag. Es sind die Gesänge, es ist das Schweigen um den Altar. Es ist die Poesie einer Predigt. Es ist die Verneigung vor einem Toten, es ist das Taufwasser, das auf die Stirn eines Kindes gelegt wird. Solange wird die Erlangung des poetische Zustands (der auf ganz besondere Weise in den FOUR QUARTETS von T. S. Eliot ausgedeutet wird) den Menschen verunmöglicht sein, wie ihnen der Kosmos der Gottesdienste (die Verehrung) fremd. Dem gottesdienstlichen Menschen erscheint die Poesie als vertrautes Gut. Poesie birgt in sich das gottesdienstliche Moment, das unter der alltäglichen Welt sich verbirgt (als ob man einen Feldstein aufheben und darunter die winterstarre Schlange finden würde). Der Stalker, Gortschakow und Alexander sind gottesdienstliche Menschen (und insofern Zeugen des Christus).

Donnerstag, 13. Januar

Besuche in Häusern der Tränen; Aktenstudium, die Vorbereitung auf zwei Trauergottesdienste morgen, gründliche Lektüre der FOUR QUARTETS (Burnt Norton), Nachdenken über das Gelesene (jenes geheimnisumwitterte Kreisen um etwas, was ich den POETISCHEN ZUSTAND nennen möchte); Gespräche mit vielen Menschen heute, ohne daß auch nur ein einziges leeres, nichtssagendes, nichtiges Wort gefallen wäre. Ob in der Metzgerei, im Café, an diesem oder jenem Straßenrand --- wir haben über tiefe Dinge gesprochen und ich erkenne einmal mehr die Erschütterung, die mich erfaßt, angesichts der Tatsache, daß fast alle Menschen im Nietzsche'schen Sinne tief sein können (und es doch wiederum so selten sind). Am späten Abend das Hingehn unter dem denkbar schönsten Regen. Ich war nahe daran, auszurufen: „Niemals zuvor hat es vergleichbar festliche Regenstürze gegeben; und nie mehr werden solche Regen von ergreifender Schönheit auf meinen flüchtig und krumm ins Haar geschriebenen Scheitel fallen.“

11. Januar

Von ergreifender Schönheit die Nacht überm See. Das Tuch der Himmel aus Regendunkel gewoben und hellem Grau. Nicht, daß ich hinspazieren würde – „es“ spaziert dahin. Mein Hingehen ist ein unausprechliches Seufzen. Ich war vertieft gewesen gut zwei Stunden lang in die „Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bass-Solo und Orchester“ („Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“) von Bernd Alois Zimmer-mann. Nunmehr saß ich, in mich selbst versunken, auf einer Bank am Ende des Landestegs. „Auch der reichste Geist hat gelegentlich den Schlüssel zu der Kammer verloren, in der seine aufgespeicherten Schätze ruhen und ist dann dem Ärmsten gleich, der betteln muß, um nur zu leben.“ (F.Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches II, Nr. 375). Morgen werde ich sehr früh aufstehen und nach Friedrichshafen fahren und Unterricht halten müssen. Bedenke, was morgen geschehen wird, wenn feinste Schichten Frost gekratzt werden von Wolkenoberflächen; was darunter an rosafarbener Frühe und krähenzerkrächzter Pracht wird kommen an den Tag.

10. Januar

Den Tag in Augsburg verbracht. Nachts, nach der Rückkehr, die innere Stimme, die mich ans Ufer gerufen des Sees. Das Gedränge in der Augsburger Bahnhofstraße - die Stimmgabel nunmehr der Wasserfläche, der Kammerton eines Hineingerufenseins in Einsamkeit. Es ist nicht kalt, aber die Hände frieren bitterlich (als ob sie bluten würden); die Hände sind Kammerzofen, die mich durch den Tag geleiten, indem sie den Stift halten und die schönen Buchstaben malen aufs Blatt („wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken , und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.“ (Joh.21, 18b)

8. Januar

Lange über der Predigt für den morgigen Sonntag gesessen; dabei mich verloren im Studium spätbabylonischer Siegel des 6. Jhs.a.; u.a.Nachsinnen über Repräsentationen von Marduk, Nabu und Nusku. Der Frage auch nachgegangen, inwiefern heute (in der Spur von Jes. 8) Totengeist-befragung und Beschwörung der Toten von Bedeutung --- inwiefern das Leben der Heutigen ganz der Aufmerksamkeit des Grabes gewidmet und die hohe Schau der Totenauferstehung verloren. Es „wird ihnen kein Morgenrot scheinen“ - wäre denkbar, daß Schwermut und Verzweiflung in diesen Tagen gar nicht herrühren von der Demütigung im öffentlichen Leben, von der Sorge um die Sicherheit des Geldes, der Angst vor Naturkatastrophen, vielmehr vom Nichtglaubenkönnen ans Ewige Leben? „So wendete die Sonn ihr Antlitz weg / Und ihren Wagen aus dem ewigen Gleise./ ...Viel Taten des verworrnen Sinnes deckt / Die Nacht mit schweren Fittichen und läßt / Uns nur in grauenvolle Dämmrung sehn.“ (Goethe, Werke, Hamburger Ausgabe, München 1981, Bd. V, S. 74f.)

 

5. Januar

Nach den Gutachten der Experten, den so oft vernommenen, den Stellungnahmen der politischen Welt, laßt uns auf die Stimme hören des isländischen Dichters Sjón : „die weltwirtschaft wird von einem riesengroßen kind gesteuert“ - Wort das an Heraklits Fragment Nr. 52 denken läßt: „ Die Lebenszeit ist ein Knabe, der spielt, hin und her die Brettsteine setzt: Knabenregiment!“.

3. Januar

Staunen darüber, daß die Festtage, die vielen schönen, poetischen Gottesdienste, bereits wieder vorbei. Jeder Gottesdienst ist im Kern, weil geistüberglänzt und 'überflüssig', poetisch. Ohne Gottesdienste würde ich das Leben wahrnehmen als leeren Schrank; wir würden nackt befunden, verfügten über keine Kleider. Gottesdienste sind die schönsten Wintermäntel (weil Mäntel die wertvollsten Kleidungsstücke überhaupt, und es spricht Bände, daß der klassische Mantel in diesen Tagen eher selten zu sehen ist in den Straßen; die Zeitgenossen ziehen es vor, kürzere Winterjacken zu tragen). Gottesdienste adeln den Geist. Gottesdienste sind ewiger Schneefall und Ufer der Zeit in einem. Sehnsucht nach tiefen, stillen (nahe am Schweigen wohnenden), einsamen Gottesdiensten, Sehnsucht nach großem Stil („Der große Stil entsteht, wenn das Schöne den Sieg über das Ungeheure davonträgt“, Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches II, Nr.96). Der Gottesdienst ist ein Gedicht. Das Gedicht ist ein Gottesdienst.

 

Sonntag, 2. Januar

Ich beobachte an mir die Abneigung, Texte zu datieren. Das Datum will mir als Versuch erscheinen, in den Fluß der Zeit Pfähle zu rammen, zu markieren, Orientierung sich zu verschaffen. Ich habe seit jeher das graue Strömen, das Sich-Hinwälzen alltäglicher Flut, feiertäglichen Unterbrechungen gegenüber vorgezogen. Ich habe nach dem Besonderen stets im Beliebigen, Gemeinenen, im Taubengrau der Nachmittage gefahndet. Der Gottesdienst der Augen will mir als besonders wertvoll erscheinen: die Feier der Christusgegenwart im Ried, das Wahrnehmen der Christusherrschaft beim Trinken einer Tasse rostfarbenen Tees, beim Rauchen, beim Hinüberschauen zu den Stiefelschäften der Berge --- die Christusfeier also ohne besonderen Anlaß und ohne Altar; bzw. vor jenen Altären, welche an müde durch den Garten streichende Tiere erinnern. Die „logikä latreia“ (den „vernünftigen Gottesdienst“ nach Rm.12,1) deute ich seit einem Vierteljahrhundert als Begabung, das Durchscheinen der anderen Welt leisen Schneiens durch die vermauerte Gegenwart der Zifferblätter wahrnehmen zu können. Dazu ein Notiz, auf die ich, ein wenig gelangweilt vor mich hinblätternd und lesend verlorenen Blickes, in einem meiner Notizbüchlein gestoßen: „Neckars einsames Fließen. Die Zeit der Menschen hat etwas Mechanisches – insofern, als sie in unzerstörbarer Stetigkeit den einzelnen, durch das Tor des Sterbens, dem je eigenen Tod ausnahmslos entgegenführt. Das Fließen des Neckars dagegen ist ein Aufstand gegen jene immerzu in den Tod einmündende Zeit der Sterblichen. Das Fließen des Neckars ist wie ein Umgraben der dunkelstündigen Uhr, das Suchen nach einer anderen (möglicherweise messianischen) Zeit. Die Stimme dieses Flusses will das Verwurzeltsein im Herkunfts-Raum des homo viator keineswegs verleugnen. Der Neckar hat seinen Ort in der modernen Großstadt, der Neckar und Stuttgart gehören zusammen...Das Denken des Neckars ist eine einzigartige Auseinandersetzung mit Literaturtheorie und Philosophie. Die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands bilden den Hintergrund, vor der eine verlassene, durch die Trostlosigkeit der Moderne wandernde Stimme, unterm Schutt der Sprache, die verstorbene Schwester, die Schechina (das ist die ‚Einwohnung’ Gottes im Irdischen), nachtlang sucht, bzw. flieht.“ (Eintragung ohne Datum).