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10.4.2020 : 2:12 : +0200

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"Im Unglück sieht man die Wahrheit klarer." Fjodor Michailowitsch Dostojewski 

"Sobald Chaos und Unheil heraufziehen, fahren die ersten Wirbel unter die Vernunft und lösen sie aus ihren geschickten Verhaftungen." Botho Strauß 

 

Donnerstag, den 9. April 2020

Direkt neben einem Haus, in welchem ein Mensch mit dem Tode ringt, als stiller Tröster ein herrlich blühender Magnolienbaum. Erinnerungen an den Blüten-Regen im Maulbronner Kloster-Geviert... Und heute auch an Trakls Verszeile: "Es wohnt in Brot und Wein ein sanftes Schweigen..."

Sonntag, den 5. April 2020

„Geduld destilliert man aus viel Erduldetem. Man wartet geduldig, man erkrankt geduldig, man erzählt geduldig, ja man weint sogar geduldig.“ (Botho Strauß)

Dies gelesen, wird man darauf gestoßen, dass es in diesen Tagen immer mehr an  Geduld zu fehlen scheint. Mit Händen zu greifen der immer dringender werdende Wunsch, die Virus-Zeit möge doch bitte jetzt bald vorbei sein und schleunigst aus unserem Leben verschwinden!

Ich sehe mich nun nicht in der Lage, über das Urteil der Virologen und Mediziner und die Entscheidungen der Politik meinerseits ein Urteil abzugeben: Um hierfür berechtigt zu sein, müsste ich – und im Voll-Sinn dieses Wortes - ein Urteil abgeben können. (Das Missliche ja an vielen Verlautbarungen und Aburteilungen, dass Menschen sich allein schon dadurch dazu befähigt sehen, dass sie ihnen leicht über die Lippen gehen.) Ich bekenne indessen offen und frei: Ich kann es nicht! Und ich weiß deshalb also nicht, ob die nun recht haben, die zur Geduld mahnen. Oder diejenigen, die zu mehr Ungeduld aufrufen. Aber ich nehme wahr, dass die wachsende Ungeduld doch etwas hat von einem kleinen Kind, das trotzig und laut das ihm vermeintlich Zustehende einklagt: „Ich will aber…“  

Ich bemerke weiter, wie schnell man erschrocken bereit ist, dem trotzigen Kind von allen Seiten beizuspringen: Wenn man ihm schon nicht das Gewünschte reichen kann, dann beeilt man sich, das arme Kindlein wenigstens mit Ersatzangeboten und Surrogaten zu beschwichtigen. (Ich muss gestehen, dass ich auch manches, was von Seiten der Kirchen den eigenen Gemeindegliedern – aber sind das trotzige, kleine Kinder? – schnell, schnell nahezubringen gedenkt, als ein solches erschrockenes Beispringen betrachte…)

Noch einmal: Nicht geht es mir um das Recht oder Unrecht bestimmter Maßnahmen. Ich meine nur zu bemerken dieses Ermangeln jeglicher Geduld…

Könnte es also sein, dass man später, wenn man mit dem Abstand von Jahrzehnten und Jahrhunderten auf unsere Zeit blickt, weniger von der Epoche einer immer atemloser sich vollziehender Beschleunigung sprechen wird? (Ohne damit der Zeitdiagnostik Paul Virilios in jeder Hinsicht widersprechen zu wollen!) Sondern vom Zeitalter der Ungeduld?  Von einem Zeitalter, dessen Erkennungszeichen es ist, dass es nicht nur die Widrigkeiten des Daseins nicht mehr ertragen will? Sondern sie auch schon nicht mehr ertragen kann?

Dafür spräche, dass sich die Ungeduld längst nicht nur auf die groß-schicksalshaften Anschläge aufs Leben bezieht. Sondern bereits auf alles, was man schlicht und einfach als unangenehm empfindet. Es also schon längst nicht mehr geht um den sisyphoshaften Aufstand gegen das Leid im Sinne Albert Camus. Oder mit Elias Canetti um den Protest gegen den Tod. Sondern darum, dass man grundsätzlich nichts mehr zu erdulden bereit ist. (Psychologisch gesprochen: Die Frustrationstoleranz tendiert, egal ob im Beruf oder im privaten Leben, gegen Null.) Indem man aber den kräftezehrenden Marsch durch die Wüste möglichst von Anfang an verweigert, ihn in keinster Weise anzutreten gewillt ist, wird zugleich – um wieder Botho Strauß aufzunehmen – jenes edle Destillat mit Namen ‚Geduld‘ verunmöglicht. Dafür gießt man sich den billigen Schnaps jener Larmoyanz ins Glas, die schon beginnt zu klagen, bevor sie überhaupt angefangen hat, irgendetwas zu ertragen… Also die Geduld das einzige, was in einer Zeit, der alles möglich ist, immer unmöglicher wird?

Der Seher-Blick von Botho Strauß öffnet indessen, indem er so zu fragen Anlass gibt, auch die Augen für den heutigen Palmsonntag, den Ritt Jesu durchs Stadttor von Jerusalem, den Eintritt in den innersten Kreis der Passionszeit: Unmöglich jetzt nicht zu sehen, vor allem mit welcher Geduld der HERR das Kreuz und alles mit dem Kreuz Verbundene und alles mit ihm ans Kreuz Geheftete ertragen hat!

Paul Gerhard hat also recht, hier ein zentrales - unbedingt mit Bachschen Chorälen zu hörendes - Leitmotiv der Passionszeit zu bemerken und zu benennen: „Nun, was du, Herr, erduldet…“

Freitag, den 3. April 2020

Mit Ernst Jünger unterwegs auf Waldgängen. (Selbst wenn am See sich die Wälder sehr kümmerlich ausnehmen verglichen mit jenen Waldgängen, wie sie im Schwarzwald möglich waren. Was allerdings keine Rolle spielt: Schließlich sind die ‚Waldgänge‘, die mit Ernst Jünger unternommen werden, ohnehin – und im Doppelsinn des Wortes - von anderer Natur.)

Ich meine, kaum ein Autor – vielleicht noch Friedrich Nietzsche, was die Intensität der Auseinandersetzung angeht? - ist mir je so nahegestanden wie er. Zwar sind solche Selbsteinschätzungen immer jenen besonderen Trübungen unterworfen, die für jede biographische Betrachtung gelten: Man ist sich selbst ja nicht nur der Nächste, sondern auch – und vielleicht noch mehr - der Fernste. Dass ich dennoch an dieser Selbstansicht festhalte, hat nicht nur mit der langen Zeit, die ich lesender-weise mit Jünger verbracht habe (wie viele Nachmittage, Abende und Nächte!), zu tun. Nicht nur mit der Fülle der Einsichten, mit denen er mich beschenkt und schließlich geprägt hat. Sondern mit der Ausbildung jenes Wurzelgeflechts, das sich im Seelisch-Unterirdischen (nicht einfach nur Unbewussten!) bildet und dem üblichen Wach-Bewusstsein sich entzieht. Dem man vielmehr ansichtig wird in seltsamen Träumen und Begebenheiten.

Die vielleicht Tiefste davon am Dienstag, den 17. Februar 1998: In den Wochen, Monaten und Jahren davor hatte ich – ich erinnere bewusst noch einmal daran - mit dem Werk Jüngers geradezu gelebt. Gegen Abend von einer Pfarrerfortbildung heimgekommen, schalte ich den Fernseher an, um die Nachrichten des Tages zur Kenntnis zu nehmen, bevor ich mich zu einer Gemeindeveranstaltung begeben wollte. In dem Augenblick, in dem ich den Einschaltknopf des Gerätes betätige, fährt in mich wie ein Blitzschlag die Erkenntnis: „Heute bringen sie die Nachricht, dass Ernst Jünger gestorben ist.“ Und es war dann auch in der Tat gleich die erste Meldung…

Ich weiß noch, wie mich einerseits höchstes Erstaunen ergriff. Andererseits aber auch ein Empfinden dahingehend, dass ich mich selbst doch am wenigsten über dieses innere Wissen wundern sollte: „Du hast doch mit ihm gelebt…“

Zwei zentrale Hinterlassenschaften Jüngers – auch sie gehören für mich zu den Zeitzeichen dieser Tage:

„Die Überwindung der Todesfurcht ist zugleich die Überwindung jedes anderen Schreckens: sie alle haben nur Bedeutung hinsichtlich dieser Grundfrage“. Jünger hat die Überwindung der Todesfurcht als die Grundaufgabe jeder Religion begriff, und zugleich auch als eine Art von Barometer, mit dem sich messen lässt, wie es um die Kraft einer Religion bestellt ist. Ebenso wie umgekehrt das – erst recht massive - Aufkommen von Ängsten jedweder Art anzeigt, wie es mit dem Glauben (bzw. mit der Gottlosigkeit) einer Gesellschaft bestellt ist…

Jünger, dieser nächtliche Turmwächter, hat schon Krisenzeiten ausgemacht, Vorgänge gesichtet, als die späteren Krisenmanager noch im Bett den Schlaf der Gerechten schliefen! (Dass man ihn im Nachhinein auch noch als Verursacher brandmarken wollte, hat ihn zu der süffisanten Bemerkung veranlasst: „Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen ein.“) Dennoch wird man ihm am wenigsten gerecht, wenn man ihn als Dunkel-Propheten begreift: „Die Rettung hat sich in meinem Leben oft wiederholt. Das kann kein Zufall sein.“  Dieses tiefe Bewusstsein eines letzten Bewahrt-Bleibens. Damit verbunden die Erkenntnis, dass dieses Bewahrt-Bleiben nicht nur geglaubt werden muss, sondern wahrgenommen werden kann: Warum? Weil es sich Tag um Tag ereignet. Recht besehen, bleibt das Unglück die Ausnahme. Selbst dort, wo es scheinbar eintrifft, der Blitz einschlägt und das Haus in Flammen steht, findet es letztlich nicht statt. Denn dann tritt nur eine andere Form von Bewahrung auf den Plan: Zwar brennt das Haus, aber die Bewohner sind längst gerettet, haben längst in einem anderen Haus Zuflucht gefunden.  

Wer muss also Furcht vor dem Tod haben, wenn er von diesem Bewahrtsein weiß? Und: Wer muss überhaupt Angst haben, wenn einer davon Ahnung hat? Wieder die Frage nach der ‚Überwindung der Todesfurcht‘: Der Kreis schließt sich…

Mittwoch, den 1. April 2020

Drei Gedichtzeilen, Zeitzeichen - womöglich wie keine anderen sonst in diesen Tagen: 

"Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander"... (Hölderlin) Täuscht der Eindruck? Oder haben die Gespräche dieser Tage nicht doch eigentümlich an Tiefe gewonnen? Als müssten wir, Reben gleich von kargem Boden gezwungen, ins Erdreich der Seele hinab und uns ungeahnten Gesteinsschichten zugraben. Und als brächten die Worte, kostbar und dicht geworden und angereichert mit salziger Mineralik, nunmehr schweren, würzigen Wein hervor: Wein, welcher es nicht verdient, besinnungslos herabgestürzt zu werden, sondern danach ruft, das nach Sehnsucht duftende Kaminfeuer der gegenseitig sich beflügelnden Gedanken zu entzünden...

"Du mußt dein Leben ändern." (Rilke) Kaum ein Satz zuletzt so oft vernommen wie diesen hier: "Es konnte und kann ja nicht so weitergehen wie bisher!" Und ich vernehme darin nicht nur ein Erschrecken oder ein Schuldbekenntnis, so wie sich einer auf einmal vor den Scherbenhaufen seines Lebens gestoßen sieht. Sondern seltsamer noch, als käme uns, indem uns die Bürde des Virus auferlegt wird, auf einmal zu Bewusstsein, welch andere Last uns diese Tage von den Schultern genommen. Die Bürden, die wir Tag um Tag, Jahr um Jahr besinnungslos zu tragen gewohnt sind. Jenen im Kleid der Normalität einherschreitenden Wahnsinn... In unseren Ohren jetzt also der Gesang von Psalm 90: "Darum fahren alle unsere Tage dahin durch deinen Zorn; wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz." Und der Ruf, den Rilke vom archäischen Torso des Apollo her enpfangen.

Wird die Welt nach Corona eine andere sein? Manche, etliche glauben es. Sind sich sogar darin sicher. Ich erinnere indessen, wie das mittlerweile hochbetagte, bis heute geistig bewegte Schömberger Fräulein (für sie ein Ehrentitel!), welches in Basel zu Füßen Karl Barhs dessen Vorlesungen gelauscht, des öfteren von der Stimmung unmittelbar nach dem Kriegsende berichtet hat: Die Kirchen voll, die Menschen geistlich ergriffen und von der inneren Gewissheit getragen, sie seien Zeugen einer großen geistigen Zeitenwende. Alle erfüllt vom Glauben, sie würden für immer einer anderen, neuen Ära angehören. Und sie alle wären Empfänger und Besitzer einer Wahrheit, die nimmermehr verloren gehen könne. Und ich höre die alte Dame nach ihrem Erzählem und sich im Zeitalter des real existierenden Materialismus wiederfindend resigniert aufseufzen: "Was ist nur von diesem Aufbruch der Nachkriegszeit geblieben?"

Ich erinnere weiter den Schuldekan, der - und dies ist so lange nicht her - nach dem Amoklauf von Winnenden der festen Überzeugung anhing, dass nach diesem erschütterndem Schicksals-Datum unabänderlich nicht nur die Schul-Welt verändert wäre. Ich weiß es nicht, vermute aber doch, dass er diesem Glaubem mittlerweile abgeschworen hat...

Für mich bleibt fraglich, ob und was diese Wochen nicht nur anrichten, sondern vielleicht auch bewirken werden. Über unserem Haupt also nicht nur das Damoklesschwert des Virus, sondern ein 'Wir wissen ja nicht', das wir indessen nicht anstarren sollten, als stünden wir einer mit ihrem Blick uns alle zu Stein verwandelnden Medusa gegenüber. Ach, wie klar und tröstlich die Gedicht-Zeilen der Inger Christensen:

 "wie ein vogel der / unsichtbar erwacht / und um mitternacht / sein ungeborenes junges füttert / wenn niemand wissen / kann ob die dinge / so wie sie sind / weitergehn 

 

Sonntag, den 29. März 2020

Heute ist Ernst Jüngers Geburtstag. Welcher in diesem Jahr mit einem Jubiläum einhergeht: Vor nunmehr 125 Jahren wurde der Schriftsteller, der bis heute zumeist mit dem Attribut ‚umstritten‘ bedacht wird, in Heidelberg geboren.

Ich teile indessen die bereits anlässlich von Jüngers hundertstem Geburtstag zum Ausdruck gebrachte Überzeugung des - freilich ebenfalls durchaus umstrittenen - Autors Botho Strauß: „Die Epoche der deutschen Nachkriegsliteratur wird erst vorüber sein, wenn allgemein offenbar wird, daß sie vierzig Jahre lang vom Jüngerschen Werk überragt wird. Er ist nach dem Krieg der Vergegenwärtiger, der Gegenwartsautor schlechthin gewesen.“

Einzige Korrektur: Jünger ist für mich noch immer der Gegenwartsautor. Kaum ein anderer hat den menschlichen Titanismus, die Mechanismen und die Folgen der Selbstverzauberung durch die Technik, die sich selbst überhebende Turmbau-Mentalität der Moderne so klar erkannt und benannt wie Ernst Jünger.

(Der These Max Webers, die Moderne und ihre Rationalität brächten eine Entzauberung mit sich, hätte Jünger - soweit ich sehe, hat er sich nie explizit mit ihr auseinander gesetzt - deshalb nur mit Blick auf Religion und Kunst zugestimmt: Allein hier findet sie statt. Dies allerdings auf der Grundlage einer anderen, viel gründlicheren Verzauberung: der titanischen und ihrer Umwertung aller Werte...) 

Auf die Möglichkeit angesprochen, dass er vielleicht als ein Autor in die Geschichte eingehen werde, der in drei Jahrhunderten zu Hause war, soll der 1895 geborene Jünger, der die Vernichtungsszenarien des 20. Jahrhunderts durchschritten und überlebt hatte und  nun als noch immer rüstiger Greis auf die Jahrtausendwende zuging, übrigens zurückhaltend, ja abweisend reagiert haben: Drei Jahrhunderte zu erleben, überschreite das menschliche Maß. Schon eine diesbezügliche Erwartung zu hegen, sei als Hybris zu werten. Seinem Tod im Februar 1998 wird er deshalb kaum überrascht entgegengesehen haben.

Überrascht hätten ihn aber die vielen Stimmen, welche die gegenwärtige Krise durch die rasante, weltumspannende Ausbreitung des Virus als Antwort (der Natur? Gottes?) auf eben diese titanische Ausbeuternatur, die zerstörerische Überheblichkeit des Menschen deuten. (Kaum ein Gespräch in den letzten Tagen, in dem ich nicht darauf verwiesen würde!) Nicht, weil Jünger ihnen die Zustimmung verweigert hätte. Im Gegenteil, der Autor hat ja in der Natur mitnichten nur Materie und erst recht nicht Material erblickt: Für Jünger war die Natur vielmehr eine durchaus subjekthafte Wesenheit, die deshalb Prozesse nicht lediglich erleidend über sich ergehen lassen muss, sondern sie über Jahrhunderte, in gleichsam epochalen Atemzügen, auf den Weg bringt und gestaltet: Ja, die Natur antwortet! Und zuweilen zwingt sie den Menschen auch, Fragen zu stellen...

Überrascht hätte Jünger allerdings, dass diese Stimmen so zahlreich zu vernehmen sind. Daraufhin hätte er inständig gehofft, dass sie sich nicht bloß einer Katastrophenstimmung verdanken: Denn der menschliche Titanismus kann letztlich nicht nur durch Katastrophen ans Ende geführt werden. (Freilich auch dies: Dementsprechend hat Jünger bereits den Untergang der Titanic im Jahr 1912 als prophetisch-epochales Zeichen gedeutet.) Sondern er muss auch geistig zu Ende gedacht, zu Ende gebracht werden. Also vor allem dadurch, dass der titanische Zauber - wie er übrigens noch immer zu studieren ist anhand der kindlichen und jugendlichen Faszination durch die virtuellen, computeranimierten Welten – nicht mehr wirkt, nicht mehr verblendet...

In diesem Sinne könnte das über 20 Bänden umfassende Jüngersche Œu­v­re als Ausformulierung und Variation des einen apostolischen Zurufs verstanden werden: Ihr törichten Galater! Wer hat euch nur verzaubert?“ (Gal 3,1)

 

Freitag, den 27. März 2020

Eine Probe zu Anton Bruckners 9. Symphonie mit den Müchner Philharmonikern unter der Leitung des Dirigenten Sergiu Celibidache.

Erinnerungen daran, dass ich die Sommerferien 1996 am Bodensee verbrachte, am Ufer entlangfuhr mit ein paar Fläschchen vom Weingut Aufricht in den Fahrradtaschen. Vor allem aber voller freudiger Erwartung, den auch von mir verehrten Maestro in wenigen Wochen endlich in einem Konzert erleben zu dürfen: Der in München wohnende Bruder hatte mir eine erst sehnsüchtig erbetene und schließlich überglücklich bedankte Eintrittskarte zukommen lassen. Dann - noch immer am Bodensee weilend - die unfassbar über mich hereinbrechende Nachricht, dass Celibidache in seiner Mühle in La Neuville-sur-Essonne plötzlich verstorben sei. Und auf einmal sorgte das Billett für den Eintritt in den Münchner Gasteig, um dem Gedächtniskonzert beizuwohnen, mit dem die Philharmoniker ihrem großen Meister die Ehre erwiesen: Gespielt wurde - etwas anderes konnte es nicht sein - Bruckners letzte Symphonie 'an den lieben Gott'. Ich meine, Zubin Mehta nahm damals zwar am Dirigentenpult Platz, aber die geistige Leitung hatte - kein Augenblick, in dem daran hätte Zweifel aufkommen können - der inne, dem dieses Konzert gewidmet war: Dieses Konzert auch deshalb ein Schatz eingesenkt im Ackerboden meiner Seele...

Am gestrigen Abend bewegte mich indessen diese tief-verehrende Hingabe des Dirigenten an den Brucknerschen Kosmos: In dieser Probe gab es nichts anderes als eben nur diese 9. Symphonie, zwar pausenlos durchsetzt von Unterbrechungen und Wiederaufnahmen des musikalischen Fadens, aber doch einen inneren Bogen spannend. So wie es Celibidache selbst benannt hat: Eine Probe bestünde aus vielen Tausend Neins, aber dies nur, um zu dem einen Ja zu kommen, in dem einzig und allein ein Musikstück und erst recht eine Symphonie von Anton Bruckner entstehen, sich ereignen könne. (Deshalb auch seine Ablehnung jener geläufigen Überzeugung, die in einer Aufführung nur die Interpretation eines Musiksstücks sehen will: Wie soll auch ein solches Ja, dieses 'So ist es', nur eine Interpretation sein können?  Dann wäre auch jedes liturgisch gesprochene Amen lediglich ein Interpretament...)

Gerade diese innere Hingabe sorgte aber auch dafür, dass sich trotz dieser Bruckstückhaftigkeit, trotz dieser Zerrissenheit, die mit einer Probe einhergehen muss, die geistig-spirituelle Welt abbildete, in welcher Bruckner mit seinen Klang-Sternen die Sonnen des göttlichen Universums umkreist, mit der Kelle des Staunens aus dem Ozean Gottes schöpft, anbetend niedersinkt vor der unendlich erhabenen, divinen Majestät.

Eine geistige Welt angesichts derer - es lässt sich nicht anders sagen - der Großteil der Fragen, die uns derzeit beschäftigen, sich wie Lappalien ausnehmen: Ahnlich wie bei Bach wird einem in höchster Intensität der Geschmack fürs Unendliche zuteil. Bekommt man, wie eine Frau im Schoß ein Kind empfängt, die Ahnung in die Seele gelegt, dass vor dem Angesicht Gottes selbst der Tod nur eine lächerliche Lappalie ist...

Léon Bloy, dieser von solcher Ahnung beseelte katholische Erzanarchist, konnte deshalb einmal bemerken: der Tod sei nicht viel mehr, als wenn man Staub von einem Möbelstück wische...

Ja, worüber machen wir uns eigentlich Gedanken? Nur eine Probe von Bruckners 9. Symphonie - und schon ist die Frage aller Fragen gestellt: "Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?" (Mt 14, 31)

Donnerstag, den 26. März 2020

Es ist wieder kalt geworden. Scharfer, schneidender Eiswind in den Obstgärten und auf den Feldern erinnert eher an den Herbst als ans Frühjahr. Selbst die Sonne lächelt sehr kühl auf uns herab, verweigert ihren Strahlen jeden Anflug warmer Zärtlichkeit. Über den Tag sind noch dazu müde Wolken aufgezogen. Wer zuletzt darauf gehofft hat, der Frühling gäbe endlich einen gebührenden Einstand, sieht sich getäuscht.

Als fügte sich die Natur ein - zwar auf ihre Weise, aber doch voller Mitleid (das Seufzen der Kreatur in Röm 8!) - in das Schauspiel jener Menschenwelt, in der jede Veranstaltung ausfallen muss: Auch der Frühling hat nun also seine Vorstellung vorerst abgesagt...

Dienstag, den 24. März 2020

Viele Gespräche kreisen um das 'Warum' dieser Krisenzeit. Offensichtlich gibt es weithin ein untergründiges Empfinden, dass diese Zeit nicht einfach nur über uns hereinbricht, nicht einfach nur 'geschieht', sondern vielmehr uns etwas zu sagen hat, eine Botschaft überbringt. Das Ereignis selbst: nur ein großer Briefumschlag, den es öffnen gilt...

Wenn die gegenwärtige alttestamentliche Wissenschaft recht hat, dann war die Zerstörung Jerusalems im 587 v. Chr. und die Verschleppung ins babylonische Exil die eigentliche Geburtsstunde Israels, der eigentliche Ursprung jener biblischen Bücher, die später zur  Heiligen Schrift des Judentums wurden. Das Alte Testament: im Grunde ein einziges großes Kreisen um diese Katastrophe, ein Versuch, den Umschlag zu öffnen, den darin enthaltenen Brief zu lesen und dessen Botschaft zu verstehen. Und weiter noch: einzelne Bruchstücke dieser Briefzeilen sogar noch in Ereignissen und Botschaften vor jenem Sturz von Jerusalem zu entdecken. So enthüllt sich dem Volk Israel erst Jahrhunderte später das Geheimnis der Prophetie, das Geheimnis des "Co amar Jahwe..., so spricht der HERR."

Das Werden des alttestamentlichen Schrifttums hätte also durchaus Züge der Philosophie Hegels: Auch Hegel war davon überzeugt, dass man erst im Nachhinein, erst spät am Abend, wenn der Tag sch vollendet hat, also unmittelbar vor dem Einbruch der Nacht, den Briefumschlag zu öffnen vermag und zu verstehen beginnt, was ein Ereignis wirklich bedeutet: "Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."

Darin übrigens einig mit Kierkegaard. Nur dass der darum wusste, welche inneren Kämpfe, ja welche Tragik damit verbunden ist, wenn man stets auf das 'D a n a c h' zu warten hat: "Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muß man es aber vorwärts." 

Derzeit bleibt uns nichts anderes, als vorwärts zu leben: Wir rütteln an den Ereignissen. Und ahnen und vermuten. Und ahnen wiederum, dass alles nur eine Vermutung ist. Weil das Geschehen sein Geheimnis noch nicht enthüllt. Und rütteln doch erneut an den Ereignissen...

Sonntag, den 22. März 2020

Ist es nur Einbildung oder ist es tatsächlich so, dass der sonntägliche Ruf der Glocken in einer anderen Intensität als sonst zu vernehmen ist? Jener Ruf, der urplötzlich, von einer Woche zu nächsten, nicht mehr den einladenden Auftakt, das Eingangstor zum Gottesdienst bildet, sondern vielmehr dessen 'Fehl' verkündet: also eine Tür öffnet, hinter der sich die große Leere auftut? 

Vielleicht ist dies so, weil an die Stelle der Gewohnheit die Wehmut tritt? Und der Gottesdienst auf den Flügeln der Wehmut sich erhebt über jene Routine, die Rilke als die große Leere inmitten scheinbarer Fülle beklagt hat (die Kirche "reinlich und zu und enttäuscht wie ein Postamt am Sonntag".) Der Gottesdienst gerade durch sein Nicht-Stattfinden eine ungeahnte Adelung erfährt?

Das wäre dann ein Beispiel für jene seltsame Dialektik von Gegenwart und Abwesenheit, die darin besteht, dass gerade das, was man vermisst, weit stärker 'präsent' sein kann als das, worüber man in gewohnter, regelmäßiger Selbstverständlichkeit verfügt. In dieser Dialektik kann sich also die Leere, der schmerzlich empfundene Mangel gleichsam unter der Hand in eine ungeahnte Fülle verwandeln... 

So auch heute morgen: Weil man vor dem inneren, geistigen Auge die vielen gefalteten Hände vom Glockenklang gleichsam versammelt sieht, wird das Geläut plötzlich zu einem Geleit: vieler Bitten, die der Gesang der Glocken zu einem einzigen Gebet verdichtet hat, das nun wie unsichtbarer Opferrauch aufsteigt zum Himmel...

So betrachtet, wurde - und vielleicht sogar feierlicher als sonst - tatsächlich heute morgen Gottesdienst gefeiert. Und noch dazu ganz im Sinne Ernst Jüngers, für den das Gebet die unzerstörbare Essenz jedes Gottesdienstes, ja überhaupt jeder Religiosität darstellte: "Von allen Domen bleibt nur noch jener, der durch die Kuppeln der gefalteten Hände gebildet wird. In ihm allein ist Sicherheit."

Freitag, den 20. März 2020:

Das über uns hereingebrochene Unglück wirft uns auf uns selbst zurück, führt uns in die Vereinzelung.

Im Grunde liegt darin nichts Besonderes. Jeder etwas kräftigere Schicksalsschlag zeitigt dies: Der von ihm Getroffene nimmt dann ein 'Ausgesondert-Sein' wahr, welches einen Abstand schafft zu denen, die verschont geblieben sind. Was bedeutet: Auch wenn noch so viele sich um 'unsern Hiob' scharen, um ihn zu trösten, und alle die tiefe Überzeugung hegen, der Unglückliche sei doch eingebettet in ihre verständnisvolle Gemeinschaft, brennt jenem das Mal einer unaufhebbaren Einsamkeit auf der Stirn... Nur dass in der bösen Zeit, die wir gegenwärtig erleben, nun eben alle mehr oder weniger getroffen sind, alle ein klein wenig den Anhauch der Einsamkeit verspüren, weil die Fluchtwege in die sonst gelebte - auch gottesdienstliche - Gemeinschaft weitgehend versperrt bleiben.

Kierkegaard allerdings hätte ein solches Ereignis nicht beklagt, sondern geradezu als Glücksfall, ja mehr noch: als gnädiges Gottesgeschenk, gefeiert und gepriesen. Genauso wie er in unserer Epoche - und anders als die meisten heutigen Denker - nicht ein Zeitalter des Individualismus erblickt hätte, sondern gegenteilig eine Ära eines höchsten Individualitäts-Verlustes: Denn die bloße Tatsache, dass einzelne Menschen die Dinge weitgehend für sich selbst entscheiden und regeln können, macht sie noch lange nicht zu Individuen. Sie gibt die Menschen allenfalls der Illusion der Individualität anheim. In Wahrheit sind sie aber "immer von sich selbst abwesend und niemals präsent“

Ausgesondert und in die Einsamkeit geführt zu werden: Das kann auch zu einer Tür führen, die uns einen anderen Raum betreten lässt. In dem  mag es geschehen, dass wir unversehens uns selbst antreffen. Und zugleich mit uns - jedenfalls ist Kierkegaard davon überzeugt - auch Gott.

Sich selbst als ausgesondert erfahren. Sich selbst in der unaufhebbaren Stille der Einsamkeit - denn kein Mensch kann einen anderen darin vertreten - vor Gott gestellt sehen: das ist jener Augenblick, das alles entscheidende Datum, in welchem die Tiefe einer Person geformt wird.

Kiekegaards Sehnsuchtsschrei deshalb ein Schrei nach Einsamkeit und Stille: "Oh, schafft Stille!"

Sollte er in diesen Tagen Erhörung finden?

Donnerstag, 19. März 2020:

Wie schon in den vergangenen Tagen so auch heute wieder die unfassbare Schönheit einer von milden Frühlingswinden geküssten Erde, auf der alles, noch dazu wunderbar begleitet vom Konzertgesang unserer gefiederten Freunde, zu erwachen scheint und Auferstehung verkündet, aus dem Winterschlaf sich erhebendes Leben. Das Licht flutet, als hätte man ihm einen Hauch warmer Milch eingegossen, sanft über den See und die heute nur in zarten Konturen sich zeigenden Gebirgslandschaften: Dieser Erde steht kein Angstschweiß auf der Stirn. Und sie weiß auch nichts von Mundschutz, Sicherheitsabstand und Panikkäufen. Und noch weniger - bietet sie sich doch geradezu exhibitionistisch den Blicken dar! - von einem drohenden Ausgangsverbot... 

Man mag darin die große Gleichgültigkeit jener Natur erblicken, die - "wohl wenig bekümmert um uns" (Hölderlin) - Sonne Mond und Sterne aufgehen und über Böse und Gute hinwegziehen lässt. Jene Gleichgültigkeit, die den Narzissmus und die Arroganz der Menschenwelt, die alle Sonnen stets um sich kreisen lassen will, allenfalls milde belächelt, wenn sie deren Anstrengungen überhaupt zur Kenntnis nimmt...

Oder in diesen lauen Frühlingswinden Schriftzüge erkennen, die unser stiller Lehrmeister der Sorglosigkeit und des weiten Atems den gestrengen Gesetzen der Natur eingraviert haben muss: Die lichte Schönheit der vergangenen Tage wären dann nichts anderes als österlich gestimmte Sendschreiben und Trostbriefe Christi, die uns - aber bitte nicht nur! - daran erinnern wollen, dass selbst Viren-Winter nicht ewig dauern dürfen...

Mittwoch, 18. März 2020:

Was an der Entwicklung der letzten Wochen ebenso erstaunt wie bestürzt, ist die Einsicht in die Fragilität unserer vermeintlich so festgefügten, unangreifbaren Ordnungen: Eben noch sahen wir zu, wie ein Virus das so ferne China befällt - eine Stadt, eine Provinz, schließlich das ganze Land! Eben wunderten wir uns noch, wie es einer - freilich mit diktatorischer Macht ausgestatteter - Regierung gelingt, außerordentliche Maßnahmen in einem Ausmaß zu verhängen, wie es doch 'bei uns', so waren wir überzeugt, nie möglich wäre! Eben noch dachten wir, das sich in der Ferne abspielende Schauspiel würde an uns vorüberziehen und, wenn es doch näher rücken sollte, auf der Außenhaut unserer Gesellschaft allenfalls ein paar bald verheilende Kratzer hinterlassen. Um uns jetzt einer Flutwelle ausgesetzt zu sehen, deren Bedrohlichkeit gerade darin besteht, dass keiner ihre Größenordnung abzuschätzen in der Lage ist: Niemand weiß im Augenblick, wie hoch sie sich noch auftürmen wird.

Nur dass man jetzt deutlich das Zittern jener kleinen tönernen Füßchen zu spüren meint, auf die unser hochkomplexes Menschenhaus wohl doch errichtet ist... (Der hermelingefütterte, purpurfarben herabwallende Königsumhang der technischen und ökonomischen Perfektion hatte sie lediglich dem Blick entzogen!)

Wie von selbst sieht man sich - und seltsam berührt - auf den Schluss der Bergpredigt Jesu verwiesen. Und was bislang den Charakter eines gänzlich zeitlosen Weisheitswortes zu haben schien (so belanglos wahr für jede Zeit, so dass für keine Zeit letztlich gültig), taucht urplötzlich wie ein prophetischer Eisberg vor unserem auf dem Meer der Zeit dahingleitenden Ozeandampfer auf:

"Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten." (Mt 7, 24-29)